POLITIK

Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2005; 102(28-29): A-2002 / B-1692 / C-1596

Dr. Emilia Müller ist Staatssekretärin im bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Von 1999 bis 2003 war sie zudem CSUEuropaabgeordnete und unter anderem im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Verbraucherpolitik und der Arbeitsgruppe Bioethik des Europaparlaments tätig. Foto: Bayer. StK
DÄ: Die FDP-Bundestagsfraktion will den Kompromiss zum deutschen Stammzellimportgesetz aufkündigen und selbst der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Prof. Dr. jur. Spiros Simitis, plädiert dafür, die Debatte neu aufzurollen. Fällt jetzt doch der Startschuss für ei-
ne biopolitische und bioethische Kehrtwende?
Müller: Nein, ich sehe keinen Beginn für eine biopolitische oder bioethische Kehrtwende. Trotz des – zu Recht – strengen Embryonenschutzgesetzes und Stammzellgesetzes sind in Deutschland 99 Prozent der Forschung im Bereich der Biotechnologie möglich. Gefundene Kompromisse dürfen hier nicht einfach leichtfertig geopfert werden. Ich bin jederzeit offen für Innovationen, aber die embryonale Stammzellforschung ist den Nachweis verbesserter Heilungschancen bisher schuldig geblieben: Es gibt derzeit keine belegte klinische Anwendung. Ich meine, dass wir mit einer guten, fundierten und offenen Argumentation über Nutzen, Notwendigkeit und insbesondere Grenzen biotechnischer Verfahren die Mehrheiten für eine verantwortungsvolle Politik bekommen. Übrigens gibt es im Europäischen Parlament jetzt eine deutliche Mehrheit gegen verbrauchende Embryonenforschung.

DÄ: Der Vorschlag der Kommission zum 7. Forschungsrahmenprogramm sieht eine Verdoppelung des europäischen Forschungsbudgets auf 132 Milliarden Euro vor. Der luxemburgische Ratsvorsitz hingegen will das Gesamtbudget auf 74 Milliarden Euro begrenzen: Läuft die EU Gefahr, den Anschluss an die internationale Forschung zu verlieren?
Müller: Eine Begrenzung der Mittel bedeutet keinesfalls, dass die Forschungsausgaben proportional betroffen sein werden. Im Bericht des Rates zur finanziellen Vorausschau für die Jahre 2007 bis 2013 steht, dass der Bereich Forschung gebührend berücksichtigt und ein fairer Zugang zum 7. Forschungsrahmenprogramm sichergestellt werden muss. Ich bin daher überzeugt, dass es falsch wäre, im Bereich der Forschungsförderung zu kürzen. Auf der anderen Seite spielt bei der Forschungsförderung auch der Einsatz der Mittel bei Auswahl und Qualität der Projekte eine große Rolle. Klare Spielregeln müssen kein Innovationshemmnis sein. Wesentlich ist mir in diesem Zusammenhang, auf Know-how-Transfer und Kooperationen mit der Wirtschaft zu setzen. Zudem muss Europa den Mut haben, eigene ethische Standards auch im Vergleich zu Amerika und Asien beizubehalten.

DÄ: Kritiker werfen Ihnen und anderen Vertretern, die für eine verstärkte Förderung der Forschung an adulten Stammzellen (aSZ) eintreten, vor, dass die Erwartungen an den medizinischen Nutzen der aSZ völlig überzogen seien. Ist die Kritik berechtigt?
Müller: Im Gegensatz zu den embryonalen Stammzellen hat die Anwendung von adulten Stammzellen in der Forschung und Therapie in vielen Bereichen schon den Nachweis gebracht, dass diese erfolgversprechend eingesetzt werden können. Beispiele sind die Hämatologie, der Herzinfarkt, Hautschäden zum Beispiel nach Verbrennungen, Diabetes, Gelenkknorpelersatz oder Hornhautdefekte. Diesen Nachweis blieb die embryonale Stammzellforschung schuldig. Lediglich in theoretischen Modellen und nicht belegbaren Hypothesen wird über die therapeutischen Einsatzmöglichkeiten spekuliert. Die von den Stammzellenforschern in die Multi- und Omnipotenz der embryonalen Stammzellen gelegten Erwartungen zeigen derzeit Probleme mit unkontrolliertem Wachstum und Nichtsteuerbarkeit der Vorgänge auf. Das Potenzial der adulten Stammzellforschung ist dagegen bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Dabei gibt es viele Varianten, zum Beispiel beim Nabelschnurblut. Viele seriöse Forscher unterstellen der adulten Stammzellforschung das gleiche Potenzial, aber eine deutlich frühere therapeutische Einsatzmöglichkeit.
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