THEMEN DER ZEIT

Geschichte der Medizin: Beginn landesherrlicher Fürsorge

Dtsch Arztebl 2005; 102(14): A-960 / B-811 / C-758

Sahmland, Irmtraut

Philipp der Großmütige von Hessen (1504–1567), Brustbild des Landgrafen in Hofkleidung, Öl auf Eiche, Hans Krell bzw. Hans Brosamer, 1539 Foto:Wartburg – Stiftung Eisenach, Kunstsammlung
Mit dem Übertritt des hessischen Landgrafen zur Reformation wurden die Klöster zu Stätten landesherrlicher Fürsorge. Vom Selbstverständnis des Landgrafen als Hospitalgründer kündet der „Philippstein“ in Haina.

Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen (15041567) war einer der ersten Landesherren, die sich der Reformation anschlossen und die damit verbundenen Reformen durchführten. Die Geschichte der auf seine Initiative hin gegründeten „Hohen Hospitäler“ im Zeichen von Kontinuität und Wandel ist bemerkenswert: Einstmals wichtige Elemente im Rahmen einer territorialen Sozialfürsorge, sind sie heute Zentren für soziale Psychiatrie in der Trägerschaft des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen.
Der auf der Homberger Synode 1526 offiziell formulierte Übertritt des Landgrafen zum Protestantismus bedeutete auch eine grundlegende innenpolitische Neuorganisation. Der dadurch erzeugte Druck bot zugleich eine Chance landespolitischer Gestaltungsmöglichkeiten. Der Kasseler Landtagsabschied von 1527 enthielt den Aufhebungsbeschluss der Klosterkonvente und zugleich die Bestimmungen über den künftigen Verwendungszweck der dadurch frei gewordenen Klostergüter und -vermögen. Diese Mittel sollten dienen:

- zur Abfindung der ausscheidenden Mönche und Nonnen,
- zur Erziehung der Kinder des Adels,
- zur Dotierung der Marburger Universität, schließlich
- zum gemeinen Nutzen, um Armut und übermäßige Besteuerung zu vermeiden.
Tatsächlich wurde ein Unterstützungs- oder Hilfsfonds zur Versorgung von Armen eingerichtet (7). Generalvisitationen der bestehenden städtischen Hospitäler führten zu reformierten Hospitalordnungen (8). Die Reorganisation des Fürsorgewesens dürfte das Versorgungsgefälle zwischen Stadt und Land deutlich gemacht haben: Waren die Einrichtungen der Kommunen tatsächlich darauf ausgerichtet, mit ihren Mitteln den aus ihrer Bürgerschaft erwachsenden Bedarf zu decken, so waren gleichzeitig die traditionell eher auf das Land hin orientierten Klöster mit deren Aufhebung als Elemente in dem Versorgungssystem ausgefallen. Um diese Versorgungslücke zu schließen, wurden in den Folgejahren die vier so genannten Hohen Hospitäler gestiftet. 1533 wurde das bei Marburg gelegene Zisterzienserkloster Haina sowie das ehemals als Augustiner-Chorherrenstift geweihte Kloster Merxhausen in der Nähe von Kassel seiner neuen Bestimmung zugeführt, 1535 die Pfarrei Hofheim bei Darmstadt als Standort für ein Hospital bestimmt. 1542 wurde das Benediktinerkloster Gronau bei St. Goar zum Hospital umgewidmet, das jedoch nur bis zum Dreißigjährigen Krieg bestand.
Damit war eine für alle Landesteile flächendeckende Infrastruktur sozialfürsorgerischer Einrichtungen auf territorialer Ebene geschaffen – ein für diese Zeit einzigartiges Konzept. Es findet seinen Ausdruck in der Bezeichnung „Hohe Hospitäler“, die auf den landesherrlichen Ursprung hinweist. Philipp nutzte frei verfügbare Liegenschaften, die, ihrer bisherigen Nutzung beraubt, einem neuen Verwendungszweck zugeführt werden konnten und aus diversen Einkünften die notwendigen Finanzmittel für den laufenden Betrieb abwarfen. Zugleich wurde das Reformwerk durch eine entsprechende testamentarische Verfügung abgesichert, sodass es die nachfolgende territoriale Aufteilung unbeschadet als Ganzes überstand, was wiederum in der Bezeichnung „Samt-Hospitäler“ seinen sprachlichen Ausdruck findet.
