STATUS
Flutkatastrophe/Sri Lanka: Als die Zeit stehen blieb
Dtsch Arztebl 2005; 102(28-29): A-2052 / B-1732 / C-1636


Am 2. Weihnachtstag 2004 informiert mich die deutsche Hilfsorganisation „humedica“ darüber, dass es aufgrund eines Seebebens in Südostasien zu einer Flutkatastrophe gekommen ist und fragt, ob ich vier Stunden später mit einem ersten Vorausteam nach Sri Lanka fliegen könne. Ich führe Telefonate und überprüfe meine beruflichen Verpflichtungen. Es stellt sich rasch heraus, dass ich nicht sofort mitfliegen kann. In den folgenden Tagen sondiere ich die Möglichkeiten, mit dem nächsten Team ins Krisengebiet zu fliegen. Kollegen erklären sich bereit, meine Sprechstunden und Arztmobileinsätze im Rahmen der medizinischen Versorgung Wohnungsloser in Mainz und Umgebung zu übernehmen. Mein Arbeitgeber, die Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule in Nürnberg, ist mit einem Einsatz einverstanden, sofern der Lehrbetrieb nicht nachhaltig gestört wird. Silvester fliege ich mit dem zweiten Einsatzteam von Frankfurt nach Colombo. Wir sind neun Personen: vier Ärzte, zwei Rettungssanitäter, zwei Apotheker und ein Rundfunkjournalist.

Fotos: Gerhard Trabert
Am Tag nach der Ankunft in Colombo geht’s weiter nach Jaffna, im Norden Sri Lankas. Unser Einsatzort ist Point Pedro. In der Nähe des Ortes unterhält „humedica“ seit mehr als zehn Jahren ein Waisenhaus, in dem wir unseren Stützpunkt aufschlagen. Wir befinden uns im Tamilengebiet. Seit mehr als 30 Jahren herrscht in dieser Region Bürgerkrieg. Seit einer militärischen Offensive der Singhalesen vor drei Jahren kontrolliert das singhalesische Militär das Gebiet. Die Tamilen werden geduldet. Nach der Ankunft fahren wir zunächst zu unserem Vorausteam, das mit der medizinischen Hilfe in den Flüchtlingslagern schon begonnen hat. Ein singhalesisches Koordinierungsbüro organisiert und leitet die gesamte Hilfe.

Einsatz in Point Pedro: Die äußeren Wunden sind behandelbar,
die inneren bedürfen einer langfristigen Hilfe.
Die Küstenregion ist völlig zerstört. Häuser sind weggerissen, zusammengefallen, Boote haben sich wie Geschosse in Häuser gebohrt, ein Schulbus liegt auf der Seite. Obwohl wir in den Tagen zuvor viele ähnliche Bilder im Fernsehen gesehen haben, hat das persönliche Erleben eine andere Dimension.
Während die Aufräumarbeiten fünf Tage nach der Katastrophe scheinbar noch nicht begonnen haben, ist das Militär dabei, die militärischen Stellungen am Küstenstreifen erneut zu sichern. Sandsäcke, MG-Stellungen, Stacheldrahtabgrenzungen werden errichtet. Gibt es in diesem Moment wirklich nichts Wichtigeres? Die Arbeit in den Flüchtlingslagern beginnt: Jeden Morgen fahren wir von unserem Stützpunkt in Manipay circa eine Stunde über zum Teil katastrophale Straßen nach Point Pedro zur Koordinationsstelle. Dort wird uns unser Einsatzgebiet zugeteilt. Wir sind die einzigen Ärzte, die eine ambulante Versorgung anbieten. Eine Woche später kommen Ärzte aus Portugal von der Organisation „Ärzte für die Welt“ hinzu.
In Point Pedro und Umgebung sind bis zu 4 000 Menschen durch die Flutkatastrophe umgekommen, weitere 20 000 wurden obdachlos. Sie wurden auf 20 Flüchtlingslager, meist Schulen, verteilt. Dort gibt es notdürftig eingerichtete Schlafstellen, Wasser und Nahrung. Wir fahren regelmäßig in die Lager und bieten medizinische Hilfe an. Dabei sind wir auf die Unterstützung von Dolmetschern angewiesen. Es gibt drei Versorgungsstellen: einen ärztlichen Untersuchungsbereich, der in der Regel aus vier „Sprechstunden“ besteht, eine Verbandsstelle und eine Medikamentenausgabestelle.
An zwölf Arbeitstagen haben wir rund 2 200 Patientenkontakte. Auffällig sind die zahlreichen Verletzungen der Patienten. Sie sind zum einen bedingt durch die während der Flutwelle zusammenfallenden und umstürzenden Häuser oder im Wasser treibende Gegenstände. Zum anderen, und dies ist der häufigste Grund, durch den ins Meer gespülten Stacheldrahtzaun, der die zahlreichen Militärstellungen umgab. Wir sehen sehr tiefe, superinfizierte Schnittverletzungen. Teilweise ist eine Osteomyelitis und/oder Sepsis zu vermuten. Wir säubern die Wunden, behandeln sie antiseptisch und verordnen eine antibiotische Therapie. Oft ist eine sofortige intravenöse Antibiotikatherapie notwendig. Durchfallerkrankungen sind relativ selten. Wir behandeln Wurminfektionen, Infektionen der oberen Luftwege, Otitiden, immer wieder Pneumonien, gerade auch bei Kleinkindern. Viele Menschen haben bei ihrem Kampf ums Überleben in den Wassermassen das Wasser aspiriert. Viele klagen über Ganzkörperschmerzen, weil sie vor der Flutwelle um ihr Leben gerannt waren und jetzt muskuläre Beschwerden haben. Aber auch typische Stresskrankheiten wie Ulcera duodeni sowie Hypertonien stellen wir fest.
Sehr häufig beschreiben die Patienten psychosomatische Symptome, Angstzustände und depressive Gemütszustände. Immer wieder spüren wir die Fassungslosigkeit der Menschen. Das Meer symbolisierte zuvor für viele Betroffene Leben, Existenzsicherung, und jetzt? Das Meer hat Leben zerstört, die Existenzgrundlage, Haus und Beruf genommen. Diese Fassungslosigkeit führte lange Zeit zu einem Schockzustand, zu einer Lethargie, die ein Anpacken und Aufräumen von Trümmern und Überresten blockierte und verhinderte. Wir begegnen ständig Menschen, die über den Tod von Familienangehörigen berichten. Wir können nur die äußeren Wunden versorgen. Die inneren tiefen Verletzungen bedürfen einer längerfristigen psychosozialen Hilfe, die wir nicht leisten können.
Prof. Dr. med. Gerhard Trabert
E-Mail: Gerhard.Trabert@fh-nuernberg.de
Langfassung im Internet: www.aerzteblatt.de/plus2805
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