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POLITIK

Einfluss der Krankenkassen: „Bürokratische Folterinstrumente“

Dtsch Arztebl 2006; 103(13): A-821 / B-701 / C-677

Maus, Josef

Formulare, Formulare, Formulare: Stummer Protest auf dem Ärztetag 2005 in Berlin Foto: Bernhard Eifrig
Wie empfinden Ärztinnen und Ärzte die Rolle der Krankenkassen im Gesundheitswesen? Zahlreiche Zuschriften an das Deutsche Ärzteblatt machen deutlich: überwiegend negativ.

Als ich mich 1986 niederließ, schickte mir die DAK zur Praxiseröffnung ein Blumengebinde und ein Schreiben, in dem man die Freude zum Ausdruck brachte, dass ich mich fürderhin um die ärztliche Versorgung der DAK-Patienten bemühen wollte.“ Derartige Freundlichkeiten seien lange her, berichtet Dr. med. Johannes Alfred Ebbers. Der HNO-Arzt aus Düren hat inzwischen diesen ersten Kontakt mit einer großen deutschen Krankenkasse als „Erinnerung an das Goldene Zeitalter“ verbucht. „Seither wurden unsere Rechte als freier Beruf Stückchen für Stückchen abgetragen. Man nimmt uns die Luft zum Atmen“, sagt der niedergelassene Arzt.
Ebbers ist einer der vielen Ärzte und Ärztinnen, die auf die Titelgeschichte in Heft 5/2006 des Deutschen Ärzteblattes („Krankenkassen wollen den Takt angeben“) reagiert haben. Die DÄ-Redakteure Sabine Rieser und Jens Flintrop sind in diesem Artikel der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Krankenkassen nicht mehr als Payer, sondern als Player im Gesundheitswesen verstehen. „Gestalten statt verwalten – die Kassen meinen es ernst“, war der Beitrag überschrieben. Eine These, die offensichtlich viele Ärztinnen und Ärzte aus eigener Anschauung bestätigen können.
Augenarzt Dirk Paulukat aus Bad Camberg schreibt ans DÄ: „Meine Erfahrungen mit der Einflussnahme der Kassen sind sowohl als Klinikarzt als auch als Vertragsarzt durchweg negativ. Ziel jeglicher Einflussnahme der Kassen war und ist es, Kosten zu sparen – durch konsequente Leistungsverweigerung gegenüber den Versicherten und Honorarverweigerungen gegenüber den Ärzten.“ Ein Miteinander mit den Kassen sei längst nicht mehr gegeben, praktisch jeder Arzt, der sich für seine Patienten einsetze, habe mit den Krankenkassen schon Therapien ausfechten müssen.
Ähnlich sieht das Dipl.-Med. Harry Rübsam aus Wutha-Farnroda: „In den mehr als zehn Jahren meiner Praxistätigkeit waren sie nie Partner, sie werden mehr und mehr zu einer bedrohlichen Kontrolleinrichtung. Aber auch die KVen sind mehr gehorsame Staatsvollstrecker als Partner.“ Erfahrungen, die (fast wortgleich) von Dr. med. Käte Köster aus Altenburg in Thüringen geteilt werden: „Ich betrachte die Kassen zunehmend als Kontrollinstanz für unser gesamtes ärztliches Handeln. Ich empfinde es schon als ständigen Druck auf die Behandlungsführung, wenn ständig die Angst vor dem Regress über einem steht. Warum lassen wir Ärzte uns das schon seit Jahren gefallen?“ Dr. med. Hubertus von Below aus Grimma erlebt die Krankenkassen „zunehmend als bürokratisches Folterinstrument“. Seiner Auffassung nach „sind wir wieder in der Zeit vor der Sozialversicherung angekommen“.
Klare Diagnose beim 1. Nationalen Protesttag der Ärzte am 18. Januar in Berlin: Wir ersaufen in Bürokratie. Foto: vario-press
Der Internist Dr. med. Gerhard Gräwe aus Unna schreibt: „Je intensiver sich die Krankenkassen als Dienstleister begreifen, umso deutlicher wird die Begrenztheit solcher Möglichkeiten. So schaffen es die Kassen heute immer noch nicht, ihre Anfragen zeitnah an den konkreten Ereignissen auszurichten. Anfragen über die Dauer einer Arbeitsunfähigkeit werden immer noch an die Ärzte verschickt, obwohl die Versicherten schon längst wieder arbeitsfähig sind und sich auch am Arbeitplatz befinden. Differenzen von bis zu 14 Tagen sind dabei keine Seltenheit.“
