MEDIZINREPORT

Forschungsbetrug: Fachjournale in der Kritik

Dtsch Arztebl 2006; 103(5): A-234 / B-203 / C-199

Zylka-Menhorn, Vera

Satire mit einem Schuss Realität: Einige Forschungsergebnisse werden einfach „aus dem Hut gezaubert“. Foto: mauritius images
Über die Stärken und Schwächen des „Peer-Review“-Verfahrens der internationalen Wissenschaftsmagazine

Kaum haben sich die medialen Wogen um den koreanischen Stammzellforscher Woo Suk Hwang gelegt, wird die Reihe der Forschungsskandale um einen weiteren peinlichen Fall erweitert: Eine im Oktober in „Lancet“ (2005; 366: 1359–1366) publizierte Fall-Kontroll-Studie, wonach nichtsteroidale Antiphlogistika eine protektive Wirkung vor Kopf-Hals-Tumoren haben sollen, ist eine freie Erfindung des norwegischen Wissenschaftlers Jon Sudbø aus Oslo. Der Betrug des renommierten Krebsforschers flog unter anderem deshalb auf, weil bei nahezu hundert Patienten derselbe Geburtstag angegeben worden war.
Konfrontiert mit der Lüge, hat Sudbø durch seinen Anwalt weitere Manipulationen zugegeben. Sie betreffen Publikationen im „New England Journal of Medicine“ und im „Journal of Clinical Oncology“. Die Studien passierten die Gutachter-Verfahren vielleicht auch, weil der Autor in der Vergangenheit bereits 38 Studien in internationalen Journalen publiziert hatte, die nachträglich alle überprüft werden sollen. Übrigens: Auch dem Deutschen Ärzteblatt war Sudbøs Lancet-Publikation eine Online-Meldung wert.
Wie sehr der „nachlässige“ Umgang mit Daten in der Forschung verbreitet ist, zeigte Brian Martinson in einer USStudie, wonach bei einer anonymen Befragung jeder dritte Forscher angegeben hatte, mehr oder minder unredlich zu arbeiten (DÄ, Heft 26/2005). Es wundert daher nicht, wenn die Öffentlichkeit dem Wert von Forschungsergebnissen mit Skepsis und Zweifel begegnet und sich zahlreiche Fragen stellt: Wie gelingt es Hwang, Sudbø und „alii“, die Forschergemeinde über Jahre mit „Wissenschaftsmärchen“ in Staunen zu versetzen, ohne dass jemand Verdacht schöpft? Wie können „spektakuläre“ Forschungsergebnisse die strengen (?) Hürden der Gutachterverfahren bei den führenden Wissenschaftsjournalen Science, Nature, Lancet, New England Journal of Medicine et cetera passieren? Das sind vier Nennungen von weltweit circa 25 000 Titeln, die das Peer-Review-Verfahren anwenden.
Dabei prüfen die Gutachter, ob Studien originell und neu sind, in der Argumentation plausibel und stimmig. So werden von 10 000 Arbeiten, die jährlich bei „Science“ eingereicht werden, nur acht Prozent zur Publikation angenommen. Viele Kommentatoren äußern allerdings den Verdacht, dass angesichts des immer härter werdenden Konkurrenzkampfes die Prüfung durch die „Peers“ versagt. Den renommierten Journalen wird vorgeworfen, sie blickten mehr auf die Auflage denn auf wissenschaftliche Qualität, was die Veröffentlichung von geschönten Studien und „spektakulären“ Forschungsergebnissen begünstige.
Meist trifft die Redaktion eine grobe Vorauswahl
Obwohl die Begutachtung wissenschaftlicher Arbeiten überall ähnlich gehandhabt wird, gibt es auch Unterschiede. Bei „Nature“ trifft die Redaktion die Entscheidung, welche Publikationen an zwei bis drei externe Gutachter verschickt werden. Dabei berücksichtigt sie neben wissenschaftlichen auch verkaufsstrategische Kriterien. Die Aufgabe der Gutachter ist es dann, die Bedeutung einer Arbeit einzuschätzen, auf technische oder interpretatorische Mängel hinzuweisen und Ergänzungen anzuregen. Das letzte Wort liegt bei der Redaktion – zum Beispiel, wenn die Gutachter unterschiedlicher Ansicht sind.