Der „Philippstein“ – Dokument des Reformprogramms
Eine Darstellung vom Selbstverständnis Philipps als Hospitalgründer zeigt der „Philippstein“. Dieser farbig sehr ansprechend gestaltete Reliefstein, von dem Frankenberger Künstler Philipp Soldan geschaffen und auf das Jahr 1542 datiert, befindet sich heute in der Klosterkirche in Haina.
In der linken Bildhälfte steht Philipp in Herrscherpose, in einer Bekleidung, die eine Rüstung suggeriert, aber keine ist, bezeichnenderweise auch ohne Schwert und mit einer modisch drapierten Kopfbedeckung. Das Gegenüber bildet seine Vorfahrin, die Heilige Elisabeth. Dem armen Lazarus, dem Repräsentanten des Armen, Bedürftigen und Kranken schlechthin, Speise und Trank reichend, verrichtet sie einen Liebesdienst. Die Heilige Elisabeth übt an ihm Nächstenliebe im Sinn der mittelalterlichen Karitas, und sie hatte in Marburg mit der Errichtung eines franziskanischen Hospitals diesem Werk ja auch einen Ort (9) geschaffen. Der Text der ihr zugeordneten Spruchtafel lautet:

„Wer Hoffnung hat zu Gottes Reich
Der tut nicht dem Exempel gleich
Wie ohn Gnad tet der reiche man,
der unbarmherziglich ließ stahn
Lazarum vor der Tür voller Schwern,
Darum musst er, wiewohl ungern,
Ewiglich leiden große Qual
In Höllenglut, das nehmt alle wahr.“
Damit wird ausdrücklich die mittelalterliche Idee gottgefälliger und dem eigenen Seelenheil dienlicher Barmherzigkeit zitiert. An diese Tradition knüpft Philipp an, aber nicht ungebrochen. Hatte Elisabeth ganz entschieden allen weltlichen Werten und Machtansprüchen entsagt, so wird sie hier als Landesherrin mit goldener Krone gesehen. Dies ist ein mindestens ebenso wichtiger Anknüpfungspunkt Philipps zur Legitimation seines eigenen Werks. Und schließlich: Elisabeth starb bereits im Alter von 24 Jahren (vermutlich an Tuberkulose). Hier wird sie jedoch als ältere Frau dargestellt; sie ist sehr in die Bildecke gerückt – die Falten ihres Überwurfs liegen auf dem Rahmen, der das Bild begrenzt. Indem sie hinter einer Texttafel agiert, erscheint sie außerdem seltsam in den Hintergrund gedrängt, was im Vergleich zur Positionierung Philipps besonders auffallend erscheint.
Die Harpye (10), ein etwas gezwungenes Bild mit griechisch-mythologischen und christlichen Elementen, stellt den Eigennutz dar, wie er, so der Vorwurf, in den Klöstern Einzug gehalten hatte. Mit goldener Haube auf dem Kopf – was auf die Mönche hinweisen mag – sind die großen Fänge Instrumente unstillbarer Habgier. Philipp hat das Nest der Harpyen – das Kloster – wie ein neuer Hercules ausgeräumt und den Eigennutz mit einer Kette an die Schatztruhe angelegt:

„Bin alhie zum spott gebunden ahn,
das mich speyhet jederman.“
Mit anderen Worten: Der Eigennutz wird hier ganz ausdrücklich an den Pranger gestellt, ebenso wie es damals mit Missetätern geschah.
