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THEMEN DER ZEIT

Weiterbildung: Deutsche Ärzte unzufriedener als ihre Schweizer Kollegen

Dtsch Arztebl 2007; 104(5): A-243 / B-216 / C-212

Fotuhi, Parwis; Siegrist, Michael; Vogel, Sandra; Orlow, Pascale; Neises, Gudrun; Giger, Max

Foto: Peter Wirtz
Die ärztliche Weiterbildung ist in Deutschland bisher eher schlecht strukturiert. Darunter leiden die Qualität der Weiterbildung und die Attraktivität der klinischen Tätigkeit. Die Helios Kliniken GmbH hat die Situation in beiden Ländern verglichen.

Deutsche Assistenzärzte sind im Vergleich zu ihren Schweizer Kollegen mit ihren Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen wesentlich unzufriedener. Bei einer Untersuchung der Landesärztekammer Hessen aus dem Jahr 2001 empfanden 41 Prozent der Assistenzärzte die generelle Arbeitszufriedenheit als sehr niedrig. Zufrieden waren 60 Prozent aller Ärzte im Praktikum (ÄiP) und Assistenzärzte, sehr zufrieden waren lediglich sechs bis sieben Prozent. Müssten sich die Ärzte noch einmal für einen Beruf entscheiden, würden sich 30 Prozent der ÄiP und Oberärzte sowie circa 40 Prozent der Assistenzärzte nicht wieder für eine Tätigkeit als Arzt entscheiden (1).
Die oft als unbefriedigend empfundenen Arbeitsbedingungen wirken sich auch auf die Entwicklung der Arztzahlen in Deutschland aus. Nach der Ärztestatistik der Bundesärztekammer ist die Zahl der Erstanmeldungen von ÄiP bei den Landesärztekammern von 1998 bis 2002 um 15 Prozent auf den „historischen Tiefstwert“ von 6 675 gefallen. Ebenso rückläufig ist der Anteil der unter 35 Jahre alten berufstätigen Ärzte, während der Anteil der Ärzte im Alter von 60 und mehr Jahren im gleichen Zeitraum stieg (1).
Bei weiteren Untersuchungen der Landesärztekammer Hessen im Jahr 2003 wurden Ärzte, die zu diesem Zeitpunkt nicht in der Patientenversorgung tätig waren, nach den Gründen für ihren Ausstieg befragt. Hauptursachen für die Unzufriedenheit von Ärzten waren zum Beispiel das „Übermaß an Verwaltungstätigkeit“, lange Arbeitszeiten und unbefriedigende Bezahlung. Ein weiterer Grund für eine nichtärztliche Tätigkeit ist die Unzufriedenheit mit der Weiterbildung (1).
Umfrage sichert Qualität
Die Globalisierung und die zunehmende Abwanderung deutscher Ärzte machen es notwendig, den Blick auch auf andere Gesundheitssysteme zu richten (2). Im Jahr 2005 hatten 37 Prozent der Assistenzärzte in der Schweiz das Staatsexamen im Ausland abgeschlossen. Der größte Teil dieser Assistenzärzte kam aus Deutschland. In der Schweiz werden die Ärzte in Weiterbildung jedes Jahr zur Weiterbildungs- und Arbeitssituation befragt, und diese jährliche Umfrage ist ein wichtiges Element der Qualitätssicherung (35). Die Helios Kliniken GmbH benutzte den Assistentenfragebogen 2005 der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (Foederatio Medicorum Helveticorum), um die Zufriedenheit mit der Weiterbildung in ihren Kliniken zu erheben.
Der Schweizer Fragebogen wurde für die Befragung bei Helios zum großen Teil unverändert übernommen, um den Vergleich mit den Schweizer Daten zu ermöglichen. In erster Linie mussten die Befragten zu Aussagen Stellung nehmen. Dabei standen bei den meisten Punkten sechs Antwortkategorien zur Auswahl, von eins „trifft überhaupt nicht zu“ bis zu sechs „trifft voll und ganz zu“.
