POLITIK

Embryonenforschung I: Der Kompromiss gerät ins Wanken

Dtsch Arztebl 2006; 103(51-52): A-3457 / B-3010 / C-2886

Richter-Kuhlmann, Eva

Die Forderungen der Forscher nach einer Änderung des Stammzellgesetzes werden lauter, die Bundeskanzlerin signalisiert Gesprächsbereitschaft, und auch innerhalb der Union deutet sich ein Kurswechsel an: Die Debatte um die Stammzellforschung ist neu entfacht.

Zu den Gesetzen mit einer besonders kurzen Halbwertszeit könnte auch das Stammzellgesetz gehören. Der Bundestag werde schon bald über die seit knapp fünf Jahren geltenden Regelungen neu verhandeln, kündigte Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, am 12. Dezember in Berlin an.
Erneut entfacht hatte die Stammzelldebatte zuvor die Deutsche Forschungsgemeinschaft. In einem im November vorgelegten Gutachten fordert sie eine Lockerung der Regeln für die Stammzellforschung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte und kündigte – ebenso wie Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) – das Abwägen von Alternativen an.
Seitdem wird wieder heftig um das Stammzellgesetz gestritten, so auch auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin Anfang Dezember in Berlin. Die anwesenden Wissenschaftler waren sich dabei einig: Die Stammzellforschung muss auf eine breitere Basis gestellt werden. Adulte und embryonale Stammzellen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Abschaffung oder Verschiebung des Stichtags
Hauptkritikpunkt der Forscher ist die Stichtagsregelung. Mit ihr verbietet das Gesetz in Deutschland tätigen Wissenschaftlern eine Nutzung von menschlichen embryonalen Stammzelllinien, die nach dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden. Die Forscher plädieren für eine Abschaffung oder zumindest eine Verschiebung des Stichtags. Auch ein nachlaufender Stichtag ist im Gespräch.
Weiterer Kritik unterliegen jene Passagen des Gesetzes, die deutschen Forschern die Mitarbeit an internationalen Projekten untersagen, bei denen jüngere Zelllinien verwendet werden. „Wissenschaftler dürfen nicht bereits in eine kriminelle Ecke gestellt werden, wenn sie mit Stammzellforschern aus den USA telefonieren“, spitzte Prof. Dr. med. Gerhard Ehninger, Dresden, die gegenwärtige Situation zu. Dem Gesetz zufolge können Forscher strafrechtlich verfolgt werden, die sich an hierzulande verbotenen Projekten beteiligen.
„Unsere Stärke liegt in der Kooperation mit ausländischen Partnern, besonders mit europäischen. Warum sollte dies bei der Forschung mit embryonalen Stammzellen anders sein?“, fragte Prof. Dr. med. Gerd Hasenfuß, Göttingen, mit Blick auf das kürzlich freigegebene 7. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union. Bis zu 50 Millionen Euro sollen zwischen 2007 und 2013 in die Embryonenforschung fließen. Einen Stichtag für die zu verwendenden Stammzelllinien sieht das Programm nicht vor. Nicht gefördert werden sollen lediglich Projekte, die in die menschliche Keimbahn eingreifen oder das Klonen von menschlichen Embryonen zum Ziel haben. Damit geht das Programm weit über die bislang in Deutschland erlaubte Forschung hinaus. Die Wissenschaftler befürchten deshalb bei der bestehenden Rechtslage eine Isolierung.
Wie das deutsche Parlament angesichts der Kritik entscheiden wird, ist noch ungewiss. Zu unterschiedlich sind die Auffassungen selbst innerhalb der einzelnen Fraktionen. Deshalb würden derzeit Gruppenanträge formuliert, über die die Abgeordneten unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit abstimmen können, sagte Röttgen.
Geschlossen tritt als einzige Fraktion die FDP auf. Die Liberalen fordern eine gänzliche Abschaffung der Stichtagsregelung. „Wir haben 2002 dem Stammzellkompromiss nur zugestimmt, um der Forschung eine Tür aufzustoßen. Heute sind wir einen Schritt weiter“, sagte Ulrike Flach, FDP, vor den Wissenschaftlern in Berlin. Hubert Hüppe, CDU, verteidigte hingegen das Stammzellgesetz. Obwohl die jüngsten Signale auf einen Kurswechsel der CDU hindeuten, schließt er eine Parlamentsmehrheit für eine Änderung des Stichtages oder eine Relativierung der Strafbewehrung in dieser Legislaturperiode aus.
Plädoyer für „ergebnisoffene Forschung“
Die Stammzellforscher plädierten in Berlin deutlich für eine „ergebnisoffene Forschung“, auch in Deutschland. „Es wäre unwissenschaftlich, bereits jetzt vorhersagen zu wollen, ob embryonale oder adulte Stammzellen das Forschungsziel erreichen“, sagte Ehninger. Man müsse für einen breiten Forschungsansatz sorgen. Gleichzeitig sprach sich Prof. Dr. med. Gustav Steinhoff, Rostock, für eine zügige Umsetzung klinischer Studien und Translation neuer Therapien in die Klinik aus. Unter seiner Leitung wurden weltweit erstmals aus dem Knochenmark isolierte Stammzellen während einer Bypassoperation in infarziertes Herzmuskelgewebe transplantiert. Die 2007 startende Phase-III-Studie soll nun die Effektivität und Sicherheit der Methode als standardisierte Therapie in einer doppelblinden, randomisierten Multicenter-studie überprüfen (Berlin/Hannover/Rostock).
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige