FEUILLETON
Museum der Bildenden Künste Leipzig: Pathos des Unvollendenten
PP 4, Ausgabe Mai 2005, Seite 230


Bogomir Ecker: Trillerpfeifen
und Ghetto Blaster, 1994
Das Haus ist vor allem ein Beleg für den Kunstsinn von Bürgern.
Der repräsentative Bau mitten auf dem Sachsenplatz ist umstritten. Kein Wunder, denn was nicht weit vom Renaissance-Rathaus zwischen Plattenbau-Scheußlichkeiten und verbliebener barocker Fassadenopulenz hingesetzt wurde, ist nichts weiter als ein schlichter Betonkubus mit einigen glasverkleideten Aussparungen: 78 Meter lang und 41 Meter breit. Mit seinen 36 Metern Höhe überragt er alles, was ihn umgibt.
„Klotzen, nicht kleckern“ haben sich die Leipziger offenbar gesagt. Gekostet hat er am Ende 74,5 Millionen Euro – die Stadt trägt davon 44,5 Millionen. Ganz fertig ist er aber noch nicht. Die Glasverkleidung macht Probleme, und für die vorgesehenen „Eckbauten“ haben sich noch keine Investoren gefunden. Was jetzt, als erster (und für lange Zeit wohl auch letzter) Neubau eines Kunstmuseums nach viereinhalb Jahren Bauzeit der Öffentlichkeit übergeben wird, ist ein Torso mit fünf Geschossebenen und 7 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche.
Fast intime Stimmung
Doch es ist ein Werk, das selbstbewusst das Pathos des Unvollendeten entfaltet. Denn wenn man dieses Haus betritt, eröffnen sich Ein-, Aus- und Durchblicke, die faszinieren: Es sind nicht nur die Blicke in die Geschichte und Gegenwart einer Kunst, die ihre regionale Verwurzelung stolz präsentiert. Es sind auch Blicke, die mit dem Gegensatz spielen, der sich zwischen der gezeigten Kunst und der verhalten ambitionierten (Innen-)Architektur der Berliner Architekten Hufnagel, Pütz und Rafaelin ergeben. So wirken die unendlich hoch scheinenden Lichthöfe mitunter irritierend, wohingegen sich in anderen, niedrigen Räumen mit farbigen Wänden eine fast intime Stimmung einstellt. Vor allem aber ist das Haus ein Beleg für den Kunstsinn von Bürgern.
Die Kunststadt Leipzig unterscheidet sich deutlich von der sächsischen Kunstmetropole Dresden. Dort verhalf das Repräsentationsbedürfnis ihrer Fürsten der Stadt zu grandiosen Kunstsammlungen. In Leipzig verdankt man sie von jeher dem Kunstsinn der Bürger. Seit der Gründung des Kunstvereins, 1837, ist diese Sammlung vor allem durch Stiftungen und Schenkungen auf mittlerweile 3 500 Gemälde, 1 000 Skulpturen und mehr als 60 000 Zeichnungen, Grafiken, Aquarelle und Fotografien gewachsen.
Der historische Museumsbau wurde 1943 von Bomben zerstört. Nach seiner Unterbringung im ehemaligen Reichsgericht und ab 1997 im Handelshof hat die Sammlung jetzt wieder nicht nur ein festes Domizil mitten in der Stadt, sondern auch die Möglichkeit, ihren Reichtum angemessen zu entfalten. Bei dieser Präsentation setzt Direktor Hans-Werner Schmidt auf die Stärken der Sammlung und sucht Korrespondenz zwischen den Epochen. Im Zentrum stehen dabei – klugerweise – die „Weltstars“, die man hat: Den Leipzigern Max Klinger und Max Beckmann ist denn auch die Belle Etage des Hauses vorbehalten. Wie in einem Thronsaal bildet Klingers aus vielen Materialien geradezu komponierte Großplastik „Beethoven“ (1902) den emotionalen Mittel- und Ausgangspunkt der Sammlung. Mit einem grauvioletten Terrazzofußboden – ganz nach Klingers Intention und gegen den Willen der Architekten. Dieser Saal ist ein Coup mit historischem Anspruch.
Überraschungen

Plastik Beethoven, Max Klinger
Fotos: MdbK/Leipzig
Die Malerei und Plastik des 15. bis 18. Jahrhunderts im zweiten Obergeschoss bietet Überraschungen – denn wenn da ein Bild wie ein Tübke aussieht, dann ist es (mit charmantem Augenzwinkern) wirklich einer. Nobel und großzügig auch das dritte Obergeschoss – dort kann sich der Besucher der Spannung aussetzen, die etwa zwischen Caspar-David- Friedrich-Bildern und den auf dem internationalen Kunstmarkt hoch gehandelten Großformaten der beiden Anfang 40-jährigen Maler Neo Rauch und Daniel Richter entsteht. Die Leipziger Schule (um Bernhard Heisig, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer) ist allerdings stiefmütterlich verschämt ins Untergeschoss verbannt. Immerhin im künstlerischen Dialog, einer so genannten „Konferenz der Bilder“ mit Werken aus dem anderen Teil Deutschlands.
Wie immer man den neuen Kunstklotz von außen auch finden mag, wer einmal drin ist, dem eröffnet sich ein ganz anderer Blick. Joachim Lange
Museum der Bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10, Telefon: 03 41/ 21 69 90, Internet: www.mdbk.de
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