45 Artikel im Heft, Seite 25 von 45

BRIEFE

Ausbildung: Langer Leidensweg

PP 5, Ausgabe Oktober 2006, Seite 460

Rubinstein-Gross, Nicole

Mit Kopfschütteln und völligem Unverständnis bezüglich der Sachlage habe ich auf die Entscheidung des Petitionsausschusses reagiert, der das Psychiatriejahr für Psychologische Psychotherapeuten mit den „im Medizinstudium vorgeschriebenen Praktika oder Famulaturen“ vergleicht. Gestatten Sie mir, dass ich darauf recht emotional reagiere. Der Arzt, der diese praktische Tätigkeit in sein Studium integriert, der also noch Student ist (!), kann während dieser Zeit BAföG bekommen. Er legt erst anschließend sein drittes Staatsexamen ab und bekommt damit seine Approbation. Er beginnt dann seine Assistenzzeit, um sich in einer Fachrichtung zu spezialisieren, während deren er ein regelmäßiges Einkommen hat. Der Psychologe beendet sein Studium und muss sich anschließend zur Erlangung der Approbation für eine Therapieausbildung entscheiden, die je nach Fachrichtung bis zu 50 000 Euro kosten kann. Gut, könnte man sagen, wenn Psychologen so wohlhabend sind, warum sollten sie während dieser Zeit nicht auch unentgeltlich ein Psychiatriejahr ableisten? Wie das mit dem Job ist, den der Psychologe vielleicht hat und den er sowohl mit Therapieausbildung als auch mit Psychiatriejahr vereinbaren muss, darüber wollen wir an dieser Stelle nicht auch noch diskutieren. Überhaupt sollte er froh sein, wenn er ohne Approbation einen bekommen hat. Der Vergleich mit einem Medizinstudenten hinkt weiter, zumal viele Psychologen, die sich für eine Therapieausbildung zur Erlangung der Approbation entscheiden, bereits jahrelang therapeutisch tätig waren. Trotzdem sollen sie unentgeltlich arbeiten. Wenn sie die Ausbildung dann abgeschlossen haben und ihre Approbationsurkunde schließlich glücklich, wenn auch halb verhungert, in den Händen halten, stellt sich unter Umständen die nächste Frage: Wie finanziere ich eine Niederlassung, die mittlerweile Zehntausende kostet, ohne dass man damit etwa Praxisinventar oder „Scheine“, sprich Patienten, übernimmt, die verständlicherweise nicht so einfach von einem Psychotherapeuten zum nächsten wechseln. Man kauft letztlich einen Stempel, der einen dann endlich dazu berechtigt, Geld zu verdienen. Ich blicke zurück auf diese, meine Odyssee und frage mich: Wie therapiebedürftig sind wir Psychologen, dass wir zu diesem Leidensweg bereit sind?
Dipl.-Psych. Nicole Rubinstein-Gross,
Tile-Wardenberg-Straße 10, 10555 Berlin
Anzeige

Drucken Versenden Teilen Leserbrief
45 Artikel im Heft, Seite 25 von 45

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

 Zeitraum HTML PDF 
5 / 2013 1 0
2 / 2013 6 0
1 / 2013 7 0
12 / 2012 4 1
11 / 2012 4 0
10 / 2012 3 0
2013 14 0
2012 35 1
2011 37 5
2010 41 2
2009 190 4
2008 625 27
2007 1.122 52
2006 241 51
Total 2.305 142

Leserbriefe

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

E-Mail

Passwort


Passwort vergessen?

Registrieren

Anzeige
Eingeloggt als

Suchen in