Der Fragebogen ist in sechs Themenkomplexe eingeteilt und umfasst Fragen zu:
- Vorgesetzte und Arbeitsklima
- Fachkompetenzen
- Situation der Weiterbildung
- Arbeitssituation
- Eigene Person
- Helios-spezifische Fragen.
Die Fragen aus den ersten fünf Themenkomplexen wurden analog zur Schweizer Befragung in acht Dimensionen eingeteilt (Tabelle 2). Die Fragebogen wurden den Assistenzärzten von Helios an ihre Privatadresse und die ausgefüllten Fragebogen anschließend zurück an die Helios-Akademie in Fulda geschickt. Die Befragung wurde vom 8. März bis 7. April 2006 durchgeführt. Die Rücklaufquote betrug 36 Prozent (N = 389), davon waren 51 Prozent der Fragebogen von Assistenzärztinnen und 49 Prozent von Assistenzärzten ausgefüllt. Die Schweizer Stichprobe wurde in einer Publikation in der Schweizerischen Ärztezeitung beschrieben (5).
Bei allen Dimensionen konnte in der Schweiz ein signifikant höherer Wert als bei den Helios-Kliniken beobachtet werden (Tabelle 1). Der größte Unterschied konnte für Evidence based Medicine (EbM) festgestellt werden. Obwohl hier auch in der Schweiz die Werte relativ niedrig ausfallen, lag der Wert für Helios noch deutlich tiefer. Der geringste Unterschied ergab sich für die Dimension Fachkompetenz.
Nur die Hälfte vereinbart Ziele
In der Schweiz ist das Angebot für theoretische Weiterbildung größer als bei den Helios-Kliniken. In der Schweiz beträgt der Median drei Stunden für die angebotene theoretische Weiterbildung, bei den Helios-Kliniken beträgt der Median eine Stunde pro Woche. In der Schweiz (Median = zwei Stunden) nutzen die Assistenzärzte die theoretische Weiterbildung häufiger als die Assistenzärzte der Helios-Kliniken (Median = eine Stunde).
Der Median der wöchentlichen Arbeitszeit lag 2005 in der Schweiz bei 52 Stunden, in den Helios-Kliniken dagegen bei 58 Stunden. Bei der Interpretation dieses Unterschiedes gilt es aber zu beachten, dass bei den deutschen Assistenzärzten keine Differenzierung zwischen Arbeitszeit und Bereitschaftsdienst erfolgt ist.
Bei mehr als der Hälfte der befragten Assistenzärzte wurden bei Stellenantritt keine Vereinbarungen über die Ziele der Weiterbildung getroffen (Grafik). Gut ein Drittel gibt an, eine mündliche Vereinbarung getroffen zu haben. Nur acht Prozent haben die Weiterbildungsziele schriftlich festgehalten. Die Aussagen über die Gewährleistung der inhaltlichen und zeitlichen Strukturierung gemäß Weiterbildungsordnung zeigen, dass nur bei der Hälfte (49 Prozent) der Befragten die strukturierte Weiterbildung gewährleistet wird.
Die vorliegende Befragung der Ärzte in Weiterbildung ist der erste direkte Vergleich der Weiterbildungssituation in deutschen Kliniken mit der Situation in der Schweiz. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist es wichtig zu bedenken, dass Unterschiede in den Gesundheits- und Weiterbildungssystemen beider Länder bestehen. Diese Unterschiede reichen von unterschiedlichen Arbeitszeitgesetzen und Krankenhausfinanzierungen über andere Stellenschlüssel in den Klinken und eine höhere Bezahlung bis zur differierenden Weiterbildungsordnung und Ärztekammerstruktur in Deutschland und der Schweiz.
