THEMEN DER ZEIT

Betriebliche Gesundheitsförderung: Lohnende Investition in Mitarbeiter

Dtsch Arztebl 2006; 103(15): A-989 / B-837 / C-808

Gerst, Thomas

Viele Unternehmen müssen sich auf einen Mangel an jungen qualifizierten Arbeitskräften einstellen. Der Gesundheit und dem langfristigen Erhalt der Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter kommt deshalb eine wachsende Bedeutung zu.

Eine Montagehalle bei DaimlerChrysler in Sindelfingen: Überraschend geräuscharm läuft das Montageband, auf dem die S-Klasse von Mercedes von Schichtarbeitern und -arbeiterinnen mit ruhig wirkenden Bewegungsabläufen zusammengebaut wird. Die Halle wirkt hell und aufgeräumt, es scheint alles so organisiert zu sein, dass Arbeitsunfälle so weit wie möglich ausgeschlossen sind. Mit verantwortlich dafür ist Dr. med. Manfred Beck, seit 1992 Werksarzt bei DaimlerChrysler in Sindelfingen. Seitdem hat sich – nicht nur dort – das betriebsärztliche Aufgabenspektrum deutlich verändert. Neben der klassischen Zuständigkeit des Werksarztes für den Arbeits- und Gesundheitsschutz, die Unfallverhütung und die Erstversorgung arbeitsbedingter Unfälle kommt inzwischen der präventiven Gesundheitsförderung der Belegschaft ein immer größerer Stellenwert zu.
Beck freut sich, seinen Aufgabenbereich vor Ort vorstellen zu können. Es sei außerhalb des Werksgeländes manchmal schon etwas schwierig, den kurativ tätigen Ärzten zu vermitteln, „was wir hier eigentlich tun“. Betriebliche Gesundheitsförderung und betriebliche Wiedereingliederung seien mittlerweile gerade vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in vieler Munde. Das Durchschnittsalter in seinem Werk wird von circa 42,0 Jahren im Jahr 2004 auf 45,4 Jahre im Jahr 2014 ansteigen. 41 Prozent der Mitarbeiter werden dann 50 Jahre oder älter sein, also in einem Alter, in dem die Einsatzflexibilität, etwa am Montageband, deutlich zurückgeht: Prognosen zufolge sind dann noch 55 Prozent der Mitarbeiter voll flexibel einsetzbar. Zudem ist aus bundesweiten Statistiken der Krankenkassen bekannt, dass der Krankenfehlstand bei Mitarbeitern über 50 Jahre etwa doppelt so hoch wie bei den Jüngeren ist.
Aber der Hinweis darauf, dass vielleicht schon in wenigen Jahren aus jüngeren gesunden Mitarbeitern Ältere mit Einsatzeinschränkungen werden, reicht nach Einschätzung von Beck in der Regel bei den Entscheidungsträgern nicht allein als Argument, der betrieblichen Gesundheitsförderung adäquate Mittel zur Verfügung zu stellen. Leichter bewerkstelligen lasse sich dies derzeit noch mit dem Hinweis auf die Möglichkeit, die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage zu reduzieren, wie es Studien vielfach aufgezeigt haben.
Für Beck stellt die Einrichtung der neuen Montagereihe für die S-Klasse ein gutes Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit aller Beteiligten bei der betrieblichen Gesundheitsförderung dar. Der werksärztliche Dienst konnte im Vorfeld alle Arbeitsschritte unter ergonomischen Gesichtspunkten überprüfen. Auch im Management habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Bemühen um die beste wechselseitige Anpassung zwischen Fähigkeiten der Mitarbeiter und Arbeitsbedingungen häufig mit einem Zeitgewinn in der Produktion und geringeren Fehlzeiten verbunden ist. Beliebtes Exempel für eine Verbesserung durch montagegerechte Produktgestaltung: Den Rücken extrem belastendes Arbeiten über den Kofferraum hinweg wurde dadurch vermieden, dass die Ersatzradmulde erst später eingebaut wird, sodass nun eine rückengerechte aufrechte Haltung zur Bewältigung der einzelnen Arbeitsschritte möglich ist. Mit Nutzung höhen- und seitenverstellbarer Montagebänder werde versucht, die Über-Kopf-Arbeit so weit wie möglich zu vermeiden. Das Angebot eines regelmäßigen produktionsnahen Rükkentrainings zur Verringerung bereits vorhandener Rückenbeschwerden und Vorbeugung zukünftiger Probleme sei zunächst von vielen Mitarbeitern genutzt worden. In der Folge sei aber das Interesse an der Maßnahme, für die die Mitarbeiter pro Trainingseinheit 15 Minuten Freischichtzeit opfern, sehr zurückgegangen. Sich von solchen Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen, erfordere viel Enthusiasmus und Engagement, betont Beck.
