POLITIK

Pflegeheime: Schlechte Noten für die ärztliche Versorgung

Dtsch Arztebl 2005; 102(41): A-2756 / B-2328 / C-2196

Hibbeler, Birgit

Foto: dpa
Eine Studie belegt, dass Demenzen bei Heimbewohnern nur unzureichend behandelt werden. Auch die HNO-, augen- und zahnärztliche Versorgung ist mangelhaft.
Die Brille ist zu schwach, die Zahnprothese passt nicht, das Hörgerät liegt im Nachtschränkchen, weil es nicht funktioniert. Grund genug, einen Augen-, Ohren- und Zahnarzt zu konsultieren, sollte man meinen. Die Realität in Alten- und Pflegeheimen aber sieht anders aus. Zu dieser Einschätzung kommt die „Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen“ (SÄVIP)*, die Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Ursula Lehr vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung in Heidelberg und Dr. med. Johannes Hallauer von der AG Gesundheitssystemanalyse am Campus Charité-Mitte am 20. September in Berlin vorstellten. Auch demente oder depressive Heimbewohner können demnach in der Regel nicht mit einer adäquaten medizinischen Versorgung rechnen.
Erhebliche Defizite
Die ärztliche Betreuung von Heimbewohnern leisten der SÄVIP zufolge in erster Linie Allgemeinmediziner. Die medizinische Versorgung sei in Heimen zwar grundsätzlich sichergestellt, es gebe jedoch erhebliche Defizite, so die Autoren. Während internistische Erkrankungen angemessen therapiert würden, sei die Behandlung neurologisch-psychiatrischer Leiden mangelhaft. Nur ein Drittel der Heimbewohner werde laut der Studie von einem Neurologen oder Psychiater erreicht. Obwohl 53 Prozent der erfassten Patienten an einer Demenz litten, erhielten weniger als 20 Prozent ein Antidementivum. In etwa 50 Prozent der Heime wurden weniger als 15 Prozent der Bewohner antidementiv behandelt.
Rund 30 Prozent der Heime gaben an, im vergangenen Jahr kein einziges Mal von einem Augenarzt aufgesucht worden zu sein, 36 Prozent wurden von keinem HNO-Arzt versorgt. Auch in den Einrichtungen, die von entsprechenden Fachärzten aufgesucht wurden, ist die angegebene Zahl der Konsultationen oftmals gering. Die Autoren gehen hier von einem gravierenden Versorgungsdefizit aus. Sie weisen auf die Bedeutung des Hör- und Sehvermögens für die Sturzprophylaxe hin. Nach Ansicht der Autoren ist auch eine zahnärztliche Versorgung in den meisten Fällen nicht sichergestellt. Sie betonen, dass ein funktionsfähiges Gebiss zur Nahrungsaufnahme unentbehrlich sei. Eine gynäkologische Behandlung oder Vorsorge ist der Erhebung zufolge eine Rarität; dabei sind rund 78 Prozent der Heimbewohner Frauen. Auch eine orthopädische oder urologische Betreuung ist selten.
„Diese Studie muss aufrütteln“, betonte Mitautorin Lehr. Die Gerontologin kritisierte, im Alter würden gesundheitliche Einschränkungen immer noch als naturgegeben in Kauf genommen. Sie forderte, den Grundsatz „Prävention und Therapie vor Pflege“ stärker in die medizinische Versorgung in Heimen zu integrieren. „Schon kleine Verbesserungen sind für die Betroffenen ein Riesengewinn“, sagte Lehr. Studienautor Hallauer erklärte, dass die Bedeutung demenzieller Erkrankungen noch immer nicht erkannt worden sei. Der Anteil der Demenzkranken liege in der Untersuchung mit 53 Prozent unter der tatsächlichen Prävalenz in Pflegeheimen von 60 bis 65 Prozent. Er schließt daraus, dass die Pflegedienstleitungen das Problem unterschätzen. Die Ursache für die Unterversorgung mit Antidementiva sieht er in einer mangelhaften fachärztlichen Versorgung. Die Vergütung ärztlicher Leistungen in Heimen sei auch nach dem EBM 2000plus unattraktiv.
Doch es gibt noch weitere Gründe für die mangelhafte ärztliche Betreuung. Die meisten Heimbewohner sind auf Hausbesuche angewiesen. Diese werden in der Regel vom Pflegepersonal veranlasst. Die medizinische Kompetenz der Pflegenden ist daher entscheidend. Dass es hier Weiterbildungsbedarf gibt, zeigt die SÄVIP ebenfalls. Ein Viertel der Heime gab einen großen Bedarf an Mitarbeiterfortbildung an. Besondere Defizite wurden in den Bereichen Demenz, Depression, Schmerz und Sturzprophylaxe erkannt. „Die medizinischen Inhalte der Altenpflegeausbildung haben mit der zunehmenden Multimorbidität nicht Schritt gehalten“, folgerte Prof. Christel Bienstein, Leiterin des Institutes für Pflegewissenschaften der Universität Witten/Herdecke. Es sei paradox, wenn alte Menschen in ein Heim zögen, weil sie krank und hilfsbedürftig seien, sich gerade dort aber ihre medizinische Versorgung verschlechtere. Gleichwohl forderten die Autoren, auch Angehörige und gesetzliche Betreuer müssten an ihre Verantwortung erinnert werden.
Zweifelsohne gibt es Schwachpunkte im Studiendesign: Der Fragebogen wurde an die Pflegedienstleitungen gesendet. Wer ihn aber tatsächlich ausgefüllt hat und wie fachkundig diese Person war, ist nicht nachvollziehbar. Die erfassten Demenzkranken sind weder nach Schweregrad noch nach Erkrankungstyp unterteilt. Insofern bleibt offen, warum keine antidementive Medikation erfolgt. „Trotz aller Kritikpunkte zeigt die Studie eine deutliche Unterversorgung Demenzkranker. Das ist besorgniserregend“, erklärte Priv.-Doz. Dr. med. Martin Haupt, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Dabei könne der Einsatz von Antidementiva gerade leichtgradige Verhaltensstörungen verringern.
Auch für Prof. Dr. med. Ingo Füsgen ist klar, dass die Ergebnisse der Studie zutreffend sind. „Dass hier Handlungsbedarf besteht, ist keine Frage“, betonte der Ärztliche Direktor der Geriatrischen Kliniken der Kliniken St. Antonius, Wuppertal. Füsgen ist ebenfalls besorgt über die Unterversorgung von Demenzkranken. Vielfach werde man erst aktiv, wenn Demente verhaltensauffällig würden. Dann erfolge oftmals eine Ruhigstellung mit Neuroleptika. Füsgen hat allerdings seine Zweifel, ob das Problem einzig durch einen Ausbau der fachärztlich neurologisch-psychiatrischen Behandlung zu lösen ist. Wichtig sei es, die Kompetenz von Hausärzten und Pflegekräften zu stärken. Dr. med. Birgit Hibbeler

*Im Rahmen der SÄVIP wurden die Pflegedienstleitungen sämtlicher Heime in Deutschland angeschrieben und gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Die Untersuchung erfasst mehr als zehn Prozent der Pflegeheimplätze und wird von den Autoren als repräsentativ eingestuft. Herausgeber sind das Deutsche Zentrum für Alternsforschung in Heidelberg, die AG Gesundheitssystemanalyse am Campus Charité-Mitte in Berlin, das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke und die Stiftung „Daheim im Heim“, Wiesbaden. SÄVIP, Verlag Vincentz, ISBN 3-87870-138-1.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige