POLITIK

Embryonenforschung II: Der Beginn des Lebens

Dtsch Arztebl 2006; 103(51-52): A-3458 / B-3011 / C-2887

Klinkhammer, Gisela

Sollte auf eine Stichtagsregelung ganz verzichtet werden, oder sollte ein neuer Stichtag festgesetzt werden? Ist embryonale Stammzellforschung grundsätzlich ethisch zu rechtfertigen? Die Meinungen gehen auseinander.

Wann beginnt das Leben? Von der Beantwortung dieser Frage hängt viel ab. Sie beeinflusst beispielsweise die Diskussion um Präimplantationsdiagnostik und Embryonenforschung. So hat sich kürzlich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für eine Abschaffung der Stichtagsregelung ausgesprochen. Der deutschen Forschung sollten auch neuere, im Ausland hergestellte und verwendete Stammzelllinien zugänglich gemacht werden, sofern diese aus „überzähligen“ Embryonen entstanden sind. Die Abschaffung der Stichtagsregelung würde der DFG zufolge die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Wissenschaftler auf dem Gebiet der Stammzellforscher nachhaltig verbessern.
Embryo: „schutzwürdiges Menschenwesen“
Doch ist dies ethisch und rechtlich zulässig? Ja, meinte der Göttinger Kardiologe, Prof. Dr. med. Gerd Hasenfuß, bei einer Podiumsdiskussion in Köln. Denn er hält den Nidationszeitpunkt für den geeigneten Zeitpunkt, den Beginn des Lebens festzulegen. Erst durch die Nidation würden die Bedingungen geschaffen, die zur Embryonalentwicklung notwendig seien. Auch der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Prof. Dr. med. Günter Stock, ist dieser Ansicht: „Mit der Einnistung beginnt eine Kaskade von biologischen Prozessen.“ Während Hasenfuß wie die DFG für eine Aufhebung der Stichtagsregelung plädiert, spricht sich Stock für eine sogenannte nachlaufende Stichtagsregelung aus, die immer wieder neu angepasst wird. Dann könnten die Forscher mit Zellen arbeiten, die maximal ein oder zwei Jahre lang im Labor gehalten worden sind.
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, hatte ebenfalls vor Kurzem die Festsetzung eines neuen Stichtags angeregt. Dazu der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur: „Man muss zuerst die positive Absicht von Bischof Wolfgang Huber sehen: Gegenüber der vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhobenen Forderung, auf Stichtage überhaupt zu verzichten, setzt er eine Grenze. Ich habe jedoch einen grundlegenden Einwand gegen eine Festlegung von Stichtagen.“ Denn für Lehmann beginnt das Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Deshalb sei von diesem Zeitpunkt an der Embryo ein „schutzwürdiges Menschenwesen“ betonte er in Köln. „Um zu Stammzellen zu kommen, muss ich töten. Das darf nicht sein.“
Diskussion über pränatale Diagnostik
Unterstützung erhielt er von Prof. Dr. med. Giovanni Maio, Freiburg, für den das Leben, unabhängig von seinem Status, einen Wert an sich hat: „Wir haben die Ideologie genährt, dass alles machbar ist und dass alles Machbare gut ist. Das ist zu hinterfragen. Es gibt Werte, die wir erhalten müssen.“ Eine gewisse moralische Nachlässigkeit gegenüber dem Embryo in sonstigen Kontexten (Beispiel: Spirale, Fetozid) könne kein Argument dafür sein, dass ein Embryo kein Mensch sei. „Wenn wir die Stichtagsregelung aufheben würden, würden wir embryonale Stammzellforschung erlauben, was ethisch nicht zu rechtfertigen ist.“ Einen verwaisten Embryo müsse man sterben lassen.
Auf Kritik stießen auch die pränatale Diagnostik und die oft daraus folgenden Spätabtreibungen. Die pränatale Diagnostik habe immer mehr in eine Richtung „Welt ohne Leiden und in ewiger Jugend“ geführt, was zunehmend eine Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung zur Folge habe, sagte der Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Robert Antretter. Lehmann, der die derzeitige Praxis der Spätabtreibungen ebenfalls ablehnt, stellt die pränatale Diagnostik jedoch nicht grundsätzlich infrage: „In weit mehr als 90 Prozent der Fälle gehen Frauen beruhigt nach Hause, weil sie wissen, dass keine Schädigung des Kindes vorliegt.“
Gisela Klinkhammer


Ethik und Ökonomie in der modernen Medizin

Die Diskussionsreihe „Was ist das Leben wert? – Ethik und Ökonomie in der modernen Medizin“ startete am 30. November in Köln. Sie findet statt aus Anlass der Ausstellung „Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus“ des United States Holocaust Memorial Museum Washington D. C. im Deutschen Hygiene-Museum (dazu DÄ, Heft 45/2006). Veranstalter der Reihe sind der Deutschlandfunk, das Deutsche Hygiene-Museum Dresden und die DKV Deutsche Krankenversicherung. Am 22. Februar 2007 diskutieren im Rudolf-Virchow-Hörsaal auf dem Campus der Charité unter anderem Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, und Prof. Dr. med. Eckhard Nagel, Augsburg, über das Thema „Geld oder Leben? Ethik und Ökonomie in der Medizin“. Die Diskussionsreihe endet am 18. April in Berlin mit einem Disput über das Thema „Der letzte Vorhang – wann endet das Leben?“.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige