POLITIK

Organspenden: Stiftung in der Kritik

Dtsch Arztebl 2006; 103(19): A-1268 / B-1080 / C-1039

Blöß, Timo

Nicht wenige Organspenden scheitern, weil der Hirntod nicht schnell genug festgestellt wird – unnötigerweise, wie Kritiker sagen. Foto: dpa
Nach wie vor liegen Krankenhausärzte und die Deutsche Stiftung Organtransplantation im Streit – am Ende vielleicht auf Kosten derjenigen, die dringend ein neues Organ benötigen.

Es hätte aus der Feder eines findigen Drehbuchautors stammen können, was sich in den vergangenen Monaten zwischen Krankenhausärzten und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), der bundesweiten Koordinierungsstelle für Organtransplantationen, abgespielt hat. Immer tiefer waren diese in Streit um Arbeitszeiten, Vergütungen und moralische Leitlinien geraten. Eskaliert ist die Auseinandersetzung Anfang des Jahres wegen einer nicht zustande gekommenen Organtransplantation in München. Dort hatte eine Frau dringend auf eine Spenderlunge gewartet. Ein geeignetes Organ stand zur Verfügung, aufgrund von Vertragsstreitereien aber fand sich kein Chirurgenteam, das die Lunge hätte entnehmen können. Für die 52-jährige Sekretärin gab es dennoch ein Happy End: Nach weiteren Wochen bangen Wartens hat sie eine neue Lunge erhalten. Ein Ende des Streits um die Organisation der Organspende hingegen scheint nicht in Sicht.
Streit um die Vergütung
Wie weit die Kritiker der DSO – vor allem im Verband der Leitenden Krankenhausärzte (VLK) organisiert – und die Stiftung mittlerweile auseinander liegen, zeigen die unterschiedlichen Punkte, um die gestritten wird. Angefangen hatte alles mit dem DSO-Beschluss vom Herbst 2004, den Bereitschaftsdienst für die mobilen Ärzteteams abzuschaffen, die vor allem in kleineren Krankenhäusern den Hirntod eines potenziellen Spenders feststellen. Seit Anfang 2006 werden nun die so genannten Konsiliarteams pauschal pro Einsatz bezahlt. „Die Folge ist, dass keine festen Teams mehr zur Verfügung stehen“, sagt der ehemalige Leiter des mobilen Konsiliarteams der Region Nord, der Neurologe Hermann Deutschmann. Stattdessen müssten die Teams nun von Fall zu Fall nach dem „Lasso-Prinzip“ zusammengestellt und „eingefangen“ werden. „Da geht wertvolle Zeit verloren. Wird der Hirntod zu spät festgestellt, sind die Organe verloren“, so der Leitende Oberarzt vom Klinikum Hannover-Nordstadt.
Ähnlich sieht das der Präsident des VLK, Prof. Dr. med. Hans-Fred Weiser: „Es klappt – aber auf fraglichem Niveau.“ Die Stiftung greife vermehrt auch auf niedergelassene Neurologen zurück. Diese aber hätten meist keine aktuellen Erfahrungen mit der Arbeit auf Intensivstationen: „Ein Niedergelassener, der seit Jahren kein Beatmungsgerät mehr gesehen hat, kann nicht einfach Apnoetests durchführen oder den Hirntod diagnostizieren.“ Zudem kümmere sich die DSO nur noch eingeschränkt um die Qualität der vormals zum Teil zertifizierten Konsiliarteams. „Die Untersucher bescheinigen sich die Qualität jetzt selbst und machen sich so zu Experten“, so Weiser.