Im Medium der Ikonographie des „Philippsteins“ wird eine Reformatio proklamiert. Die Heilige Elisabeth erfährt eine Überformung, die Repräsentantin der mittelalterlichen Karitas wird zur Landesmutter mit sozialem Verantwortungsbewusstsein umgedeutet (11). Durch diese spezifische Geschichtsschreibung kann die Tradition fortgeschrieben, sie kann für die Legitimation eines neuen Konzeptes funktionalisiert werden.
Wie dieses aussieht, auch darüber gibt der „Philippstein“ Auskunft – auf der Spruchtafel, hinter der Elisabeth nun zurücktreten muss:

„Nun bin ich [das Hospital]
aber so gestift,
dass ich niemandt uffnehm umb gift.
Der arm hat hie aus milter gunst
Sein kost, behausung,
kleidt umbsunst.
Gibt anderst jemandts
sonst ein gab,
Dem besser Gott sein
seel undt haab.“
Philipp der Großmütige von Hessen (1504–1567), Brustbild des Landgrafen in Hofkleidung, Öl auf Eiche, Hans Krell bzw. Hans Brosamer, 1539 Foto:Wartburg – Stiftung Eisenach, Kunstsammlung
Jenseits auch weiterhin willkommener karitativer Zuwendungen an die Armen ist die Hospitalstiftung durch die milde Gunst des Landesherrn gesichert. Das neue und tragende Element ist damit die soziale Verantwortung der politischen Macht zu gemeinnütziger Fürsorge, die auch nicht mehr religiös begründet wird. In der Wahrnehmung dieser Aufgabe ist Philipp großzügig, denn die Bedürftigen werden ohne Eigenanteil mit allem Notwendigen, Unterkunft, Verpflegung und Kleidung, versorgt. Die Kapazität der einzelnen Klöster war unterschiedlich (Haina als die größte Einrichtung hatte zunächst 100 Plätze) und sollte nach Maßgabe der verfügbaren Mittel erweitert werden.
Aufnahmeberechtigt waren ältere Personen (12) aus den Dörfern der Landgrafschaft, nicht aber aus den Städten, zu deren Versorgungseinrichtungen die Hohen Hospitäler in Komplementärfunktion standen. Sie sollten einen ehrbaren und christlichen Lebenswandel führen. Dennoch wurden hier keine Altenheime für die Landbevölkerung konzipiert. 1548 befanden sich in Haina 30 geborene Narren und Blinde, etwa zehn Personen waren wahnsinnig; die anderen sind „alt, krank, lahm und mit plagen und gebrechen beladen“. Daneben wird eine Zahl von etwa 50 Armen und Gebrechlichen genannt, zudem gibt es Aussätzige. Die Hospitaliten stellen das breite Spektrum dessen dar, was mit dem Begriff „siech“ gefasst wurde, und die Belegungszahl hatte die Marke von 100 bereits weit überschritten.
Regelmäßige Visitationen
Die Aufnahme setzte ein schriftliches Bittgesuch voraus, das im Einzelfall geprüft wurde. Ein Bewilligungsbescheid erging in Form eines vom Landgrafen ausgestellten Reskriptes. Es bestimmte auch die Priorität der Aufnahme: entweder entsprechend der Reihenfolge (sub ordine) oder bei besonderer Dringlichkeit unter Umgehung der Warteliste (extra ordinem). Das Bewilligungsverfahren war Teil einer umfassenden, modernen Verwaltungsstruktur, in die die Samt-Hospitäler eingebunden waren. Es gab regelmäßige Visitationen und eine jährliche Rechnungslegung, zu der man in der Zentralverwaltung in Haina zusammenkam (13). Diese durchstrukturierte Verwaltung war Ausdruck frühmoderner Staatlichkeit, sie war nötig, um ein Projekt dieses Ausmaßes zu kontrollieren und die eingesetzten Mittel einer gezielten und optimalen Verwendung zuzuführen.