Auch bei „Science“ trifft der Redakteur eine Vorauswahl. Die Entscheidung, welche Arbeiten begutachtet werden sollen, hat das Magazin allerdings an ein unabhängiges „Board of Reviewing Editors“ delegiert, dem etwa 130 internationale Forscher angehören. Eine Arbeit wird normalerweise an drei Personen dieses Ausschusses geschickt. Nur wenn alle drei sie für neu und bedeutungsvoll halten, wird sie an externe Gutachter weitergeleitet. Diese können sich dann darauf konzentrieren, die technischen Aspekte zu beurteilen. Wie alle Gutachter in der Wissenschaftspublizistik arbeiten die Mitglieder anonym und ohne Entgelt. So soll ein Höchstmaß an Unabhängigkeit im Urteil erreicht werden.
Peer Review sei allerdings nicht darauf angelegt und nicht geeignet, Fälschungen ausfindig zu machen, erklärt Science-Chefredakteur Donald Kennedy: Wissenschaft gründe auf Vertrauen in die Echtheit und Gültigkeit von Ergebnissen – und das sollte auch in Zukunft so sein. Sonst müsste man die Methoden einer Untersuchungskommission anwenden oder vor einer Veröffentlichung abwarten, bis Dritte das Ergebnis in ihrem Labor bestätigen könnten.
So soll bei „Science“ vorerst nur eine neuartige Software eingesetzt werden, die Doppelungen und Stückelungen bei der Bildbearbeitung aufspüren kann. Denn Digitalfotografien, die in der Wissenschaft Standard sind, eignen sich besonders gut zur Manipulation. Deshalb sollen die Autoren verpflichtet werden, explizit darauf hinzuweisen, in welcher Weise sie Bilder bearbeitet haben.
Aus der deutschen Wissenschaftsszene werden weitergehende Forderungen laut: Prof. Dr. Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft für wissenschaftliches Fehlverhalten, schlägt vor, dass Fachjournale bei Meldungen über Durchbrüche ein eigens geschaffenes Gutachtergremium einsetzen sollten. Und Prof. Dr. med. Christian Haass (LMU München), der zum „Board of Reviewing Editors“ von „Science“ gehört, empfiehlt, die Überforderung von Gutachtern zu thematisieren. Überarbeitete Gutachter delegierten häufig die Überprüfung an weniger erfahrene Mitarbeiter.
Die Idee, die Namen von Gutachtern grundsätzlich öffentlich zu machen, um sie so zu größerer Sorgfalt zu zwingen, findet hingegen nur geteiltes Echo: Die Arbeiten bekannter und einflussreicher Wissenschaftler könnten nur dann streng beurteilt werden, wenn die Gutachter keine Nachteile und Rachegelüste zu fürchten hätten, so das Gegenargument. Trotzdem sehen Forscher Möglichkeiten, die Transparenz des Peer Reviews zu verbessern.
So schlägt der Zoologe Prof. Dr. Denis Duboule (Universität Genf) vor – er gehört ebenfalls dem „Board of Reviewing Editors“ von „Science“ an –, jeder Mitautor einer Publikation solle darlegen, worin sein spezifischer Beitrag bestanden habe. „Nature“ praktiziere dies bereits auf freiwilliger Basis. Außerdem würde es Duboule begrüßen, wenn sich neben dem Erstautor auch die Mitautoren schriftlich zum Inhalt und zu den Schlussfolgerungen einer Arbeit bekennen müssten. „Wenn man damit rechnen muss, für das Fehlverhalten anderer geradestehen zu müssen, wächst der Druck, den Kollegen genauer auf die Finger zu schauen“, so der Zoologe in der Neuen Zürcher Zeitung (16. 1.)
Auch das Deutsche Ärzteblatt erachtet Peer Review – trotz bekannter Schwächen – als ein sehr nützliches Bewertungsinstrument, das vorerst unverzichtbar bleibt. Wie Priv.-Doz. Dr. med. Christopher Baethge, Leiter der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes, betont, werden alle Manuskripte der Rubrik „Medizin“ von unabhängigen Experten beurteilt. „Normalerweise wird ein Manuskript zwei Gutachtern vorgelegt“, so Baethge: „Unsere Regularien folgen damit den ,Uniform Requirements for Manuscripts Submitted to Biomedical Journals‘ vom Oktober 2005.“ Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Das Deutsche Ärzteblatt hat zum Thema „Forschungsbetrug“ ein Internet-Forum eingerichtet: www.aerzteblatt.de/foren.

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