Sind dies noch Maßnahmen, die man im weitesten Sinn mit der klassischen Arbeitsmedizin in Verbindung bringen kann, so zielen andere Projekte der Gesundheitsförderung direkt auf die individuelle Lebensführung der Betriebsangehörigen. Für Beck ist klar, dass dabei die Möglichkeiten eines werksärztlichen Angebots beschränkt sind, weil es sich nicht bis in den privaten Bereich erstrecken kann. Es bleibt die Hoffnung, dass im Werk erhaltene Anregungen auch im häuslichen Umfeld ihre Wirkung entfalten.
Bei allen Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsförderung sei es sehr wichtig, sagt Beck, alle Beteiligten in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. So sei die Beteiligungsquote der Mitarbeiter sehr viel höher, wenn der Betriebsrat dies mit befürworte. Auch eine gute Zusammenarbeit mit den Krankenkassen, insbesondere mit der Betriebskrankenkasse und der AOK, sei wegen der Unterstützung von Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung notwendig. Beck ist allerdings Realist: Das Engagement der Krankenkassen sei auch auf den Wettbewerb um Versicherte zurückzuführen.
Auch bei der Deutschen Steinkohle AG hat der Stellenwert der betrieblichen Gesundheitsförderung in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen. Infolge der besonderen Produktionsbedingungen unter Tage standen lange Zeit Aspekte des Arbeits- und Unfallschutzes im Vordergrund werksärztlicher Bemühungen. Hierdurch konnte ein starker Rückgang an Unfällen erreicht werden. Heute haben Mechanisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen die physischen Belastungen der Bergleute reduziert. Die Bergleute werden noch immer im Abstand von zwei Jahren gemäß Gesundheitschutzbergverordnung einer arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung unterzogen. Es sei das Bestreben der Deutschen Steinkohle AG, so der leitende Betriebsarzt Dr. med. Volker Schenk, auf eine stetige Verbesserung der Arbeitsbedingungen unter dem Aspekt des Gesundheitsschutzes hinzuwirken. Die Umsetzung des Gesundheitsschutzes liege in der Verantwortung aller Werksangehörigen.
Rechtzeitig muss sich auch dieses Unternehmen auf den demographischen Wandel einstellen. Bei sinkender Mitarbeiterzahl wird der Anteil der älteren Bergleute in den nächsten Jahren kontinuierlich zunehmen, sodass davon auszugehen ist, dass die physische und psychische Belastbarkeit abnehmen wird. Rechtzeitig einstellen muss man sich deshalb auf einen deutlichen Anstieg der Mitarbeiterquote mit betrieblichen Beschäftigungsbeschränkungen, etwa bei Arbeiten mit schweren Lasten oder in klimatisch belastenden Bereichen. Die im Vergleich zu anderen Gewerbebereichen ungleich höheren muskel- und skelettbedingten Ausfallzeiten (40 Prozent der gesamten Ausfallzeiten) führen in diesem Bereich zu verstärkten Bemühungen der Deutschen Steinkohle AG in der Verhaltensprävention und beim Angebot geräteunterstützter Trainingsprogramme. Andere Schwerpunkte sind Prävention stress-
bedingter Erkrankungen und Suchtprävention.
Betriebliche Gesundheitsförderung hilft dem Unternehmen auch, wettbewerbsfähig zu bleiben. Davon ist Dr. med. Manfred Beck von DaimlerChrysler überzeugt. Die Mitarbeiter profitierten doppelt: Der Erhalt ihres Arbeitsplatzes werde sicherer, und ihre Gesundheit bleibe länger erhalten.
Als Beispiele für gesundheitsfördernde Aktionen bei DaimlerChrysler in Sindelfingen nennt er:
- ein medizinischer „Checkup“ bei rund 2 500 Mitarbeitern. Dabei zeigten sich bedenkliche Werte bei nicht wenigen Teilnehmern – Blutzucker mehr als 160 mg/dl bei sieben Prozent, Cholesterin mit mehr als 230 mg/dl bei 26 Prozent, Blutdruck höher als 140/90 bei 41 Prozent und ein Body-Mass-Index von mehr als 29 bei 21 Prozent der Teilnehmer. In der Folge wurde behandlungsbedürftigen Übergewichtigen ein professionelles Abnehmprogramm angeboten.
- Mehr als 4 000 DaimlerChryslerMitarbeiter beteiligten sich an einem Stuhltest zur Darmkrebsfrüherkennung; einen positiven Befund gab es bei 134 Mitarbeitern (3,3 Prozent).
Ansprechpartner für erfolgreiche Wiedereingliederung: Der Verband Deutscher Betriebsund Werksärzte betont die Kompetenz seiner Mitglieder.
- Gezielte Aktionen zur Einstellungsänderung in Bezug auf Bewegung und Ernährung, Mitarbeitergesprächszirkel, Großplakatierungen, modifizierte Ernährungsangebote in der Kantine; in einer internen Physiotherapie-Einrichtung sollen in Zukunft Mitarbeiter mit Problemen des Muskel-Skelett-Systems behandelt werden. Eine engere Kooperation mit angegliederten oder benachbarten Sportvereinen wird angestrebt.
- Geplant ist in diesem Jahr eine Kampagne zur Hautkrebsprävention; Mitarbeiter sollen bei verdächtig aussehenden Hautveränderungen zu einem Besuch beim Dermatologen bewegt werden. Dem Vorwurf, dies gehöre nicht in den werksärztlichen Zuständigkeitsbereich, begegnet Beck: „Wir bringen die Patienten erst in die Praxen.“
- Noch Zukunftsmusik ist ein rauchfreies Betriebsgelände. Allerdings gibt es vielversprechende erste Schritte dorthin. In den Bürobereichen ist das Rauchen nur noch an abgesaugten „smoke stations“ erlaubt. Ein weiterer Schritt wäre es, den Verkauf von Tabakwaren auf dem Werksgelände selbst zu untersagen. Beck ist zuversichtlich, dass man das Management davon überzeugen kann, dass der Nutzen infolge verbesserter Gesundheit und geringerer Fehlzeiten mehr wiegt als der Bilanzbeitrag aus dem Tabakverkauf.
- Von Oktober bis Dezember 2005 wurden 4 384 Grippeschutzimpfungen durchgeführt.
Letzteres führte in der Vergangenheit gelegentlich zu Auseinandersetzungen zwischen Werksärzten und den ärztlichen Vertretungskörperschaften, sei es Kassenärztliche Vereinigung oder Ärztekammer, die die Grippeschutzimpfung nicht dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung zurechneten. Beck betont, dass die Mitarbeiter zunächst auf die Möglichkeit der Grippeschutzimpfung bei ihrem Hausarzt hingewiesen würden. Für den Präsidenten des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte e.V (VDBW), Dr. med. Wolfgang Panter, ist die Kritik am Grippeschutz durch den Werksarzt nicht nachvollziehbar. Die betriebliche Impfaufklärung und die Durchführung von Impfungen seien bei der werksärztlichen Betreuung von größter Bedeutung. In einer VDBW-Pressemitteilung verweist er auf die betriebliche Verantwortung des Werksarztes, eine Grippewelle in seinem Unternehmen zu verhindern. Hier biete sich zudem die Gelegenheit, eine Klientel, die nicht besonders häufig – und schon gar nicht zu präventiven Maßnahmen – in den ärztlichen Praxen anzutreffen sei, auf die Notwendigkeit regelmäßiger Impfungen hinzuweisen. Arbeitsmedizinische Prävention habe sich im betrieblichen Bereich bewährt, betonte Panter beim Präventionsgipfel der MCC health world 2006 in Köln. Sie sei als Kernelement des
betrieblichen Gesundheitsmanagements ein wichtiger Bestandteil eines präventivorientierten Gesundheitssystems.
Zugleich hob der VDBW-Präsident die Bedeutung des seit Mai 2004 geltenden § 84 Abs. 2 SGB IX (Rehabilitationsrecht) hervor, der alle Arbeitergeber dazu verpflichte, bei Mitarbeitern, die länger als sechs Wochen im Jahr krank sind, ein betriebliches Eingliederungsmanagement durchzuführen. Das bedeutet: Arbeitgeber müssen die Möglichkeiten der Wiederherstellung von Arbeitsfähigkeit im Gespräch mit dem Mitarbeiter erörtern und entsprechende Maßnahmen planen und durchführen. Der Begriff „Eingliederungsmanagement“ geht zurück auf den in Kanada entwickelten Ansatz des „Disability Management“, bei dem die Zielgruppe der behinderten Arbeitnehmer um alle diejenigen Mitarbeiter, bei denen eine Minderung in der Arbeitsproduktivität zu verzeichnen ist, erweitert wurde. Ziel ist es, eine optimale Beschäftigungsfähigkeit aller Mitarbeiter unter Berücksichtigung gesundheitlicher Einschränkungen zu gewährleisten.