Das Leben in den Hospitälern regelte die Hospitalordnung. Die Hospitaliten waren in den vorhandenen Gebäuden untergebracht, erst in späterer Zeit wurden Erweiterungen vorgenommen. Abgesehen von der Separierung der potenziell infektiösen Personen und den ebenfalls gesondert untergebrachten Wahnsinnigen, wurden die Insassen nach Art ihrer Gebrechen in Gruppen zusammengefasst. So teilten sich die Epileptiker den Raum mit den Blinden, denn diesen konnten sie durch ihren Anblick keinen Schaden zufügen (14).
Strenger Tagesablauf
Der Tagesablauf war streng geregelt und bestand in einem Wechsel aus religiösen Andachten (gemeinsamem Gebet, katechetischer Unterweisung, Gottesdienst) und Arbeit. Unverkennbar stand der benediktinische Grundsatz des „ora et labora“ im Hintergrund. Selbst bei Einnahme der Mahlzeiten brachte ein Vorleser Bibeltexte zu Gehör, das heißt, es war immer zugleich eine körperliche und geistige Speisung. Diejenigen, die dazu körperlich in der Lage waren, sollten arbeiten, „das man dem teufel durch den müßiggangk nicht raum beweise“ (15). Die Hospitaliten wurden nicht gewinnbringend auf den klösterlichen Ländereien eingesetzt, es ging auch nicht um Arbeitstherapie, sondern Arbeit diente der seelischen Unversehrtheit. Ungehorsam in jeder Form wurde streng geahndet, beginnend mit Essensentzug konnte je nach Schwere des Vergehens auch Gefängnis und im Wiederholungsfall die Ausweisung aus dem Hospital ausgesprochen werden. Es ist deutlich, dass das Leben im Hospital von mönchischen Elementen bestimmt war, die monastische Tradition lebte in den alten Klostermauern fort.
Setzt man die Präsenz ärztlicher Kompetenz als Maßstab an, so scheint der medizinisch-therapeutische Bereich lange Zeit von untergeordneter Bedeutung gewesen zu sein. Ungeachtet des Siechtums der Insassen – von Altersschwäche über chronische Krankheiten, körperliche und geistige Behinderungen bis zu Infektionen – gab es erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts den fest angestellten Hospitalarzt. Allerdings wurden bis dahin durch einen Barbier oder Bader regelmäßig Schröpfköpfe gesetzt oder zur Ader gelassen – Maßnahmen, die damals medizinische Grundbestandteile in der Prophylaxe wie auch in der Therapie darstellten. Darüber hinaus galten chronische Leiden als unheilbar. In akuten Fällen wurde ein Chirurg oder Arzt aus dem Umfeld gerufen; in Haina konnte seit 1577 ein Mediziner der Universität Marburg bemüht werden (16), und es lassen sich Ausgaben für besondere Medikationen nachweisen. Vorzugsweise bestand medizinische Versorgung in einer angemessenen Krankenpflege und in der Krankenverpflegung, die im Rahmen der Diätetik einen zentralen Stellenwert hatte. Mit der Verköstigung der Hospitaliten war es sehr gut bestellt, insbesondere im Vergleich mit den materiellen Bedingungen, unter denen sie vor ihrer Aufnahme lebten. Nicht umsonst war die härteste Strafe der Verweis aus dem Hospital.
