POLITIK

Risikomanagement: Freiwillig aus Fehlern lernen

Dtsch Arztebl 2006; 103(45): A-2993 / B-2606 / C-2505

Merten, Martina

Patientensicherheit steht hoch im Kurs: 2007 wird erstmals eine bundeseinheitliche Statistik über die Tätigkeit der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen vorliegen; an einem Kerndatensatz für Behandlungsfehlerregister wird gearbeitet.

Um zu wissen, welche Situationen für einen behandelnden Arzt risikoreich sind, reicht es zurzeit nicht aus, nur eine Statistik zu lesen. Denn ein einziges Fehlermelderegister, das Daten zu verschiedenen Risikosituationen in unterschiedlichen Fachgebieten, differenziert nach Diagnose, Geschlecht, Alter und aufgetretenem Schaden beim Patienten, widerspiegelt, gibt es nicht. Das könnte sich ändern. Denn auf mehreren „Baustellen“ wird daran gearbeitet, die vorhandenen Wissenselemente zu einem Mosaik zusammenzuführen.
Bundeseinheitliche Statistik
Einen großen Beitrag dazu werden die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Landesärztekammern leisten. Die Mitglieder dieser weisungsunabhängigen Gremien erheben jährlich die Anzahl gestellter Anträge und listen auf, in wie vielen Fällen es zu einem Behandlungsfehler gekommen ist. Die Arbeitsergebnisse werden einmal jährlich im Rahmen der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei der Bundesärztekammer (BÄK) ausgewertet. Dem vorausgegangen sind schriftliche Anträge von Patienten, in denen Ärzten ein solcher Fehler vorgeworfen wird. Ärzte und Juristen, die in den Institutionen arbeiten, versuchen daraufhin, außergerichtlich zu klären, ob eine gesundheitliche Komplikation tatsächlich auf einer (haftungsbegründeten) fehlerhaften ärztlichen Behandlung beruht oder eher nicht.
Erhoben bis Ende 2005 viele Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen die Daten noch auf unterschiedliche Weise – also mit unterschiedlichen EDV-Systemen und nach uneinheitlichem Muster –, wird der Bundesärztekammer im kommenden Jahr erstmals eine bundeseinheitlich erstellte Statistik mit Angaben zum Fehlervorkommen im Jahr 2006 zur Verfügung stehen. „Diese neue Statistik ermöglicht uns, Daten, zum Beispiel zu Fehlerhäufigkeiten bei einer Operation oder in einem Fachgebiet, gezielter auszuwerten und beispielsweise in Fortbildungsveranstaltungen zu nutzen“, erklärt Barbara Berner, Assessorin in der gemeinsamen Rechtsabteilung von BÄK und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV). Zudem, ergänzt der Vorsitzende der nordrheinischen Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler, Dr. jur. Dieter Laum, lägen dann neben quantitativen auch inhaltliche Angaben vor: „Daten zur Art der erhobenen Vorwürfe oder zu den Gesundheitsschäden ermöglichen uns, tiefer zu gehen als bislang.“
Die Mitglieder der Gremien haben die Kriterien, nach denen die bundeseinheitliche Statistik erstellt wird, in diesem Sommer abschließend festgelegt. Das „Medical Error Reporting System“ (MERS) baue auf neun Basisparametern auf, berichtet Johann Neu, Geschäftsführer der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern. Neu und seine Mitarbeiter entwickelten MERS bereits 1999 und wandten es zunächst in der eigenen Schlichtungsstelle an. „Wir werten die Anträge nach ärztlichen Fachgebieten und Versorgungsebenen aus, erheben die Krankheiten und verschlüsseln die Diagnose nach ICD-10, erfassen das Alter und das Geschlecht der Patienten, dokumentieren die Patientenvorwürfe, die durchgeführten Behandlungsmaßnahmen, die gutachterlich festgestellten Behandlungsfehler und die aufgetretenen Schäden nach Art und Schweregrad“, fasst Neu die Möglichkeiten zusammen. Mit Ausnahme Bayerns arbeiten inzwischen alle Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen mit MERS. Ihre Daten übermitteln sie anonymisiert nach Hannover, wo sie für die bundeseinheitliche Statistik der BÄK aufbereitet und zusammengeführt werden. Bei der Aufbereitung der Daten wird routinemäßig eine Plausibilitätskontrolle durchgeführt. Daneben erhalten die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen ihre eigenen Daten aufbereitet zurück. So können sie gezielt in ihrem Kammerbezirk möglicherweise erkennbare medizinische Problemfelder analysieren. Liegen die Daten für 2006 vor, soll die Ständige Konferenz der BÄK darüber beraten, welche Projekte sich zur Fehlerprophylaxe eignen würden.
