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POLITIK

Hochschulen: Schonfrist für Witten/Herdecke

Dtsch Arztebl 2005; 102(30): A-2061 / B-1741 / C-1645

Hibbeler, Birgit

Foto: Birgit Hibbeler
Die private Universität darf zunächst weiter Studenten im Fach Humanmedizin aufnehmen. Dem Studiengang droht jedoch das Aus, wenn keine Neukonzeption erfolgt.

Letzte Chance für den Studiengang Humanmedizin der privaten Universität Witten/Herdecke: Das Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) hat der Hochschule ein Ultimatum gesetzt. Zwar sind weiterhin Neueinschreibungen möglich, aber das Ministerium will die Immatrikulationen zum Sommersemester 2007 stoppen, wenn die Universität keine geeignete Neukonzeption vorlegt. Der Wissenschaftsrat hatte dem Studiengang Humanmedizin im Rahmen eines Akkreditierungsgutachtens eine unterdurchschnittliche Qualität in Forschung und Lehre bescheinigt. Das Gremium hielt weitere Neueinschreibungen für nicht verantwortbar.
Das vernichtende Urteil des Wissenschaftrates passt nicht zur einstigen Vorzeige-Universität Witten/Herdecke. In der medizinischen Ausbildung hat sie aus Sicht der Initiatoren eine Vorreiterrolle. Die Verzahnung von vorklinischem und klinischem Studienabschnitt, problemorientiertes Lernen und praxisorientierte Lehre wurden hier früher realisiert als in anderen Fakultäten. Nun aber kritisieren die Gutachter, die Fakultät habe kein überzeugendes Konzept zur Umsetzung der neuen Approbationsordnung für Ärzte.
Nach Meinung des Wissenschaftsrates ist die Zahl der hauptamtlichen Professoren zu gering. Derzeit gibt es in der Humanmedizin vier intramurale und 29 extramurale Lehrstühle. Die Fakultät betreibt kein eigenes Klinikum. Sie kooperiert mit 11 Krankenhäusern. Die Standorte reichen bis in den Raum Köln. Diese „Zersplitterung von Kompetenz“ schwächt nach Einschätzung des Gremiums die Medizinerausbildung strukturell und inhaltlich. Seit 1998 besteht eine Kooperation mit dem Helios Klinikum Wuppertal. Der Wissenschaftsrat bemerkt in seinem Gutachten, die Universität bezeichne das Krankenhaus seit August 2004 als ihr Universitätsklinikum. Eine Anerkennung durch das Land NRW jedoch fehlt.
Deutliche Mängel in Lehre und Forschung
Unter Beschuss steht neben der Lehre auch die Forschungsleistung. Die Anzahl der Publikationen ist nach Ansicht des Wissenschaftsrates zu gering. Im Durchschnitt veröffentliche ein Wittener Medizinprofessor jährlich 1,5 Publikationen. Die anderen medizinischen Fakultäten in Deutschland wiesen einen Mittelwert von mehr als 12 auf. Niedrig sei zudem der Zitierungsimpact der medizinischen Veröffentlichungen aus Witten/Herdecke. Bereits 1991 und 1996 hatte der Wissenschaftsrat auf Mängel in der Forschung hingewiesen. Angemessen reagiert hat die Universität auf die früheren Gutachten offensichtlich nicht.
Universitätspräsident Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Glatthaar bleibt gelassen. „Ich bin für das Gutachten außerordentlich dankbar“, sagte er anlässlich einer Pressekonferenz am 21. Juli. Das Urteil des Wissenschaftsrates über vier der fünf Wittener Fakultäten fiel positiv aus. Ausdrücklich ausgenommen davon aber ist die Humanmedizin.
Für Glatthaar kommt die harsche Kritik des Wissenschaftsrates überraschend. Er ist überzeugt: „Unser Output stimmt“. Glatthaar ist zuversichtlich, ein „belastbares und realisierbares“ Konzept für den Studiengang vorlegen zu können. Alle 168 Forderungen der Gutachter würden nun von einer Projektgruppe bearbeitet. Konkret sei für Oktober die Einrichtung eines neuen Lehrstuhls für die Forschung in der operativen Medizin in Kooperation mit dem Klinikum Köln-Merheim geplant. Für Bert-Uwe Drechsel, geschäftsführender Gesellschafter der Helios Kliniken GmbH, offenbart das Gutachten „grundsätzliche Missverständnisse“ und Vorbehalte über Forschungsprojekte privater Einrichtungen.
Mit dem Akkreditierungsgutachten hatte das Land NRW den Wissenschaftsrat Ende 2003 beauftragt. Die Akkreditierung einer Privat-Universiät ist die Voraussetzung für die finanzielle Unterstützung durch Steuermittel. Seit Gründung der Universität Witten/Herdecke 1982 flossen rund 40 Millionen Euro Landesförderung in die Hochschule.
Universitätspräsident Glatthaar betont, Spender und Sponsoren seien durch das Gutachten des Wissenschaftsrates nicht abgesprungen. Im Gegenteil. „Das Ganze hat eine Welle der Unterstützung ausgelöst“, sagt er. Für ihn ist klar: „Witten/Herdecke ist ohne Medizin nicht denkbar.“ Dr. med. Birgit Hibbeler
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