Das Konzept der Hospitalgründungen Philipps lässt sich folgendermaßen charakterisieren: In den Klosteranlagen wurden deutliche Elemente benediktinischer Mönchskultur fortgeführt. Die Hospitaliten, die übrigens als Brüder und Schwestern bezeichnet wurden, waren einer strengen und disziplinierten Ordnung unterworfen, die wesentlich vom religiösen Leben bestimmt war, das nun allerdings der protestantischen Lehre folgte. Auf der Ebene des Hospitalalltags fand also kein Säkularisierungsprozess statt, sondern eine weitgehende Fortschreibung der Tradition. In diesem Sinn blieben die Hospitäler christlich-religiöse Einrichtungen (17). Der Impetus zu dem Reformwerk erwuchs allerdings aus einem neuartigen, politisch-staatlich begründeten Verständnis sozialer Fürsorge, die nicht mehr auf das Fundament christlicher Karitas verwies, das vielmehr in bezeichnender Weise überformt wurde. Landgraf Philipp übernahm damit Entwicklungen, wie sie auch im Bereich der städtischen Hospitäler skizziert wurden, und übertrug sie erstmals und in ganz neuer Dimension auf einen territorialen Flächenstaat. Dieser Prozess vollzog sich zunächst langsam, aber stetig. Sehr bald wurden die anfänglich festgelegten Aufnahmekriterien ausgeweitet. Ein wichtiger Grund für die allmähliche Zunahme des Anteils Geisteskranker lag darin, dass es sich bei diesen Personen häufig um akute Fälle handelte. Geisteskranke, die rasend waren oder an periodischem Schwachsinn litten, waren oftmals suizidgefährdet und stellten eine Bedrohung für ihre Umgebung dar. In solchen Fällen bestand unmittelbarer Handlungsbedarf. Diese Menschen wurden extra ordinem aufgenommen, und es konnte ein über viele Jahre oder Jahrzehnte sich erstreckender Aufenthalt im Hospital folgen.
Einrichtungen der Irrenpflege
Ein weiterer Grund für diese latente Entwicklung bestand darin, dass sich bei vorliegender Geisteskrankheit die Zuständigkeit der Hohen Hospitäler auch auf die Stadtbürger ausdehnte. Die städtischen Hospitäler waren nicht dafür ausgelegt, tobsüchtige Personen aufzunehmen, und so war die strukturelle Aufteilung zwischen Stadt und Land hier aufgehoben.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die bis dahin eher schleichende Schwerpunktverlagerung auf eine Belegung mit geisteskranken Menschen forciert. In diese Zeit fallen die Anfänge der Psychiatrie, die Geisteskrankheiten als eine medizinische Kategorie zu fassen versuchte mit der Perspektive, sie behandeln und doch zumindest teilweise heilen zu können. Angesichts dieses neuartigen Bedarfs zur Unterbringung Geisteskranker wurden die Hohen Hospitäler nun zu Einrichtungen der Irrenpflege umgewidmet und im Regulativ für das Hospital Hofheim von 1828 festgeschrieben (18).
Die Hohen Hospitäler hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst von ihrem ursprünglichen Zweck entfernt. Die zweite Phase ihrer Geschichte hatte begonnen: Als Irrenverwahr- und Heilanstalten waren sie eingebunden in die Auseinandersetzungen um die Versorgung und Behandlung der Geisteskranken. Die in diesem medizinischen Diskurs entwickelten Therapiekonzepte verlangten nach einer entsprechenden baulichen Ausstattung. Es ging um die Frage eines Neubaus auch an anderer Stelle, mindestens aber um Erweiterungsbauten, um die nötigen Standards für einen Heilerfolg der Patienten bieten zu können und um die Kapazitäten zu erweitern, die permanent hinter der eklatant steigenden Nachfrage zurückblieben. 1826 waren in Hofheim 257 Hospitaliten, 1864 bereits 425. Schließlich wurde mit Heppenheim an der Bergstraße 1866 eine weitere Irrenheilanstalt eröffnet. Im Hospital Hofheim ebenso wie in den anderen Hohen Hospitälern blieb die Erinnerung an deren Gründer stets wach. So wie Philipps Hospitalgründungen im 16. Jahrhundert war auch die Entwicklung zu Spezialkrankenhäusern für psychisch Kranke im 19. Jahrhundert eine Reaktion auf eine unmittelbare Bedarfslage.