Die Daten der Gutachterstelle für Arzthaftpflichtfragen bei der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) fließen ebenfalls in die bundeseinheitliche Statistik ein. Die Auswertung möchte die Kammer allerdings nicht aus der Hand geben. Deshalb übermittelt sie ihre Daten direkt an die BÄK. „Auf diese Weise“, betont BLÄK-Vizepräsident Dr. med. Klaus Ottmann, „bleiben wir Herr unserer Daten.“ Mit dem gravierenden Schwachpunkt, kritisiert Neu, dass die BÄK die bayerischen Daten gesondert einpflegen muss, „ohne deren Konsistenz prüfen zu können“.
Bündnis Patientensicherheit
Noch an anderer Stelle wird am Risikomanagement gearbeitet: im Aktionsbündnis Patientensicherheit (siehe DÄ, Heft 19/2006)*. Eine Arbeitsgruppe des 2005 gegründeten Zusammenschlusses aus Vertretern der Bundesärztekammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, diverser medizinischer Fachgesellschaften, Patientenverbänden und Mitgliedern der Spitzenverbände der Krankenkassen erstellt zunächst eine Übersicht über die in Deutschland vorhandenen Fehlermelderegister. Von beinahe 200 potenziellen Registerhaltern, die die Arbeitsgruppe um Dr. med. Jörg Lauterberg vom AOK-Bundesverband, den Berliner Ärztekammerpräsidenten Dr. med. Günther Jonitz und Prof. Dr. jur. Dieter Hart, Direktor des Instituts für Gesundheit und Medizinrecht der Universität Bremen, anschrieb, hatten die wenigsten brauchbare Fallbestände, die zur klinischen Risikoanalyse genutzt werden könnten. „Systematische und größere Medizinschadens- und Behandlungsfehlerregister fanden wir nur bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen, bei einigen Krankenkassen und der Haftpflichtversicherungswirtschaft“, berichtet Lauterberg.
Um die vorhandenen Daten der brauchbaren Fehlerregister künftig für alle nutzbar zu machen, arbeitet das Bündnis daran, einen Kerndatensatz zu erstellen. Ähnlich der bundeseinheitlichen Statistik soll sich auch der des Aktionsbündnisses auf Basisparameter wie Geschlecht, Alter, ärztliches Fachgebiet, Behandlungsanlass, Maßnahmen im Rahmen des Behandlungsgeschehens und entstandener Schaden konzentrieren. Das Bündnis will den Kerndatensatz im Frühjahr 2007 veröffentlichen. Den Registerhaltern steht es dann frei, ihn zu nutzen.
Für Mitte nächsten Jahres ist darüber hinaus eine Fachveranstaltung zu einzelnen Indikationen geplant. „Hierbei wollen wir prüfen, welche differenzierten Angaben zum Fehlervorkommen bei den Indikationen in den Registern vorliegen“, sagt Lauterberg. Letztlich ginge das Aktionsbündnis bei seinem Vorhaben aber in kleinen Schritten vor.
In welchen Schritten die gesundheitspolitischen Akteure beim Thema Risikomanagement auch vorgingen, wichtig sei, dass sie es freiwillig tun, sagt der Berliner Ärztekammerpräsident Jonitz. In Ländern wie Großbritannien, den USA oder Neuseeland sei man zwar auch sehr aktiv um Fehlermanagement bemüht. Da viele der dortigen Aktivitäten jedoch den Charakter „autoritärer Drohgebärden mit moralischem Zeigefinger“ hätten – Beispiel National Safety Agency in Großbritannien –, ändere sich nichts an der Verhaltenskultur im Land. „Und auf die“, unterstreicht Jonitz, „kommt es beim Umgang mit Behandlungsfehlern an.“
Martina Merten
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