BRIEFE
Sexueller Missbrauch: Kein Tabuthema mehr
PP 4, Ausgabe März 2005, Seite 119


Frau Bühring zitiert in ihrem Beitrag mehrfach den Baseler Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Werner Tschan, der sich darüber beklagt, dass sexuelle Übergriffe in der Psychotherapie auch in Fachkreisen immer noch weitgehend tabuisiert würden. Die Psychotherapeuten (zu denen ich auch die ärztlichen Psychotherapeuten zähle) unter den Lesern wissen, dass dies –
jedenfalls in Deutschland – glücklicherweise schon lange nicht mehr der Fall ist. Da das Ärzteblatt aber auch von anderen, insbesondere auch von (potenziellen) Patienten gelesen wird, sollten die Äußerungen Tschans jedoch nicht unkommentiert bleiben.
Tschan rügt das fehlende Problembewusstsein in der Fachwelt und fordert – mit den Verhältnissen hier offenbar nicht vollends vertraut – Integration des Themas in die Ausbildungscurricula. Die ist allerdings längst erfolgt. Gemäß den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen ist Berufsethik seit 1999 Pflichtbestandteil schon der Grundlagen-Ausbildung. Und soweit ersichtlich, setzen die Aus- und Weiterbildungsstätten diese Verpflichtung, die in den Richtlinien der maßgeblichen Fachgesellschaften und Verbände schon viel früher veran-
kert war, in der Praxis auch um.
Völlig daneben liegt Tschan schließlich mit seiner Behauptung, die Fachdisziplinen würden das Missbrauchsthema meiden und nur danach trachten, die eigene Disziplin „rein“ zu halten. Das Gegenteil ist der Fall. Die DGPT zum Beispiel hat schon früh entsprechende Ethik-Leitlinien für ihre Mitglieder und (53) Institute erarbeitet. Sie verfügt darüber hinaus seit Jahren über eine Schiedskommission, die von einem ehemaligen Strafkammervorsitzenden geleitet wird und schwere Abstinenzverletzungen mit dem Ausschluss aus der Gesellschaft ahndet. Die Mitglieder dieser Kommission – nicht ihr Vorsitzender – arbeiten übrigens ehrenamtlich. Der für sie damit verbundene Aufwand an Zeit und Engagement verdient aller(r) Achtung. Exemplarisch sei weiter auf das „Verbändetreffen gegen sexuellen Missbrauch in Psychotherapie und psychosozialer Beratung“ verwiesen. In diesem Gremium treffen sich regelmäßig die Experten maßgeblicher Psychotherapeutenverbände zum Erfahrungsaustausch. Schon 1997 wurde von ihnen mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Informationsbroschüre zum Thema herausgegeben.
Holger Schildt, Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V., Johannisbollwerk 20, 20459 Hamburg
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