Hospital Haina, Kupferstich von Matthäus Merian 1646 aus „Topographia Hassiae“, nach der Vorlage aus Wilhelm Dillichs „Hessische Chronika“, Kassel 1605 Foto: LWV-Hessen, Archiv Kassel

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: A 960–965 [Heft 14]
Anschrift der Verfasserin:
Priv.-Doz. Dr. phil. Irmtraut Sahmland
Institut für Geschichte der Medizin
Justus-Liebig-Universität Gießen
Iheringstraße 6
35392 Gießen


Hospitäler als Orte sozialer Fürsorge im Mittelalter
Hospitäler sind nur sehr bedingt als Vor- oder Frühformen dessen zu verstehen, was wir heute als Krankenhäuser kennen. Das Hospital ist eigentlich ein „Gasthaus“ (lat. hospes: Gast). Demnach hatte es im Sinn eines Sozialasyls (1) multifunktionale Aufgaben. Die Anfänge liegen in den Klöstern, die seit dem frühen Mittelalter in einer Landschaft ohne Stadtkultur Zentren der Konservierung und der Vermittlung des antiken Wissens darstellten. Sie brachten ein neues Element ein, das für die abendländischen Hospitäler zentral und prägend wurde: das Gebot der Nächstenliebe, aus dem sich der dezidiert christlich geprägte Gedanke der Karitas entwickelte (Matth. 25, 34–45). Das Manifest dieser christlichen Fürsorge beinhaltet die Regula Benedicti, das Regelwerk des Benedikt von Nursia (480542), das der Gründer des Benediktinerordens für sein Kloster auf dem Montecassino erstellt hatte (2). Die architektonischen Erfordernisse, die sich idealerweise daraus ergaben, zeigt der berühmte Klosterplan von St. Gallen, der vermutlich um 820 auf der Insel Reichenau entstand, aber in dieser Form nie realisiert wurde. Das 795 datierte Lorscher Arzneibuch dokumentiert die vielseitigen Kenntnisse der Mönche in der Kräuterheilkunde (3).
Unter deutlichen Anleihen an diese monastische Tradition entstanden Hospitäler auch in den Städten des hohen Mittelalters. Auffallend häufig heißen sie Heilig-Geist-Spital (4), und oftmals konnten sie, ausgerichtet an der Zahl der Apostel, nur zwölf Hospitaliten aufnehmen; eine Kapazität von 200 Plätzen, über die das Nürnberger Heilig-Geist-Spital von 1339 verfügte, war die Ausnahme. Diese oftmals auf private Fundationen zurückgehenden Einrichtungen leisteten einen unverzichtbaren Beitrag kommunaler Sozialfürsorge. In dem Maße, wie der Bedarf in den Städten sich erweiterte und auch veränderte, mussten gleichwohl neue Strukturen geschaffen werden. Viele Hospitäler wurden in die Trägerschaft der kommunalpolitischen Vertretung überführt. Im Laufe des 14. Jahrhunderts erfolgte vielfach eine Erweiterung der Bürgerhospitäler zu Pfründneranstalten, in die sich Bürger prospektiv im Sinn einer Altersversorgung einkaufen konnten (5). Im Zuge einer Spezialisierung (6) durch die Einrichtung gesonderter Pilgerherbergen, Waisen- und Findelhäuser, Pesthäuser, vor allem aber Leprastationen (auch Sondersiechen- oder Gutleuthäuser genannt), reduzierte sich das Bürgerhospital tendenziell auf die Funktion eines Siechenhauses, zuständig für alle diejenigen, die vorzugsweise körperlich gehandicapt waren und die durch Altersschwäche, chronische Erkrankungen, körperliche oder geistige Behinderungen, aber auch akute Krankheiten Hilfe und Unterstützung benötigten.
Damit waren die Hospitäler an der Schwelle der frühen Neuzeit als Sozialasyle wichtige Versorgungsinstanzen mit einem breit gefächerten Aufgabenspektrum, wobei sich der ursprüngliche Impetus der christlichen Karitas in den Städten mit einer sozialpolitischen Verantwortung der Kommunen verbunden hatte.
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1.
Knefelkamp U: Über den Funktionswandel von Spitälern vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, aufgezeigt an Beispielen aus Deutschland, England und Italien. Historia Hospitalium 2001/01; 22: 9–34.