Mit der gesetzlichen Verankerung stellt die betriebliche Wiedereingliederung nach Einschätzung Panters mehr noch als zuvor eine zentrale Aufgabe werksärztlicher Tätigkeit dar. Dass diese auch ohne gesetzliche Vorschrift dringend erforderlich ist, würden mittlerweile mehr und mehr Führungskräfte in den Unternehmen erkennen – angesichts der demographischen Entwicklung kein Wunder. Früher lautete die Devise: „Entweder jemand kann 100-prozentig arbeiten oder gar nicht.“ Inzwischen werde immer deutlicher, dass man sich bereits in absehbarer Zeit auf einen Mangel an jüngeren qualifizierten Arbeitskräften einzustellen hat. Mehr als alle anderen Faktoren, wie zum Beispiel Unternehmensstrategie und Marktveränderung, Informationstechnologie oder Marketing, beurteilten Führungskräfte die Mitarbeiter als entscheidend für den Unternehmenserfolg. Deshalb komme dem langfristigen Erhalt der Arbeitsfähigkeit eine wachsende Bedeutung zu.
Wichtig ist Vertrauensbasis zum Betriebsarzt
Andere Länder scheinen in dieser Hinsicht bereits sehr viel weiter vorangekommen zu sein als Deutschland. Arbeiten hierzulande im Alter von 55 bis 64 Jahren nur rund 41,4 Prozent der Bevölkerung, so liegen nach Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung diese Werte bei den europäischen Spitzenreitern Schweden und Norwegen bei 69 und 66,1 Prozent. Auch Dänemark (61,8%) oder Großbritannien (56,2 %) liegen deutlich über der deutschen Erwerbstätigenquote in dieser Altersgruppe.
Panter, Leitender Betriebsarzt der Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH, verzeichnet derzeit einen Trend weg von den so genannten Schonarbeitsplätzen. Es würden vielmehr gemeinsam mit den wieder einzugliedernden Mitarbeitern Arbeitsprofile erarbeitet, in denen das noch mögliche Arbeitsspektrum dargestellt wird. Entscheidend dabei sei, dass man von der Frage, was der Mitarbeiter zu leisten imstande ist, ausgeht und sich nicht darauf konzentriert, was er nicht mehr zu leisten vermag. Auch in seinem Unternehmen sei eine zunehmende Zahl an Wiedereingliederungen zu verzeichnen, gleichzeitig habe die Akzeptanz bei den betroffenen Mitarbeitern deutlich zugenommen. Entscheidend für den Erfolg solcher Maßnahmen sei, dass es eine grundlegende Betriebsvereinbarung gibt, das Prinzip der Freiwilligkeit strikt beachtet wird und eine Vertrauensbasis zum Werksarzt besteht.
Nun sollte man nicht der Illusion erliegen, dass sich die Mehrzahl der Arbeitgeber auf Dauer in der betrieblichen Gesundheitsförderung über das gesetzlich vorgeschriebene Maß engagieren würden, wenn nicht unter dem Strich die ökonomische Bilanz positiv ist. Ohne einen betriebswirtschaftlichen Nutzen stelle Gesundheitsförderung der Mitarbeiter einen Luxus dar, der in schwierigen Wirtschaftszeiten rasch wieder abgebaut wird – so Prof. Dr. Gerhard Huber vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg. Für ihn ist deshalb eine Evaluation in Form einer Kosten-Nutzen-Analyse unabdingbar. Diese lässt sich allerdings am besten auf der Grundlage harter Daten abbilden, wie etwa mit der Entwicklung der Rate an Arbeitsunfähigkeitstagen über einen bestimmten Zeitraum. Schwieriger zu messen ist dagegen die Entwicklung der Zufriedenheit am Arbeitsplatz, die Verbesserung der Fertigungsqualität oder des sozialen Klimas in einem Unternehmen. Der Großteil (90 Prozent) der bisher vor allem im angloamerikanischen Bereich durchgeführten Untersuchungen zum Kosten-Nutzen-Effekt der betrieblichen Gesundheitsförderung belege – so Huber – deren positive Effekte. Die Einsparungen für jeden in Gesundheitsförderung investierten US-Dollar lagen nach diesen Untersuchungen bei 1,8 US-Dollar bis 6,15 US-Dollar.
