FEUILLETON
Gerhard Richter: Malerei als Philosophie
PP 4, Ausgabe Mai 2005, Seite 231


Gerhard Richter: Schädel 1983.
Öl auf Leinwand, 55 x 50 cm
Fotos: Katalog
In der Düsseldorfer Kunstsammlung kann man zurzeit in einer groß angelegten Retrospektive die einzelnen Perioden von Richters Werk nachvollziehen.
Fast unübersehbar erscheint inzwischen die Fülle der Literatur und der Ausstellungen zum künstlerischen Werk von Gerhard Richter. Keine Frage, der heute 73-jährige Künstler ist einer der bedeutendsten und meistdiskutierten Maler der Gegenwart. In der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen kann man zurzeit die einzelnen Perioden seines Werkes von 1963 bis 2004 in einer groß angelegten Retrospektive anhand von 120 Bildern sehen. Diese beeindruckende Schau, die sich über drei Ebenen im Düsseldorfer Museumsbau am Grabbeplatz hinzieht, ist von Prof. Dr. phil. Armin Zweite, dem Direktor der Kunstsammlung NRW, in Absprache mit Gerhard Richter zusammengestellt worden.

Gerhard Richter: Helen 1964. Öl
auf Leinwand, 110 x 75 cm
Gerhard Richter hat seit mehr als 40 Jahren ein facettenreiches künstlerisches Werk entwickelt, das den Betrachter nicht nur in seinen Bann zieht, sondern ihn auch zum intellektuellen Dialog mit seinen Werken auffordert. Die Reichhaltigkeit an Motiven, an Stilen und an Techniken kann man in der Düsseldorfer Übersicht sehr gut studieren.
Richter löst wie kein anderer Maler mit seinen Gemälden, Spiegeln, Hinterglasbildern und Glasplatten eine Faszination, aber auch Verunsicherungen der Sehgewohnheiten aus, die zum Diskurs geradezu herausfordern. Fragt man nach den Wurzeln seiner in aller Welt bewunderten Kunst, so beruht sie sicherlich auch auf einer soliden künstlerischen Ausbildung, das heißt auf seinen beiden erfolgreich abgeschlossenen Studien an den Kunstakademien in Dresden zu Zeiten der DDR (1952 bis 1957) und in Düsseldorf (1961 bis 1963). Richter wurde auf diese Weise in jungen Jahren mit den großen deutschen Kunsttraditionen vertraut. An der Düsseldorfer Kunstakademie sollte er sieben Jahre nach seinem Meisterdiplom von 1971 bis 1994 als Professor für Malerei wirken.
Die Düsseldorfer Ausstellung gewährt einen umfassenden Blick sowohl auf die jüngere künstlerische Arbeit Richters von 1993 bis 2004 sowie auch auf die älteren Phasen. Den chronologischen Auftakt der in Düsseldorf gezeigten Bilder, die nicht nach ihren Entstehungszeiten angeordnet sind, macht das Gemälde „Tote“ (1963), an das sich eine Reihe von ausdrucksstarken Einzel- und Gruppenbildnissen anschließt. Mit den großformatigen Gemälden seit Ende der 70er-Jahre, den abstrakten, grauen und bunten Gemälden von 1977 bis 1989 wird im ersten Obergeschoss, im so genannten Amerikanersaal, eine weitere Entwicklungsstufe im Richterschen Bilderkosmos eindrucksvoll vor Augen geführt. Dort setzt er sich einmal mehr mit der Welt, mit den Mechanismen der Wahrnehmung, mit dem Phänomen der Farbe und ihren vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten auseinander.

Gerhard Richter:Wolken 1978. Öl
auf Leinwand, 400 x 250 cm
Foto: Gerhard Richter/Achim Kukulies, 2004.
Die ausgezeichnet präsentierten Gemälde umfassen die gesamte stilistische und geistige Spannbreite des Richterschen Œuvres zwischen Abstraktion und Realität, zwischen Euphorie und Melancholie. Der Maler beschäftigt sich dabei immer wieder mit den Erscheinungen dieser Welt und den Bildern, die wir uns von der Welt machen und machen könnten. So folgen auf betörend romantische Landschaftsbilder hochästhetische tachistische Malereien, denen eine Art geheimnisvoller Bühnenhaftigkeit innewohnt. Obgleich man einige Gemälde wie „Ema“ (1966) oder Bilder aus dem Zyklus des „17. Oktober 1977“ (1988) vermissen mag, findet man zweifellos eine breite Auswahl herausragender Beispiele aus dem erkenntnistheoretisch durchzogenen, künstlerischen Werk Gerhard Richters.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Axel Hinrich Murken
Ein umfangreicher Katalog (323 Seiten, mehr als 160 Farbtafeln) mit einem Beitrag von Armin Zweite „Sehen, Reflektieren, Erscheinen. Anmerkungen zum Werk von Gerhard Richter“ und dem Werkverzeichnis von 1993 bis 2004 begleitet diese Ausstellung, die in Düsseldorf bis zum 16. Mai zu sehen ist. Anschrift: K20. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Grabbeplatz 5, D-40213 Düsseldorf. Vom 4. Juni bis 21. August ist die Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, Luisenstraße 33, 80333 München, zu sehen.
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