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VARIA: Feuilleton

Hans Christian Andersen: Das Talent zum Glück

Dtsch Arztebl 2005; 102(13): A-925 / B-781 / C-732

Janowski, Klaus

Hans Christian Andersen liest jungen adligen Damen vor. Aufnahme von 1863
Die Geschichte des Dänen Hans Christian Andersen (1805–1875) ist die Geschichte des Aufstiegs eines Jungen, dessen Kinderjahre in Odense durch Armut und Elend geprägt waren. Der Aufstiegswille war es, der ihn bereits mit 14 Jahren ohne einen konkreten Anlass nach Kopenhagen aufbrechen ließ, um in der Hauptstadt am Königlichen Theater sein Glück zu suchen: „Ich will berühmt werden!“ An diesem Ziel hielt er sein ganzes Leben hindurch fest und verfolgte es stets konsequent.
Wer kennt nicht „Das Feuerzeug“, „Des Kaisers neue Kleider“, „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, „Die Schneekönigin“ oder „Der Tannenbaum“? Als Verfasser von Kindermärchen und Geschichten dürfte Andersen weit mehr Menschen bekannt sein als manch anderer Autor der Weltliteratur. In mehr als hundert Sprachen übersetzt, werden seine Märchen und Geschichten in einer Millionenauflage herausgegeben. Zur Entstehung seiner Märchen schrieb Andersen: „Sie lagen wie ein Samenkorn in meinen Gedanken: es bedurfte nur eines Lufthauchs, eines Sonnenstrahls, eines Tropfens Wermut und sie entfalteten sich zur Blüte.“ Andersen schrieb manche Märchen an wenigen Abenden.
Frühe Erfahrungen im Königlichen Theater
Andersen war auch als Dramatiker, Lyriker, Reise- und Romanschriftsteller produktiv. Was er aber weder als Dramatiker noch als Lyriker erreichte, wurde ihm als Romanschriftsteller zuteil. Sein erster Roman „Der Improvisator“ (1835) brachte für ihn den Durchbruch, es folgten „O.Z.“ (1836), „Nur ein Spielmann“ (1837), „Die beiden Baroninnen“, „Sein oder Nichtsein“ (1837) und „Glücks-Peer“ (1870).
Andersens letzter Roman „Glücks-Peter“ (Peer) ist eine heitere Variation seines Lieblingsthemas, die Faszination des Theaters. Der Titelheld Peter ist am gleichen Tag geboren wie Felix, der Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie, die ein großes Haus bewohnt, in dessen Dachgeschoss auch Peters Eltern wohnen, allerdings eher schlecht als recht. Trotz widriger Umstände ist es die Lebensgeschichte eines armen Jungen, der dann dank seiner künstlerischen Begabung zu Ruhm und Ehren gelangt. Am Schluss des Romans stirbt Peter auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Triumphes auf der Bühne an einem Herzanfall, „umjubelt von denen, die ihn lieb hatten, glücklich zu preisen unter Millionen“. In den Roman flossen Andersens frühe Erfahrungen im Königlichen Theater von Kopenhagen ein. Schon als Kind faszinierte ihn das Theater, ganz gleich, ob es sich um Ballett, Gesang oder Schauspiel handelte.
Fotos: dpa Die Kleine Meerjungfrau – das Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen
Die Lektüre seines Werdeganges verdeutlicht, wie man aus der Routine, aus den Zwängen der genetischen und sozialen Konditionierung ausbrechen und sein Leben kreativ gestalten kann. Die Erfolge der kreativen Persönlichkeit Andersen waren zu einem großen Teil von Zufällen abhängig. Er hatte das Glück, in einer unterstützenden Umwelt aufzuwachsen, und befand sich meist zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Neben diesen Faktoren, vom Zufall gelenkten Faktoren, war seine persönliche Entschlossenheit, selbst über sein Schicksal zu bestimmen, entscheidend. Jonas Collin, sein Wohltäter, der ihm mit königlicher Unterstützung die Schulbildung ermöglichte, der ihm auch immer wieder Mut einflößte, sagte zu ihm: „Schlagen Sie nur in Gottes Namen den Weg ein, für den Sie sicherlich geschaffen sind, es ist bestimmt das Beste.“
Mit 27 Jahren schrieb Andersen seine erste Autobiografie „Lebenstück“ (Levnedsbog). Für die Zeit nach 1832 sind in deutscher Sprache Andersens Biografie „Das Märchen meines Lebens ohne Dichtung“ (1847) und deren erweiterte Fassung „Das Märchen meines Lebens“ erschienen, die wichtigsten Quellen, die durch seine Tagebücher und Briefe ergänzt werden. Sein Ruhm allerdings beruht ausschließlich auf den Märchen.
Dr. med. habil. Klaus Janowski
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