

Eine Studie zum Informationsbedarf und -verhalten von Ärzten liefert
Ansatzpunkte für eine Verbesserung der Informationsversorgung.
Das medizinische Arbeitsumfeld ist gekennzeichnet durch eine papiergebundene und digitale Informationsüberflutung einerseits und eine qualitative Informationsunterversorgung andererseits, durch heterogene Informationskanäle in Verbindung mit Medienbrüchen und durch die Einführung neuer Informationstechnologien (Telemedizin, E-Learning und anderes). Gleichzeitig mangelt es an fundierten Analysen zum Informationsbedarf und -verhalten von Ärzten, verbunden mit Anforderungsanalysen an Lösungen. Vor diesem Hintergrund ist das Projekt „Bedarfsgerechte Unterstützung von Ärzten an ihrem Arbeitsplatz über informationslogistische Anwendungen“ (Kasten) gestartet. Auf Basis einer empirischen Untersuchung (Expertengespräche und schriftliche Befragung) sollen Konzepte für den Einsatz von informationslogistischen Technologien zur Verbesserung der Informationsversorgung von Ärzten ausgearbeitet und im Rahmen eines Pilotbetriebs in der Modellregion Bochum-Essen bei Ärzten implementiert werden.
Im Rahmen der ersten Projektphase wurde gemeinsam mit den Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe, dem Hartmannbund, dem Marburger Bund und der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen ein Fragebogen konzipiert, der das Informationsverhalten und den -bedarf von Ärzten an ihrem Arbeitsplatz ermittelt. Zentrale Aussagen der Befragung:
Aussage 1: Der jeweils aktuelle Schritt im Behandlungsverlauf (Befundung, Diagnose, Therapie, . . .) bestimmt maßgeblich den durchweg hohen Informationsbedarf der Ärzte.
Den Bedarf an patientenbezogenen Informationen bei Befundung, Diagnose und Therapie bewerten die Ärzte als hoch. Drei Viertel der Ärzte greifen mehrmals täglich auf patientenbezogene Informationen zu. Krankenhausärzte tun dies häufiger als niedergelassene Ärzte. 53 Prozent der Befragten geben an, dass sie patientenbezogene Informationen sofort im Zugriff haben wollen. 68 Prozent der Ärzte antworten, in der Diagnose-Situation einen sehr hohen Bedarf zu haben, in der Therapie-Situation sind dies 58 Prozent.
Für die meisten Ärzte ist der Patient selbst die wichtigste Informationsquelle für Befundinformationen (83 Prozent) und Verlaufsinformationen (79 Prozent). Zweitwichtigste Quelle für Befund- (74 Prozent) und Verlaufsinformationen (65 Prozent) ist der Kollege. Das wichtigste Informationsmedium ist das persönliche Gespräch. Darüber hinaus spielen in dieser Reihenfolge Fax, Printmedien, Krankenhausinformationssysteme (KIS) und Praxisverwaltungssoftware (PVS) eine bedeutende Rolle.
Sowohl patientenbezogene als auch nichtpatientenbezogene1 Informationen werden hauptsächlich durch eigene Aktivität, also „Pull-Recherche“, beschafft. Knapp die Hälfte der Krankenhausärzte und der niedergelassenen Ärzte bezieht mindestens 80 Prozent der patientenbezogenen Informationen auf diesem Weg. 38 Prozent der Informationen wird ihnen geliefert („Push-Services“).
Aussage 2: Patientenbezogene Informationen werden häufig ad hoc benötigt.
50,9 Prozent der Ärzte geben an, dass sie patientenbezogene Informationen häufig unmittelbar benötigen. Eine mangelhafte Informationsbeschaffung wirkt sich daher negativ auf den Behandlungsprozess aus.
Die wichtigste Informationsquelle zur Beschaffung patientenbezogener Informationen ist das persönliche Gespräch mit dem Patienten beziehungsweise dem ärztlichen Kollegen. Dabei nutzen Krankenhausärzte (31 Prozent) den Arzt gleicher Fachrichtung als Informationsquelle intensiver als niedergelassene Ärzte (17 Prozent). Nach Einschätzung der Krankenhausärzte wird sich dies nicht ändern. Auch Ärzte anderer Fachrichtungen werden von Krankenhausärzten (25 Prozent) häufiger als von niedergelassenen Ärzten (13 Prozent) als Gesprächspartner für Rückfragen beansprucht. Entsprechend schätzen beide Gruppen die Situation, in welcher der Kollege nicht erreichbar ist, als problematisch für die einrichtungsübergreifende Kommunikation ein.
Aussage 3: IT-gestützte Fachdatenbanken und das Internet sind als Wissensquellen in der Ärzteschaft mittlerweile etabliert.
Bei der Informationsbeschaffung fach- und allgemeinmedizinischer Informationen nutzen 40 Prozent der Ärzte einmal bis mehrmals täglich internetbasierte Fachdatenbanken. Sehr intensiv werden auch medizinische Fachpresse, persönliche Informationssammlungen, Ärzte gleicher oder anderer Fachrichtung sowie Web-Seiten genutzt. Die hohe Nutzungsintensität dieser Quellen wird nach Ansicht der meisten Ärzte auch in Zukunft beibehalten und bei internetbasierten Quellen und Leitlinien sogar zunehmen (
Grafik 3).
Aussage 4: Die Informationsbeschaffung ist für Ärzte mit hohem Zeitaufwand verbunden.
36 Prozent der Ärzte benötigen sowohl für die Recherche als auch für die Durchsicht der Informationen jeweils zwischen drei und sechs Stunden in der Woche. Nur zehn Prozent der Ärzte brauchen weniger als eine Stunde für die Informationsbeschaffung von patientenbezogenen Informationen. 40 Prozent der Ärzte geben an, dass sie deutlich mehr als sechs Stunden mit Informationsbeschaffung verbringen.
68 Prozent der Befragten meinen, dass der Zeitaufwand für die Informationsbeschaffung hoch ist, und mehr als die Hälfte geht davon aus, dass er künftig zunehmen wird. Umso wichtiger ist die Aussage von 59 Prozent der Ärzte, dass sie ein gleiches Informationsangebot von gleich hoher Qualität bei sinkendem Zeitaufwand der Beschaffung bevorzugen. Diese Präferenz ist bei den niedergelassenen Ärzten (62 Prozent) stärker ausgeprägt als bei den Krankenhausärzten (56 Prozent) und hängt mit der selbst eingeschätzten Höhe des Versorgungsgrades zusammen beziehungsweise damit, für wie gut informiert sich Ärzte halten. 44 Prozent der niedergelassenen Ärzte bewerten ihren Versorgungsgrad als „gut“, bei den Krankenhausärzten sind dies nur 38 Prozent. Das erklärt, warum die niedergelassenen Ärzte ein gleiches Informationsangebot bei sinkendem Zeitaufwand, und die Niedergelassenen „ein Mehr an Informationen“ bei gleichem Zeitaufwand bevorzugen.
Aussage 5: Unzureichende Informationsversorgung wirkt sich negativ auf die Abläufe bei der Patientenbehandlung aus.
Der hohe Zeitaufwand für die Informationssuche, fehlende Informationen und der Aufwand für die papierbasierte Dokumentation führen zu einer deutlichen Unzufriedenheit der Ärzte sowie zu längeren Wartezeiten und potenziellen Mehrfachuntersuchungen der Patienten. So geben die meisten Ärzte an, dass es durch fehlende Informationen zu längeren Wartezeiten und Mehrfachuntersuchungen der Patienten kommt (
Grafik 2). Nur drei Prozent der Befragten zeigen sich zufrieden mit ihrer Situation bei der Informationsbeschaffung, dagegen sind 64 Prozent damit mehr oder weniger unzufrieden.
Nach Ansicht der meisten Ärzte wird der durchschnittliche Zeitaufwand für Recherchen künftig noch steigen. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, dass mehr Informationen internetbasiert verfügbar sein werden. Das birgt allerdings das Risiko einer Informationsüberflutung. Um dieser Gefahr zu entgehen, sind 48 Prozent der Befragten bereit, einen individualisierten Informationsbeschaffungsdienst zu nutzen.
Aussage 6: Bisherige Lösungen zur Informationsrecherche werden als zu komplex und schwer bedienbar eingestuft.
Die häufigsten Probleme bei der Informationsrecherche sind:
- das unübersichtliche Informationsangebot (79 Prozent),
- die häufig ungenauen Suchergebnisse (74 Prozent),
- die unsichere Qualität der Ergebnisse (70 Prozent),
- die lange Beschaffungsdauer (70 Prozent).
Die Abbruchquote von Recherchen liegt im Durchschnitt bei 30 Prozent der Fälle.
Aussage 7: Einrichtungsübergreifende Kommunikation wird durch mangelhafte organisatorische Rahmenbedingungen eingeschränkt oder verhindert.
Knapp drei Viertel der Ärzte geben als häufigsten Grund für Kommunikationsprobleme an, dass ein Kollege nicht erreichbar ist, 58 Prozent, dass der geeignete Gesprächspartner fehlt. Die E-Mail-Kommunikation wird nicht als problematisch empfunden. !
Für 69 Prozent der Ärzte besteht ein Kommunikationsproblem darin, dass der Befund nicht richtig beziehungsweise nicht umfassend genug dokumentiert ist. Ein möglicher Grund dafür ist, dass immer noch viele Ärzte papierbasiert dokumentieren (53 Prozent der Ärzte) und dadurch die Informationen schwer weiterverarbeiten und kommunizieren können.
Aussage 8: Mangelhafte technische Rahmenbedingungen verhindern einrichtungsübergreifende Kommunikation.
Die Ärzte (sowohl Krankenhausärzte als auch Niedergelassene), die sehr intensiv KIS/PVS, papierbasierte Quellen dagegen weniger intensiv nutzen, meinen, dass die elektronische Lieferung der Information im gewünschten Dateiformat sehr wichtig ist. Knapp die Hälfte der Befragten betont, dass oft inkompatible Dateiformate die Weiterverarbeitung verhindern. Dies hängt stark von den technischen Bedingungen ab. Bei der Nutzung von Informationen werden sehr unterschiedliche Anbieter und Systeme von KIS/PVS genutzt. Durch die Heterogenität der IT-Infrastruktur wird das Problem verschärft.
Aussage 9: Ärzte wünschen sich eine größere Benutzerfreundlichkeit der Systeme zur Informationsbeschaffung.
Hinsichtlich der Weiterverarbeitung der Informationen ist für 40 Prozent der Krankenhausärzte und 30 Prozent der niedergelassenen Ärzte die Zuverlässigkeit/Verlässlichkeit der Informationen entscheidend. Für 36 Prozent der Krankenhausärzte und elf Prozent der niedergelassenen Ärzte ist die Vorselektion und Verdichtung von Informationen wichtig bis sehr wichtig.
60 Prozent der Ärzte wünschen sich eine einfache und intuitive Bedienbarkeit von Datenbanken. Davon versprechen sie sich eine signifikante Senkung der hohen Abbruchquote bei der Recherche. Als sehr wichtig empfinden das vor allem die Ärzte, die mehrmals täglich Patienteninformationen im Bereich Befund beziehen (51 Prozent). Krankenhausärzte (58 Prozent) haben eine höhere Abbruchquote als niedergelassene Ärzte (42 Prozent). Für sehr wichtig halten die einfache Bedienbarkeit auch 45 Prozent der Ärzte mit hohem Bedarf an Ad-hoc-Informationen im Bereich der Diagnose. Sie beurteilen die Suche nach geeigneten Recherchequellen als problematisch. In dieser Gruppe ist die Wichtigkeit der Bedienbarkeit und der Aktualität der Informationen bei den Krankenhausärzten (65 Prozent) stärker ausgeprägt als bei den niedergelassenen Ärzten (35 Prozent).
Aussage 10: Ärzte wollen notwendige Informationen zum Zeitpunkt des Bedarfs verfügbar haben.
Sowohl die Krankenhausärzte (41,4 Prozent) als auch die niedergelassenen Ärzte (42,9 Prozent), die drei bis sechs Stunden in der Woche mit Informationssuche beschäftigt sind, schätzen die Schnelligkeit der Informationsbeschaffung als sehr wichtig ein. 54 Prozent der Ärzte sind daher der Ansicht, dass eine orts-, zeit- und geräteunabhängige Informationsversorgung ihre Arbeit sinnvoll unterstützen könnte. Eine optimierte Informationsbeschaffungsstruktur bewerten Ärzte als sehr wichtig und als nützlich für die Optimierung des Behandlungsprozesses (50,9 Prozent) sowie für die medizinische Qualitätssteigerung (50 Prozent) und den Zeitgewinn für Patienten (46,8 Prozent). Mögliche Fallzahlensteigerungen haben dagegen nur eine untergeordnete Bedeutung (
Grafik 1).
