BRIEFE
EbM: Unbehagen an der neuen Zeit
Dtsch Arztebl 2005; 102(28-29): A-2014


Unverzichtbar für eine wissenschaftlich fundierte Medizin oder ungeeignet für den ärztlichen Alltag? Das Konzept der Evidenzbasierten Medizin (EbM) sorgt für Kontroversen. Foto: Peter Wirtz
Es ist nicht ganz leicht, aus Peter von Wicherts Text zur Evidenzbasierten Medizin die eigentliche Botschaft herauszukristallisieren. EbM sei „richtig, aber keineswegs neu“, andererseits dann doch wieder eine „unkritische Medizin“, der „Humanität abträglich“ und führe „zum Versagen von Leistungen“. Eines wird aber deutlich: Hier drückt ein profilierter Vertreter der deutschen Hochschulmedizin sein Unbehagen aus. Das ist gut zu verstehen, denn die alten Maßstäbe gelten nicht mehr, jedenfalls nicht mehr so wie früher. Der pathophysiologische Hintergrund tritt zurück; Plausibilität ist nur noch ein Kriterium unter vielen, wenn es um Kausalzusammenhänge oder therapeutische Wirksamkeit geht. Patientenorientierte klinische Studien erfordern einen anderen Horizont, der innerärztliche Diskurs ändert sein Vokabular. Damit werden auch die etablierten Eminenzen mit weniger Ergriffenheit gehört, Wissen wird zugänglicher, transparenter und damit letztlich demokratisiert. Dass schließlich auch die Opportunisten und Nachplapperer auf den Wagen klettern, spricht für den Erfolg der neuen Sichtweise, aber nicht unbedingt gegen die Inhalte; ich vermute, das ging der naturwissenschaftlichen Medizin im 19. Jahrhundert genauso. Auch hüte man sich, den Sack zu schlagen, wenn doch eigentlich der Esel das Problem ist: Die Rationierung von Leistungen kommt nicht durch EbM, sondern durch die Diskrepanz von Mitteln und Möglichkeiten. Hinter alledem stehen die immer kritischeren Fragen von Krankenkassen, Öffentlichkeit und Patienten an uns Ärzte (und andere Professionen), was wir denn überhaupt Sinnvolles tun. Und da gelten andere Kriterien als im Elfenbeinturm. Die Evidenzbasierte Medizin ist an dem ungemütlichen Klima nicht nur unschuldig, sie wird uns sogar helfen, diese Diskussion zu bestehen. Aber darauf einlassen müssen wir uns schon, sonst dürften wir in Zukunft über ganz andere Dinge zu klagen haben.
Prof. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, M. H. Sc., Abteilung für Allgemeinmedizin, Rehabilitative und Präventive Medizin, Philipps-Universität Marburg, Robert-Koch-Straße 5, 35033 Marburg
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