Die ökonomische Bilanz muss stimmen
Schaut man auf die Ursachen für Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland, so sind nach dem DAK-Gesundheitsreport 2005 Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems prozentual am häufigsten vertreten (22,6%), gefolgt von denen des Atmungssystems (15,5%), Verletzungen (14,4%) und psychischen Erkrankungen (9,8%). Auch für vorzeitige Rentenzugänge sind Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems zu 16,1 Prozent verantwortlich; hier liegen allerdings die psychischen Erkrankungen als Ursache mit 35,7 Prozent deutlich an der Spitze. Inwieweit sich rückenbedingte Arbeitsunfähigkeitstage durch ein spezifisches Kräftigungsprogramm reduzieren lassen und sich so ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis ergibt, wurde von Huber in einem größeren LKW-Werk evaluiert. Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurden Arbeiter, die an einem Rükkentraining teilnahmen, mit einer Kontrollgruppe nichttrainierender Arbeiter verglichen. Bei regelmäßiger Teilnahme am Training war eine Reduzierung der Arbeitsunfähigkeitstage um 38 Prozent zu verzeichnen; bei der Kontrollgruppe ging dieser Wert nur um sieben Prozent zurück. Legt man die vermiedenen Arbeitsunfähigkeitstage für eine Kosten-Nutzen-Analyse zugrunde, so rechnete sich die Trainingsmaßnahme ab 1 700 Teilnehmern, was etwa 20 Prozent der Mitarbeiter entspricht.
Eine Reihe großer europäischer Unternehmen hat sich inzwischen dem im Jahr 2000 von der Bertelsmann-Stiftung und dem BKK-Bundesverband gegründeten Netzwerk „Enterprise for Health“ angeschlossen. Ein wesentliches Ziel des Netzwerks besteht darin, vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung eine möglichst große Anzahl an Unternehmen darin zu bestärken, die Gesundheit der Mitarbeiter zu fördern und so die gesundheitsbedingten Frühverrentungen zu reduzieren. Durch alters- und alternsgerechte Arbeitsgestaltung und betriebliche Gesundheitspolitik soll die Arbeitsfähigkeit systematisch erhalten und verbessert werden. Arbeitnehmer sollen zudem darin unterstützt werden, eigenverantwortlich mit ihrer Gesundheit und ihrem Lebensstil umgehen zu können. „Gesundheit und Unternehmenskultur hängen wechselseitig voneinander ab“, betonte Prof. Rita Süssmuth, die ehemalige Bundestagspräsidentin und Präsidentin von Enterprise for Health, auf der letzten Netzwerk-Konferenz. Mitarbeiterorientierte Unternehmenswerte und entsprechende Führungsgrundsätze seien Voraussetzung für ein gesundes Organisationsklima und entsprechendes Verhalten der Beschäftigten. Thomas Gerst


Beispiel: Deutscher Ärzte-Verlag

Dass nicht nur große Konzerne in der Lage sind, sich gemeinsam mit ihrem werksärztlichen Dienst in der betrieblichen Gesundheitsförderung zu engagieren, zeigt das Beispiel des Deutschen Ärzte-Verlages in Köln. Das mittelgroße Verlagshaus, das keinen eigenen Betriebsarzt beschäftigt, unternimmt seit Sommer 2005 unter dem Motto „DÄV-Aktiv“ große Anstrengungen im Bereich der Gesundheits- und Verhaltensprävention. In enger Abstimmung mit der Geschäftsführung erstellte eine Arbeitsgruppe ein Konzept zur betrieblichen Gesundheitsförderung.
In den Schwerpunkten Gesundheit, Sport und Ernährung werden den Verlagsmitarbeitern Angebote gemacht, um diese zu regelmäßiger köperlicher Betätigung und zu einer gesunden Ernährung zu animieren. Ziel dieser Maßnahmen ist zum einen, gesunde Verhaltensweisen am Arbeitsplatz zu fördern, zum anderen zu einer gesunden Lebensführung außerhalb des Betriebes zu motivieren.
Gesundheit der Mitarbeiter wird vom Deutschen Ärzte-Verlag als wesentliche Grundbedingung für deren Leistungsfähigkeit und -bereitschaft angesehen und damit auch als Basis für den Unternehmenserfolg.
Eine Auswahl der Angebote, die intensiv genutzt werden:
- Gesundheits-Check-up für alle
- Leistungsdiagnostik für Sportinteressenten
- Rückenschule
- Autogenes Training
- Raucherentwöhnung
- Nordic Walking und andere Sportangebote
- Ernährungsvortrag und Kochkurs.
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Grafik: Lebensbäume

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