AKTUELL: Akut
Hormontherapie: „Resistent“ gegenüber Neubewertung
Dtsch Arztebl 2005; 102(28-29): A-1989 / B-1681 / C-1585


Seit mehr als zwei Jahren besteht international der wissenschaftliche Konsens: Hormone sollen bei Frauen in den Wechseljahren mit starken Beschwerden nur nach eingehender Prüfung sowie so kurz und so niedrig dosiert wie möglich eingesetzt werden, um die Risiken für Herzinfarkt, Schlaganfall und Brustkrebs zu minimieren. Entsprechend lauten auch die Empfehlungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Ein beträchtlicher Anteil der deutschen Frauenärztinnen und -ärzte zeigt sich jedoch „resistent“ gegenüber der Neubewertung. Zu diesem Schluss kommt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Anfang des Jahres befragte es knapp vier Prozent der niedergelassenen Gynäkologen zu ihrer Einstellung zur Hormontherapie. Dabei zeigte sich eine deutliche Diskrepanz zum heutigen Wissensstand.
Fast die Hälfte (43 Prozent) glaubt, dass gegenwärtig zu wenige Frauen eine Hormontherapie erhalten. Sogar 79 Prozent sind der Ansicht, die Risiken der Hormonbehandlung würden überbewertet. Ein Drittel der befragten Frauenärzte meint immer noch, eine Hormonbehandlung könne vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz schützen. Auch die Frage, ob die Gabe von Hormonen wichtig sei, um den Alterungsprozess zu verzögern, bejahte mehr als die Hälfte. Besonders hormonfreundliche Einstellungen fand das Institut bei Ärzten über 60 Jahre. Zudem hatten männliche Kollegen eine deutlich positive Grundhaltung zur Hormontherapie. Auch die Gründe für das im Widerspruch zur Studienlage stehende Verordnungsverhalten der Frauenärzte untersuchte das WIdO.
Dabei fand es heraus, dass die unabhängigen Informationen des BfArM und der AkdÄ von den Befragten kaum genutzt werden. Stattdessen spielen die Therapieempfehlungen der Fachgesellschaften und der Pharmaindustrie eine größere Rolle. Trotz des vorzeitigen Abbruchs der großen amerikanischen Langzeitstudie (Women’s Health Initiative) im Juli 2002 zeichnen diese Meinungsbildner immer noch ein positives Bild von der Hormontherapie. Fast jede zweite Fortbildungsveranstaltung, die die befragten Gynäkologen im Vorjahr besuchten, richtete die Industrie aus. Die AkdÄ will jetzt ihre Informationsbemühungen verstärken. Aber auch die ärztliche Fortbildung muss endlich unabhängiger werden.
Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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