MEDIZINREPORT
Hirntumoren - Gliome: Neue Therapieformen sind dringend erforderlich
Dtsch Arztebl 2005; 102(30): A-2072 / B-1749 / C-1653


Die Deutsche Krebshilfe fördert die fachübergreifende Vernetzung der Wissenschaftler in einem Verbundprojekt.
Gliome wie das Glioblastoma multiforme und das anaplastische Astrozytom sind die häufigsten malignen Hirntumoren bei Erwachsenen. Standardtherapie ist die – immer nur subtotal mögliche – Resektion des Tumors, der eine adjuvante Strahlentherapie folgt. Obwohl in den vergangenen Jahren Navigationssysteme zur Interventionsplanung, schonende Operationsverfahren und selektive Bestrahlungstechniken etabliert werden konnten, ist die Prognose von Gliom-Patienten schlecht: Ein Jahr nach der Diagnose sind maximal 50 Prozent der Betroffenen, nach zwei Jahren nur noch zehn bis 15 Prozent am Leben. Neue Diagnose- und Behandlungsstrategien sind daher dringend erforderlich.
Aus diesem Grund hat die Deutsche Krebshilfe im Jahr 2004 das Verbundprojekt „Gliome: Interdisziplinäre Neuro-Onkologie, molekulare Diagnostik und neue Therapieansätze“ initiiert und fördert es für die ersten drei Jahre mit 3,6 Millionen Euro. Ihm angeschlossen sind die Universitätskliniken Tübingen, Bochum, Bonn, Dresden, Freiburg, Hamburg und München. Hinzu kommen Referenzzentren für Neuropathologie an den Universitäten Berlin und Düsseldorf sowie das Zentrum zur Datenerfassung und Statistik der Universität Leipzig. Das vorrangige Ziel des Verbundes sei es, „die Ergebnisse der Gliom-Forschung in neue Behandlungskonzepte umzusetzen, die möglichst rasch den Patienten zugute kommen“, betonte sein Sprecher, Prof. Dr. med. Michael Weller (Tübingen), bei einer Pressekonferenz der Deutschen Krebshilfe in Bonn.
Dazu gehören auch Untersuchungen mit dem Imidazo-Tetrazin-Derivat
Temozolomid – einem oral applizierbaren Alkylans, das kürzlich zur Behandlung von Patienten mit rezidivierendem oder progredientem Glioblastom zugelassen wurde. Wie Weller berichtete, hat eine Studie der „European Organisation for Research and Treatment of Cancer“ in Zusammenarbeit mit dem National Cancer Institute of Canada gezeigt, dass die Kombination von Strahlentherapie und Chemotherapie mit dem Wirkstoff Temozolomid das Überleben von Glioblastom-Patienten deutlich erhöht. Zwei Jahre nach alleiniger Strahlentherapie überlebten nur zehn Prozent der Patienten, nach Kombinationstherapie 26 Prozent (NEJM 2005; 352: 987–996).
Von Interesse ist für deutsche Gliomforscher auch das Ergebnis einer Subgruppenanalyse der Studie von 206 Tumorkranken, wonach Patienten, die einen bestimmten Enzymmangel aufweisen, am meisten von der Chemotherapie mit Temozolomid profitierten: Dieses Alkylans greift die DNA der Tumorzellen an. Allerdings versucht der Körper, die chemotherapiebedingten Schäden mithilfe des Enzyms MGMT (O6-Methylguanin-DNA-Methyltransferase) zu reparieren. Die Konzentration von MGMT in den Zellen gibt somit Aufschluss darüber, wie gut die Genschäden repariert werden.
Dieser Mechanismus mag sich für eine prädiktive molekulare Diagnostik eignen: Denn Patienten, die aufgrund einer Methylierung des MGMT-Gens das Enzym nicht bilden können („Methylierer“), profitieren in besonderem Maße von der Chemotherapie und weisen längere Überlebenszeiten auf als die „Nicht-Methylierer“ unter den Patienten. „Die Bestimmung des MGMT-Status eröffnet Perspektiven für die Patientenstratifizierung, deren Modalitäten aber noch weiter untersucht werden müssen“, sagte Weller. Von den Gliom-Patienten mit Kombinationstherapie, deren MGMT-Gen nicht aktiv ist, war in der erwähnten Studie nach zwei Jahren noch die Hälfte am Leben.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
An dem Verbund „Gliome“ interessierte Ärzte und Patienten können sich wenden an Prof. Dr. med. Michael Weller, Neurologische Klinik der Universität Tübingen,
Telefon: 0 70 71/2 98 76 37, E-Mail: mich ael.weller@uni-tuebingen.de.
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