2.
Steidle B (Hrsg.): Die Benediktus-Regel, lat.-dt., 3. Aufl. Beuron 1978.
3.
Keil G (Hrgs.): Das Lorscher Arzneibuch, 2 Bände. Stuttgart 1989.
4.
Der Name verweist eher selten auf die Fundation durch den Heilig-Geist-Orden. Vielmehr ist er der zeitgenössischen Vorstellung verpflichtet, die den Heilig Geist als „pater pauperum“, als Vater der Armen, verehrte.
5.
Windemuth ML: Das Hospital als Träger der Armenfürsorge im Mittelalter. Stuttgart: Sudhoffs Archiv, Beihefte, 1995; 36: 104.
6.
Diese wird auf das 15. Jahrhundert datiert. Knefelkamp U: Über den Funktionswandel von Spitälern vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, aufgezeigt an Beispielen aus Deutschland, England und Italien. Historia Hospitalium 2001/01; 22: 9.
7.
Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 176–235, 183. Grundlegend auch: Heinemeyer W, Pünder T (Hrsg.): 450 Jahre Psychiatrie in Hessen. Marburg: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 1983; 47.
8.
Vgl. ebd., S. 185.
9.
Pikanterweise waren die Franziskaner in Marburg ein Hort der Antireformation, sie bildeten ein „Widerstandsnest“, sodass hier neben dem geistesgeschichtlichen Bezug auf Elisabeth womöglich ein unmittelbar aktuell politischer mitzudenken ist.
10.
Nach der griechischen Mythologie ein mit Federn besetzter Frauenkörper, der habgierig Schätze sammelt.
11.
Wenige Jahre zuvor hatte Philipp mit der Umbettung ihrer Gebeine aus dem Schrein in der Marburger Kirche auf den Pilgerfriedhof ebenfalls eine Revision des Bildes der katholischen Heiligen beabsichtigt.
12.
Anfangs wurde bestimmt, sie sollten mindestens 60 Jahre alt sein, „es were dan, dass es ein solch gebrechlich mensch were, der sonst zu nichts dienlich“ Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 199.
13.
Friedrich A: Die Visitation und Abhörung der Jahresrechnungen der Hohen Hospitäler in Hessen und das Hospital Hofheim. In: Sahmland I, Trosse S, Vanja Chr et al. (Hrsg.): „Haltestation Philippshospital“. Ein Psychiatrisches Zentrum – Kontinuität und Wandel 1535–1904–2004. Marburg: Historische Schriftenreihe des LWV Hessen. Quellen und Studien 2004, Bd. 10; 65–78.
14.
Vanja Chr: Das Hospital Haina von 1533 bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. In: Psychiatrie-Museum Haina. Ausstellung, Bibliothek und Archiv zur Hospital- und Krankenhausgeschichte. Kassel: Historische Schriftenreihe des LWV Hessen, 1992, Kurzführer 1; 13.
15.
Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 200.
16.
Aumüller G: Ärztliche Versorgung und Leitung der hessischen Hohen Hospitäler im 16. und 17. Jahrhundert. In: Friedrich A, Heinrich F, Vanja Chr (Hrsg.): Das Hospital am Beginn der Neuzeit. Soziale Reform in Hessen im Spiegel europäischer Kulturgeschichte. Zum 500. Geburtstag Philipps des Großmütigen. Petersberg: Historische Schriftenreihe des LWV Hessen. Quellen und Studien 2004, Bd. 11; 79–92. Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 220.
17.
Dass diese Tradition auch im Bewusstsein fortbestand, zeigt sich darin, dass die Bezeichnung Kloster Haina wie selbstverständlich bis heute erhalten blieb.
18.
Großherzoglich hessisches Regierungsblatt auf das Jahr 1828, Nr. 38, 8. Sept. 1828: 397 ff.
1. Knefelkamp U: Über den Funktionswandel von Spitälern vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, aufgezeigt an Beispielen aus Deutschland, England und Italien. Historia Hospitalium 2001/01; 22: 9–34.
