

Der Hausapotheker verfügt über sämtliche Medikationsdaten
seiner Patienten und kann sie entsprechend beraten.
Foto:ABDA
Das Interesse der Versicherten ist groß, die Beteiligung von Ärzten und Apothekern nicht minder – ebenso die Erwartungen in Einsparungen, besonders bei Arzneimitteln.
Ärzte sind eine kritische Klientel, behauptet einer, der es wissen muss: Rainer Kötzle, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands. Dass sich seit Jahresbeginn knapp 20 000 von ihnen für eine Teilnahme am Barmer Hausarztvertrag* entschieden haben und pro Tag 1 000 neue Einschreibungen hinzukommen, beweist für Kötzle deshalb, „dass der Vertrag gut angenommen worden ist“. Auch circa 10 000 Apotheker wollen sich am Integrationsmodell nach § 140 SGB V beteiligen. Das Interesse der 7,5 Millionen Versicherten sei ebenfalls groß, sagte der Barmer-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Eckart Fiedler am
25. Februar. Formal einschreiben können sie sich seit dem 1. März. Fiedler rechnet mit rund 1,4 Millionen Teilnehmern.
„Dieser Vertrag liefert gezielte Entlastungen für die Versicherten, die die Hauptlast der Gesundheitsreform zu tragen haben“, erläuterte Barmer-Vorstandsmitglied Klaus H. Richter. Durch seine Beteiligung kann ein Versicherter jährlich bis zu 30 Euro an Praxisgebühren sparen, ein mitversicherter Ehepartner noch einmal 30 Euro.
Sparen will auch die Krankenkasse, und zwar in erster Linie an Arzneimittelausgaben. Zwar hat die Barmer ihr Geschäftsjahr 2004 mit einem Überschuss von 600 Millionen Euro abgeschlossen. Doch ihr Vorstand befürchtet, dass die Arzneimittelkosten 2005 wieder stark in die Höhe gehen. Es sei ein besonderes Vertragsziel, „durch die Substitution von Scheininnovationen, den stärkeren Einsatz von Generika sowie Rabattverhandlungen mit Herstellern Einsparungen zu erzielen“, betonte Richter. Um bis zu 15 Prozent, also 300 Millionen Euro, ließen sich die Arzneimittelausgaben der Barmer dann pro Jahr senken. Allein durch eine hundertprozentige Substitution der Originalpräparate bei den drei Wirkstoffen Omeprazol, Metroprolol und Statinen durch generische Präparate könne die Barmer 25 Millionen Euro einsparen.
Als Begründung für solche Wünsche verweist die Barmer auf Verordnungsdaten. Auf mehr als acht Milliarden Euro beliefen sich 2004 die Ausgaben für Leistungen, die Vertragsärzte veranlassten, also Krankenhauseinweisungen, Heilmittel et cetera. Knapp die Hälfte davon ging auf das Konto von Hausärzten. Bei den Arzneimitteln veranlassten sie sogar 65 Prozent der Ausgaben. „Die ärztliche Therapiefreiheit sollte unangetastet bleiben“, befand Kötzle gleichwohl während der Barmer-Veranstaltung. Hausärzte, die dem Vertrag beitreten, sollen aber bei einer rationalen Verordnungsweise unterstützt werden. So ist geplant, dass sie frühzeitig Verordnungsdaten zur Verfügung gestellt bekommen und ihr Verschreibungsverhalten mit dem von Kollegen vergleichen können.
Für die Apotheker wiederum brechen neue Zeiten an. Mit dem Barmer-Hausarztmodell sind sie jetzt erstmals vertraglich in die Integrierte Versorgung eingebunden – ein Umstand, der ihrem Image als Heilberuf zuträglich sein dürfte. Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände wertet das Hausarzt-Hausapothekenmodell deshalb als Erfolg. In manchen Bundesländern, etwa in Westfalen-Lippe oder Niedersachsen, beteiligten sich bereits 90 Prozent der Apotheker. Die Wahl einer Hausapotheke scheint im Übrigen kein Problem für einschreibewillige Barmer-Versicherte zu sein: Nach Darstellung von Kötzle haben die meisten Interessenten bisher berichtet, dass sie sowieso regelmäßig zu einer bestimmten Apotheke gingen.
