MEDIZIN: Diskussion

Was sind Hämorrhoiden? Verwirrende Behauptungen

Dtsch Arztebl 2005; 102(27): A-1969 / B-1664 / C-1568

Kirsch, Jens J.

Die Frage nach dem Wesen eines weit verbreiteten und chronischen Leidens ist immer wieder berechtigt. Dies gilt natürlich auch für Hämorrhoiden. Mit großem Fleiß hat der Autor vor allem die Literatur zusammengetragen und zitiert, die alles Bekannte und alle bewährten Behandlungskonzepte infrage stellt. Dabei wird gerade der erfahrene und wissenschaftlich interessierte Spezialist einräumen, dass wir vieles nicht wissen. Leider überzieht Herr Kollege Rohde diese Tendenz.
Es gibt durchaus gesicherte Kenntnisse zu den Risikofaktoren, zur Symptomatik und zur Diagnostik des Hämorrhoidalleidens. Es würde den Umfang eines Leserbriefes sprengen, hier sozusagen ein Koreferat zu präsentieren.
Allein die Behauptung, dass Hämorrhoiden varikös veränderte Gefäßkissen des Rektums seien, haben die klassischen Untersuchungen von Stelzner widerlegt. Hämorrhoiden sind eben keine Varizen!
Offensichtlich ist auch dem Autor der funktionelle und strukturelle und somit diagnostische Unterschied zwischen einem internen Rektumprolaps und prolabierenden Hämorrhoiden nicht bekannt; bei sorgfältiger Anamnese und differenzierter Diagnostik heute eine proktologische Selbstverständlichkeit.
Die Hauptursache des Analekzems ist internationales proktologisches Allgemeinwissen: Bei mindestens acht von zehn Patienten sind perianale ekzematöse Veränderungen die Folge eines mangelnden Feinschlusses („Nässen“). Gründe dafür sind Hämorrhoiden aller Stadien und/oder ein interner Rektumprolaps – nicht selten in Verbindung mit einem falschen Stuhlverhalten.
Auch sind selbstverständlich proktologische Befundangaben nur sinnvoll unter gleichzeitiger Nennung der Untersuchungsposition; seriöse Untersucher geben diese deshalb stets an.
Im dem Artikel finden sich zahlreiche weitere verwirrende und irritierende Behauptungen. Dabei soll nicht bestritten werden, dass auch in der Proktologie mit Therapiekonzepten behandelt wird – zumeist erfolgreich
– ohne dass diese den höchsten Ansprüchen evidenzbasierter Medizin genügen. Die übereinstimmende Expertenerfahrung ist eben die höchstmögliche Evidenz dann, wenn keine prospektiv randomisierten Studien vorliegen beziehungsweise nicht realisierbar sind.
Es ist bedauerlich, dass der Autor zahlreiche – dem Spezialisten bekannte – Probleme anspricht, aber keine konzeptionellen Lösungen anbietet

Dr. med. Jens J. Kirsch
Enddarmzentrum Mannheim
Bismarckplatz 1
68165 Mannheim

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