Zu den Verbesserungsvorschlägen der Ärzte zählen die Anbindungsmöglichkeiten ihrer KIS/PVS an externe Systeme, etwa an medizinische Datenbanken mit Volltextdarstellung der Fachinformation, Bedienungsfreundlichkeit, sichere und schnellere Online-Dokumentation und -Datenübertragung, sowie die Verbesserung der interkollegialen und patientenbezogenen Information/Kommunikation. Die qualifizierte Kompression der Informationen sowie eine einfache und preiswerte Literaturverwaltung sind für die Ärzte ebenfalls sehr wichtig.
Fazit
Ärzte im ambulanten und stationären Sektor sind gleichermaßen unzufrieden mit der Versorgung und den Zugriffsmöglichkeiten auf patientenbezogene und nicht patientenbezogene Informationen in ihrem Arbeitsumfeld. Ihre Erwartungshaltung an eine verbesserte Lösung unterscheidet sich nach der Art der nachgefragten Informationen:
- Patientenbezogene Informationen müssen entlang dem Behandlungsprozess direkt abrufbar und verfügbar sein. Verzögerungen durch Informationsrecherche im Behandlungsprozess werden nicht geduldet. Sämtliche Patientendaten (auch Bild- und Labordaten) sollen nach Möglichkeit in einem System verfügbar sein. Es besteht ein großes Interesse, auf Befunde, Arztbriefe, Röntgenbilder und anderes von vorbehandelnden Ärzten oder Krankenhäusern direkt zugreifen zu können (einrichtungsübergreifende Patientenakten). Bezüglich der datenschutz- und datensicherheitsrelevanten Aspekte eines solchen Datenaustausches herrscht jedoch noch Verunsicherung. Außerdem fehlen die technischen Möglichkeiten.
- Für den Zugriff auf nichtpatientenbezogene Informationen werden integrierte Lösungen mit einer Metasuche über die unterschiedlichen Datenbestände gewünscht („Google für Ärzte“). Diese Lösung soll leicht bedien-bar sein und eine intuitiv gestaltete Recherche mit hoher Treffergenauigkeit ermöglichen. Inhaltlich besteht ein großes Interesse an Leitlinien, fachmedizinischen Informationen, medizintechnischen und pharmazeutischen Informationen. Das Internet als Zugangsmedium zu solchen Informationen ist akzeptiert und wird häufig genutzt.
Es besteht ein Bedarf an aktiver Informationsbereitstellung über Push-Services. Wichtig ist hierbei, dass die Informationen personalisiert und bedarfsgerecht (zum Beispiel orientiert an einer konkreten Fragestellung im Rahmen des Behandlungsprozesses) zusammengestellt werden. Dann sind die Ärzte auch bereit, für solche Dienste zu bezahlen. Sowohl Krankenhausärzte als auch Niedergelassene hoffen, durch den Einsatz innovativer Technologien zur Informationssuche und -beschaffung mehr Zeit für den Patienten zu gewinnen und die Qualität der Behandlung zu verbessern.
zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: A 2008–2011 [Heft 28–29]
Anschrift für die Verfasser:
Oliver Koch
Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik
Emil-Figge-Straße 91, 44227 Dortmund
E-Mail: koch@do.isst.fraunhofer.de
Die Langfassung ist abrufbar unter www.aerzteblatt.de/aufsaetze/0506
Hintergrund der Befragung
Das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik, die Mortsiefer Management Consulting GmbH und das Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen haben in Kooperation mit dem Landesgesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen (NRW) und gefördert durch die Staatskanzlei NRW im Rahmen des Projektes „Bedarfsgerechte Unterstützung von Ärzten an ihrem Arbeitsplatz über informationslogistische Anwendungen“ eine schriftliche Befragung zum Thema Informationsbedarf und -verhalten von Ärzten an ihrem Arbeitsplatz in der Modellregion Bochum-Essen durchgeführt.
Die Datenerhebung fand bei 2 543 Ärzten der Modellregion Bochum-Essen statt, darunter circa 1 500 niedergelassene Ärzte, 1 000 Krankenhausärzte, 40 Ärzte für Arbeits- und Betriebsmedizin. Mit 240 beantworteten Fragebögen beträgt die Gesamtrücklaufquote 9,4 Prozent. Bezüglich der Berufserfahrung und damit der Altersstruktur der antwortenden Ärzte lässt sich kein signifikanter Schwerpunkt, zum Beispiel bei jüngeren Ärzten, erkennen. 43 Prozent der antwortenden Ärzte haben mehr als 15 Jahre Berufserfahrung.
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