2. Steidle B (Hrsg.): Die Benediktus-Regel, lat.-dt., 3. Aufl. Beuron 1978.
3. Keil G (Hrgs.): Das Lorscher Arzneibuch, 2 Bände. Stuttgart 1989.
4. Der Name verweist eher selten auf die Fundation durch den Heilig-Geist-Orden. Vielmehr ist er der zeitgenössischen Vorstellung verpflichtet, die den Heilig Geist als „pater pauperum“, als Vater der Armen, verehrte.
5. Windemuth ML: Das Hospital als Träger der Armenfürsorge im Mittelalter. Stuttgart: Sudhoffs Archiv, Beihefte, 1995; 36: 104.
6. Diese wird auf das 15. Jahrhundert datiert. Knefelkamp U: Über den Funktionswandel von Spitälern vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, aufgezeigt an Beispielen aus Deutschland, England und Italien. Historia Hospitalium 2001/01; 22: 9.
7. Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 176–235, 183. Grundlegend auch: Heinemeyer W, Pünder T (Hrsg.): 450 Jahre Psychiatrie in Hessen. Marburg: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 1983; 47.
8. Vgl. ebd., S. 185.
9. Pikanterweise waren die Franziskaner in Marburg ein Hort der Antireformation, sie bildeten ein „Widerstandsnest“, sodass hier neben dem geistesgeschichtlichen Bezug auf Elisabeth womöglich ein unmittelbar aktuell politischer mitzudenken ist.
10. Nach der griechischen Mythologie ein mit Federn besetzter Frauenkörper, der habgierig Schätze sammelt.
11. Wenige Jahre zuvor hatte Philipp mit der Umbettung ihrer Gebeine aus dem Schrein in der Marburger Kirche auf den Pilgerfriedhof ebenfalls eine Revision des Bildes der katholischen Heiligen beabsichtigt.
12. Anfangs wurde bestimmt, sie sollten mindestens 60 Jahre alt sein, „es were dan, dass es ein solch gebrechlich mensch were, der sonst zu nichts dienlich“ Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 199.
13. Friedrich A: Die Visitation und Abhörung der Jahresrechnungen der Hohen Hospitäler in Hessen und das Hospital Hofheim. In: Sahmland I, Trosse S, Vanja Chr et al. (Hrsg.): „Haltestation Philippshospital“. Ein Psychiatrisches Zentrum – Kontinuität und Wandel 1535–1904–2004. Marburg: Historische Schriftenreihe des LWV Hessen. Quellen und Studien 2004, Bd. 10; 65–78.
14. Vanja Chr: Das Hospital Haina von 1533 bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. In: Psychiatrie-Museum Haina. Ausstellung, Bibliothek und Archiv zur Hospital- und Krankenhausgeschichte. Kassel: Historische Schriftenreihe des LWV Hessen, 1992, Kurzführer 1; 13.
15. Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 200.
16. Aumüller G: Ärztliche Versorgung und Leitung der hessischen Hohen Hospitäler im 16. und 17. Jahrhundert. In: Friedrich A, Heinrich F, Vanja Chr (Hrsg.): Das Hospital am Beginn der Neuzeit. Soziale Reform in Hessen im Spiegel europäischer Kulturgeschichte. Zum 500. Geburtstag Philipps des Großmütigen. Petersberg: Historische Schriftenreihe des LWV Hessen. Quellen und Studien 2004, Bd. 11; 79–92. Demandt KE: Die Anfänge der staatlichen Armen- und Elendenfürsorge in Hessen. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 30, 1980; 220.
17. Dass diese Tradition auch im Bewusstsein fortbestand, zeigt sich darin, dass die Bezeichnung Kloster Haina wie selbstverständlich bis heute erhalten blieb.
18. Großherzoglich hessisches Regierungsblatt auf das Jahr 1828, Nr. 38, 8. Sept. 1828: 397 ff.

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