Von Problemen bei der Hirntoddiagnostik will man bei der DSO hingegen nichts wissen. „Das Ganze ist bundesweit geregelt seit dem Jahr 2000“, sagt der Vorstandsvorsitzende der DSO, Prof. Dr. med. Günter Kirste. Die Zeit für die Hirntodfeststellung habe sich dabei nicht verlängert. Mit zwölf bis 18 Stunden bis zur Organentnahme stehe Deutschland im internationalen Vergleich sogar „sehr gut“ da. Darum seien für ihn die Diskussionen um die Konsiliarteams zum Teil von „irrationalen Aspekten“ bestimmt worden. Und die Qualität, so Kirste, sollten die Ärztekammern überprüfen. Per Brief hatte Kirste VLK-Chef Weiser Ende April dennoch zu einem Gespräch eingeladen, um „Unklarheiten“ zu besprechen.
Denn dass die mobilen Konsiliarteams eine zentrale Rolle bei Organtransplantationen spielen, weiß man auch bei der DSO. „Das mobile Team hat gerade für die kleineren Krankenhäuser, in denen immerhin 25 Prozent der Organspender identifiziert werden, eine große Bedeutung, da hier häufig die Erfahrung fehlt“, heißt es in einer internen Studie über die DSO-Regionen Mitte und Nord-Ost. Wichtig seien die mobilen Teams zudem, da sie mit der mobilen apparativen Zusatzdiagnostik die klinische Untersuchung mit zwölf Stunden Beobachtungszeit in kleinen Häusern erheblich reduzieren könnten. Bleibt eine schnelle Hirntodfeststellung aus, drohen die potenziellen Spenderorgane durch einen Kreislaufzusammenbruch des Spenders verloren zu gehen. Der Studie zufolge ist das im Jahr 2003 allein 53-mal in den Regionen Mitte und Nord-Ost passiert. Nicht selten werde zudem der Hirntod von Ärzten in kleineren Krankenhäusern, aber auch in Unikliniken fälschlicherweise vermutet oder nicht exakt nach den Richtlinien der Bundesärztekammer festgestellt. Das DSO-Team aus Niedersachsen etwa habe bei knapp 50 Untersuchungen 21-mal den Hirntod nicht sichern können, sagt Deutschmann.
Ähnliche Probleme wie mit den Konsiliarteams gibt es auch bei den Organ-Entnahmeteams. Ende 2005 wurde den Lungen- und Herzchirurgen mittels einer Änderungskündigung ebenfalls die Rufbereitschaft durch eine pauschale Vergütung gestrichen. Viele Transplantationszentren haben sich in der Folge geweigert, die neuen Verträge zu unterzeichnen. Aufgrund des „vertraglosen“ Zustandes habe sich im Klinikum Großhadern im Fall der im Januar gemeldeten Spenderlunge kein Chirurgenteam zur Entnahme gefunden, heißt es dort.
Einen vertragslosen Zustand habe es nicht gegeben, weist DSO-Chef Kirste die Vorwürfe zurück. Die Änderungskündigungen hätten sich ausschließlich auf die Vergütung der Entnahmeteams bezogen. Die übrigen Vertragsinhalte seien unverändert geblieben, sagte Kirste im Februar gegenüber Medienvertretern. Mittlerweile habe sich die DSO mit den meisten der Transplantationszentren auf die Pauschalvergütung geeinigt.
Bei den Leitenden Krankenhausärzten befürchtet man indes, dass die Organspende durch Zwischenfälle wie in München in Verruf geraten könnte. Aufgrund des Fehlverhaltens der DSO sei „bundesweit mit drastischen Einbrüchen bei den Organspendezahlen in den nächsten Jahren zu rechnen“, heißt es in einer Mitteilung des Verbandes. Verunsichert könnten am Ende diejenigen sein, die der Organspende grundsätzlich offen gegenüberstehen, aber noch nicht ihre Spendenbereitschaft erklärt haben. Immerhin 60 Prozent der Deutschen zählen nach einer Studie der Abteilung Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Uni Leipzig zu dieser bisher nicht erschlossenen „stillen Reserve“. Für viele der rund 12 000 auf den Wartelisten für ein neues Organ aber ist diese Reserve die letzte Hoffnung. Timo Blöß
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