Die wesentlichen Aufgaben des Hausapothekers sind die Arzneimittel-Dokumentation für die Patienten, die regelmäßige Kommunikation mit dem Hausarzt sowie die Unterstützung von Rabattverträgen zwischen Kassen und Arzneimittelherstellern. „Hier entsteht eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker“, sagte ABDA-Sprecher Elmar Esser gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Da sich die teilnehmenden Barmer-Versicherten ihrerseits verpflichten, sämtliche Arzneimittel – auch die der Selbstmedikation – in ihrer Hausapotheke zu erwerben, können erstmals alle Medikationsdaten komplett erfasst werden. „Unerwünschte Wechselwirkungen können damit ebenso vermieden werden wie unnötige Doppelverordnungen“, so Esser. Letztlich werde dies zu Kostensenkungen beitragen.
Für die Apotheker soll sich vor allem der „kurze Draht“ (Esser) zwischen den Gesundheitsberufen rechnen. Für jede Kommunikation mit dem Hausarzt erhalten sie acht Euro. Die Pauschale dürfen die Apotheker jedoch pro Quartal nur für zehn Prozent der eingeschriebenen Patienten abrechnen. Die Barmer finanziert diesen Betrag außerhalb des Budgets. Vom zweiten Jahr an gibt es für die Hausapotheker zusätzlich eine Pauschale aus realisierten Einsparungen.
Die Begeisterung für den Barmer-Hausarztvertrag ist jedoch nicht ungeteilt. Vor allem bei Kassenärztlichen Vereinigungen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist man skeptisch, denn die ärztlichen Körperschaften sind von Gesetzes wegen von der Teilnahme an Integrationsverträgen ausgeschlossen. „Positiv ist, dass es sich um einen bundesweiten Vertrag zwischen großen Partnern handelt“, sagte KBV-Sprecher Roland Stahl. „Wir warnen aber grundsätzlich vor einem Flickenteppich in der ambulanten Versorgung.“ Einige KVen gehen allerdings pragmatisch mit dem Vertrag um. So hat beispielsweise die KV Westfalen-Lippe angeboten, dass ihre Consult-Tochter in die Abwicklung einsteigen könnte. „Wir positionieren uns als Dienstleister, der Abrechnungsaufträge übernimmt“, erläuterte KV-Consult-Geschäftsführer Wolfgang Vieten.
„Wenn wir ein wirklich gutes Angebot bekommen, ist die KV ein gern gesehener Partner im Dienstleistungssektor“ – so sieht es Eberhard Mehl. Der Geschäftsführer des Hausärzteverbands verweist allerdings darauf, dass ihn noch keine KV zum Gespräch eingeladen habe. Der Hausärzteverband unterzeichnet inzwischen weitere Abkommen. Im Januar hat er mit dem Berufsverband der Augenärzte und der Deutschen Betriebskrankenkasse in Wolfsburg einen Integrationsvertrag geschlossen, der Folgeschäden bei Diabetikern vermeiden soll. Eine Vereinbarung mit der AOK Bayern nach dem Vorbild des Barmervertrags steht. Nägel mit Köpfen will auch die KV Nordrhein machen. Ihrem Vorsitzenden Dr. med. Leonhard Hansen zufolge bemüht sie sich, einen Kassenarten übergreifenden Vertrag für alle Hausärzte abzuschließen. Er ist optimistisch, dass das gelingt.
Heike Korzilius, Sabine Rieser
* Infos: www.barmer.de, www.hausaerzteverband.de, www.aponet.de
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