Gräwe könnte die Liste „solcher lästigen und fragwürdigen Aktionen“ beinahe beliebig fortsetzen, denn: „Das Bewusstsein aufseiten der Krankenkassen scheint aber noch nicht vorhanden zu sein, dass weniger überbordende Bürokratie auch im Sinne der Patienten ist und mehr Zeit für ärztliche Zuwendung lassen würde.“
Symbiose zwischen den Kassen und der Politik
Überbordende Bürokratie – Klagen darüber finden sich in nahezu allen Zuschriften. So schreibt der Kinderarzt Dr. med. Hanns-Michael Lorenz: „Immer wieder neue Formulare. Wem haben sie etwas gebracht – außer den Ärzten einen Mehraufwand? Immer wieder neue Ausschlüsse bei Leistungskombinationen und Budgetierungen – weil so viele Ärzte mehr abrechnen, als sie machen? Inzwischen fünfstellige Abrechnungsziffern – wohl als Gehirntraining einer älter werdenden Ärzteschaft?“ Lorenz glaubt, dass seit etwa 20 Jahren eine zunehmende Symbiose zwischen den Krankenkassen und der Politik besteht: „Beide engen gemeinsam den Beruf des nach bestem Wissen und Gewissen handelnden Arztes mehr und mehr ein und das unter dem Deckmantel der Kostenreduzierung.“
Heidi Niebergall, Augenärztin aus Kötzing, sieht das ähnlich: „Generell gilt für uns, dass man sich als niedergelassener Arzt mangels einer Standesvertretung, die den Namen verdient, der Willkür der Krankenkassen, die politische Rückendeckung genießen, hoffnungslos ausgeliefert fühlt. Auf den Punkt gebracht: Politik und Krankenkassen versprechen das, was wir halten müssen!“ Und sie machen dabei offenbar den Ärzten das Leben schwer, wie Dr. med. Sabine Wansor-Schlünder beklagt: „Die Verwaltung des einzelnen Versicherten durch die Krankenkasse wurde ,entpersönlicht‘ – das heißt: Die Entscheidungsvorgänge wurden zentralisiert, etwa in Form der Hilfsmittelkompetenzzentren. Die Sachbearbeiter in diesen Zentraleinrichtungen haben keine Vorstellung von ihrem Versicherten vor Ort und verweigern grundsätzlich alles, was wir verordnen.“
Die Allgemeinärztin aus Gevelsberg ist seit 14 Jahren niedergelassen und hat ihre Erfahrungen gemacht: „Es gibt eine Flut nicht vereinbarter Vordrucke zur Erlangung eines (auf dem Rezept bereits begründeten) notwendigen medizinischen Hilfsmittels, die wir als Begründung unserer Begründung auszufüllen haben. Tun wir es nicht, schaden wir dem Patienten.“
Peter Priest, Diplom-Psychologe aus Öhringen, fasst in vier Punkten zusammen, was seiner Ansicht nach das neue Rollenverständnis der Kassen ausmacht:
1. Die gesetzlichen Krankenkassen sind schon lange zu der Einsicht gekommen, dass die reine Verwaltung des Geldflusses als Daseinsberechtigung in der heutigen Zeit nicht mehr reicht. Sie versuchen, ihr Aufgabengebiet auszuweiten, um einen Status der Unentbehrlichkeit zu erlangen.
2. Kassenvertreter haben Probleme im Gesundheitswesen aufgezeigt und beanspruchen nun ein Monopol auf die Lösungen und die damit verbundenen zusätzlichen Kompetenzen.
3. Die Kassenärztlichen Vereinigungen, Kammern und Berufsverbände waren und sind zum Großteil nicht in der Lage, ihre Sicht der Dinge gegenüber der Politik geltend zu machen.
4. Die Krankenkassen haben angebliche Lücken in der gesundheitsfördernden Versorgung entdeckt und versuchen, die Schließung dieser Lücken für sich in Anspruch zu nehmen.
Wie sie das tun, mutmaßt Dr. med. Detmar Wüsthoff aus Werdohl in Frageform verkleidet. Er schreibt ans DÄ: „Guten Tag, ich bin glücklicherweise Rentner. Da sieht man aber auch so manches anders. Deshalb habe ich in dieser Diskussion nur eine Frage: Haben die Gegenspieler der Kassen, also die verschiedenen Ärzteverbände, ebenfalls Berater wie McKinsey?“ Josef Maus
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