POLITIK

Euthanasie: Töten ist keine ärztliche Aufgabe

Dtsch Arztebl 2005; 102(33): A-2212 / B-1869 / C-1769

Klinkhammer, Gisela

Über Sterbehilfe und Sterbebegleitung diskutierten Mediziner, Juristen und Theologen. Sie sprachen sich für eine Förderung der Palliativmedizin aus.

Es gebe bei Google erheblich mehr Einträge zum Thema Sterbehilfe als zur Palliativmedizin, sagte Dr. med. Maximilian Zollner, der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Ende Juli auf einer Bodenseefahrt. Seine Folgerung daraus: „Wir müssen mehr für die Palliativmedizin werben.“ Dafür plädierte auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Aktive Euthanasie lehnte er dagegen ab. Und das sei auch der Tenor der Grundsätze der BÄK zur ärztlichen Sterbebegleitung aus dem Jahr 2004.
Danach kann bei Patienten, die sich noch nicht im Sterben befinden, aber nach ärztlicher Erkenntnis aller Voraussicht nach in absehbarer Zeit sterben werden, weil die Krankheit weit fortgeschritten ist, eine Änderung des Therapieziels indiziert sein, wenn lebenserhaltende Maßnahmen Leiden nur verlängern würden und die Änderung des Therapieziels dem Willen des Patienten entspricht. „An die Stelle
von Lebensverlängerung und Lebenserhaltung treten dann palliativmedizinische Versorgung einschließlich pflegerischer Maßnahmen“, heißt es in den Grundsätzen. Aktive Euthanasie sei dagegen unzulässig und mit Strafe bedroht, auch dann, wenn sie auf Verlangen des Patienten geschehe (DÄ, Heft 19/2004).
Eine bessere Palliativmedizin
Der Moraltheologe Prof. Dr. Jean-Pierre Wils, Universität Nijmegen, verteidigte dagegen die Regelung in den Niederlanden, wo aktive Euthanasie unter bestimmten Voraussetzungen zulässig ist. Seiner Ansicht nach wird die Diskussion über Sterbehilfe in Deutschland vorwiegend in der kantianisch-christlichen Tradition geführt, wonach die Verfügungsrechte stark eingeschränkt sind, wohingegen in anderen Staaten eher in der Tradition des europäischen Liberalismus debattiert wird, wonach der Einzelne souverän über seinen eigenen Körper entscheidet. Es ist Wils zufolge „nicht ausgemacht, welche Kultur die richtige ist“.
Der Anästhesiologe und Palliativmediziner Dr. med. Matthias Thöns kritisierte die katastrophale palliativmedizinische Versorgung in Deutschland. Nicht zuletzt deshalb würden wohl auch zwei Prozent der deutschen Ärzte angeben, bereits aktive Euthanasie durchgeführt zu haben. Fast allen Patienten könne allerdings mithilfe der Palliativmedizin geholfen werden. Auch Wils hält die Palliativmedizin „für außerordentlich wichtig“. Sie sei jedoch nicht die Lösung aller Probleme und werde die Nachfrage nach aktiver Euthanasie nicht reduzieren. Die Akzeptanz der aktiven Euthanasie sei in den Niederlanden außerordentlich hoch. „Sie wird sehr restriktiv mit hohen Sorgfaltskriterien angewandt.“
Hoppe sieht jedoch die Gefahr des slippery slope. So hätte man vor einigen Jahren in der Stammzelldiskussion einiges für undenkbar gehalten, was man inzwischen in Erwägung ziehe. Wils sieht diese Gefahr nicht: „Es ist mir ein Rätsel, warum es per se nur bei der aktiven Euthanasie ein hohes Missbrauchspotenzial geben soll und bei der passiven nicht.“ Die aktive Euthanasie in den Niederlanden sei in der letzten Zeit sogar leicht rückläufig, was gegen einen slippery slope spreche.
Auch Priv.-Doz. Dr. jur. Hans-Georg Koch, Freiburg, glaubt, dass das viel wahrscheinlichere Missbrauchspotenzial in der passiven Sterbehilfe beziehungsweise im Unterlassen von Behandlungsmaßnahmen liege. Seiner Ansicht nach gibt es zwischen der jetzigen Lösung in Deutschland und der Regelung in den Niederlanden Zwischenlösungen. Koch plädiert für „ein Absehen von Strafe ohne Legalisierung und für eine bessere Palliativmedizin“. Dr. med. Georg Marckmann, Universität Tübingen, hält es für eine gute Lösung, einen so genannten Palliative-Care-Filter vor der aktiven Sterbehilfe einzusetzen, wie es in Belgien der Fall wäre. Er hält es unter dieser Voraussetzung – auch für einen Arzt – nicht für prinzipiell verwerflich, einen Menschen auf dessen Wunsch hin zu töten.
Euthanasie aus wirtschaftlichen Gründen
Damit stieß er jedoch auf scharfen Widerspruch von Hoppe. Für den Bundesärztekammer-Präsidenten ist aktive Euthanasie eine gezielte Tötung. Er zitierte Frank Schirrmacher, der in seinem Buch „Das Methusalem-Komplott“ befürchtete, dass sich unter Kostengesichtspunkten eine neue Diskussion ergeben könnte. „Es könnte sich eine Pflicht zum Töten entwickeln mit der Absicht, die Gesellschaft zu entlasten.“ Der Aufgabenbereich des Arztes dürfe nicht dahingehend erweitert werden, Menschen zu töten. „Die Tradition, dass Ärzte helfen, Leiden zu lindern, aber nicht zu töten, ist älter als das Christentum“, betonte Hoppe. Ein Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum pflichtete ihm bei. So sei die Euthanasie bereits in den 20er-Jahren in Europa und den USA aus wirtschaftlichen Gründen durchgeführt worden. Auch Zollner lehnte die aktive Sterbehilfe ab: „Man darf Menschen nicht im letzten Moment im Stich lassen.“ Gisela Klinkhammer
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