THEMEN DER ZEIT

Brisantes Forschungsprojekt: Sterbehilfe bei Menschen im Wachkoma?

Dtsch Arztebl 2005; 102(30): A-2082 / B-1756 / C-1660

Beine, Karl H.; Böttger-Kessler, Grit

Spätestens seitdem das Schicksal von Terri Schiavo weltweit öffentliches Interesse erregt hat, wird auch in Deutschland verstärkt über den Umgang mit Menschen im Wachkoma debattiert. In der deutschen Bevölkerung wird die aktive Sterbehilfe mit deutlicher Mehrheit befürwortet (1). Für die Gesundheitsberufe liegen vergleichbare Einstellungsuntersuchungen kaum vor (2). Im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Universität Witten/Herdecke wurde mit einem Fragebogen die Einstellung von Ärztinnen und Ärzten, von Krankenschwestern und -pflegern und von Altenpflegerinnen und Altenpflegern zur aktiven Sterbehilfe bei Menschen im Wachkoma untersucht (3). Die Fragebögen wurden im Oktober 2002 an sämtliche Krankenhäuser und Reha-Abteilungen versandt, die mehr als 15 intensivmedizinische Betten vorhielten oder eine Abteilung für Unfallchirurgie, Neurologie, Neurochirurgie oder Neuropädiatrie hatten. Überdies wurde der Fragebogen an alle deutschen Rehabilitationseinrichtungen für Wachkomapatienten verschickt.
Es beteiligten sich 2 652 Ärztinnen und Ärzte, 5 785 Krankenschwestern und -pfleger sowie 397 Altenpflegerinnen und Altenpfleger an der Untersuchung. Es zeigte sich, dass die meisten Befragten (54,88 Prozent) für eine Veränderung der Gesetzeslage in Deutschland nach niederländischem Vorbild und damit für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe votierten. Die Mehrheit (64,79 Prozent) war der Überzeugung, dass es unter bestimmten Umständen gerechtfertigt sei, das Leben eines Menschen im Wachkoma aktiv zu beenden. Die aktive Sterbehilfe an Menschen im Wachkoma wird häufiger von den pflegerischen Berufsgruppen befürwortet. 70,38 Prozent der Krankenschwestern und -pfleger sind der Überzeugung, dass es unter bestimmten Umständen gerechtfertigt ist, das Leben eines Menschen im Wachkoma aktiv zu beenden; bei den Ärztinnen und Ärzten ist diese Überzeugung mit 51,53 Prozent weniger ausgeprägt. Die Befürwortung ist signifikant häufiger bei Untersuchungsteilnehmern, die jung, konfessionslos, mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden und erst seit kurzem im Beruf sind. Befragte aus den neuen Bundesländern, solche, die getrennt leben oder geschieden sind, plädierten häufiger für die aktive Sterbehilfe bei Menschen im Wachkoma als jene, die ein höheres Alter haben, konfessionell gebunden, mit ihrer beruflichen Situation zufrieden sind und über eine längere Berufserfahrung verfügen. Die Befürwortung der aktiven Sterbehilfe fällt in den alten Bundesländern und bei verheirateten oder verwitweten Untersuchungsteilnehmern weniger deutlich aus.
Die Untersuchung liefert Belege dafür, dass die Einstellung zur aktiven Sterbehilfe in hohem Maße von patientenbezogenen und persönlichen Faktoren beeinflusst wird. Es lässt sich leicht erkennen, wie abhängig die individuelle Einstellung von „Umgebungseinflüssen“ ist, zum Beispiel von offen geführten Diskussionen über die „fortschrittliche Regelung in Holland“, über „Soziallasten“, die „Kostenexplosion im Gesundheitswesen“, „sinnloses Leiden“ oder das „uneingeschränkte Selbstbestimmungsrecht“ des Menschen. Und so bedarf es mit einiger Wahrscheinlichkeit auch in Deutschland nicht mehr allzu vieler Entwicklungsschritte zur Kürzung von Mitteln, Entwertung von alten und kranken Menschen, Verabsolutierung des Selbstbestimmungsrechtes – bis man zu der Überzeugung gelangt ist, dass es „human“ und „würdig“ ist, menschliches Leiden mit den Mitteln der Medizin „schnell und schmerzlos“ zu beenden. Dabei wird außer Acht gelassen, dass die Hospizbewegung und die Palliativmedizin längst den Beweis dafür erbracht haben, dass der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe so gut wie gar nicht vorkommt bei Menschen, deren Schmerzen erträglich sind, die kompetent und menschlich therapiert und gepflegt werden und die in tragfähigen Beziehungen leben.

Literatur
1. Helou A, Wende A, Hecke T, Rohrmann S, Buser M, Dierks ML: Das öffentliche Meinungsbild zur aktiven Sterbehilfe. Dtsch med Wochenschr 2000; 125: 308–315.
2. Beine K: Sehen Hören Schweigen. Patiententötungen und aktive Sterbehilfe. Freiburg: Lambertus Verlag 1998.
3. Böttger-Kessler G: Die Einstellung von Ärzten und Pflegepersonen zur aktiven Sterbehilfe bei Menschen im Wachkoma. Inaugural Dissertation. Private Universität Witten/Herdecke 2004.

Prof. Dr. med. Karl H. Beine
Grit Böttger-Kessler
St. Marien-Hospital Hamm
Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie
Universität Witten/Herdecke
Knappenstraße 19, 59071 Hamm/Westfalen
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