Außerdem fiel die Rücklaufquote der Umfrage in den Helios-Kliniken mit 36 Prozent deutlich geringer aus als die in der Schweizer Befragung (68 Prozent). Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich bei der Helios-Umfrage mehr unzufriedene Assistenzärzte beteiligten und durch diese mögliche negative Selektion die Ergebnisse schlechter ausfielen als in der Schweiz. Weiter muss beachtet werden, dass in der Schweiz die Assistenzärzte aller Weiterbildungsstätten an der Umfrage teilnehmen.
Realistisches Bild
Unter Berücksichtung dieser Limitierungen und der Daten der Schweizer Umfrage kann allerdings davon ausgegangen werden, dass die Ergebnisse ein realistisches Bild der Weiterbildungssituation bei Helios aus Sicht der Assistenzärzte widerspiegeln. Die durchweg besseren Schweizer Ergebnisse verdeutlichen, dass Handlungsbedarf besteht.
Im Zusammenhang mit der Arbeitsbelastung zeigt die Befragung, dass der Großteil der Assistenzärzte in den Helios-Kliniken länger arbeitet, als das Arbeitszeitgesetz vorgibt. Dasselbe gilt für die Einhaltung von Ruhezeiten. Die künftigen Anforderungen an die Arbeitszeitorganisation erfordern hier neue Ansätze. Die Tatsache, dass Krankenhäuser ihre Leistungen 24 Stunden am Tag zur Verfügung stellen müssen, erschwert die Umsetzung. Die Arbeitszeitorganisation muss daher eine hohe Flexibilität aufzeigen, und die Behandlungsabläufe müssen besser aufeinander abgestimmt werden. Wichtig sind Kommunikation und Zusammenarbeit des ärztlichen und pflegerischen Personals. Für Schnittstellentätigkeiten ist das Zuweisen von Zuständigkeiten notwendig, um Doppelarbeit zu verhindern und Aufgabenbereiche und Kompetenzen klar abzugrenzen.
Hinsichtlich der Weiterbildung zeigen die Befragungen in der Schweiz, dass die neue Arbeitszeitregelung für zwei Drittel der Assistenzärzte keinen negativen Einfluss auf die Weiterbildung hat. Trotz der erheblich kürzeren Gesamtarbeitszeit im Jahr 2005 im Gegensatz zum Jahr 2003 ist die Zahl der durchschnittlich besuchten Stunden in theoretischer Weiterbildung nicht zurückgegangen (5).
In der Schweiz ist die Zahl an Stunden theoretischer Weiterbildung in der Woche höher als bei den Helios-Kliniken. Dementsprechend häufiger werden in der Schweiz die theoretischen Weiterbildungsangebote genutzt. Das Angebot sollte einem zielgruppenorientierten und bedarfsgerechten Konzept folgen. Lerninhalte müssen regelmäßig den sich wandelnden Anforderungen angepasst werden.
Fortbildung mit Alltagsnutzen
Mit dem Programm AiW/extra entwickelt die Helios-Kliniken-Gruppe diesen Gedanken weiter. Die angebotenen Fortbildungen sollen nicht nur die fachlichen Kompetenzen vertiefen, sondern auch die überfachlichen Qualifikationen wie Sozial-, Management- sowie Selbst- und Personenkompetenz junger Ärzte fördern. Es werden interdisziplinäre Fortbildungsveranstaltungen angeboten, deren Ziel es ist, den Assistenzärzten Methoden und Werkzeuge an die Hand zu geben, die sie im klinischen Alltag unmittelbar und praxisnah nutzen können. Hierzu zählen nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch Kurse zu den Themen „Professionelle Kommunikation, Konfliktmanagement und Arbeitsorganisation“.
Angelehnt an die (Muster-)Weiterbildungsordnung, werden Kurse und Seminare angeboten. Jeder Assistenzarzt in Weiterbildung kann pro Jahr jeweils ein fachliches und ein außerfachliches Seminar, alternativ auch zwei außerfachliche Seminare besuchen. Aus den Seminarangeboten wählen der Arzt in Weiterbildung und sein Weiterbilder gemeinsam die zum Weiterbildungsabschnitt passenden Kurse aus. Die Gebühren für die Kurse, die Reisekosten (Anfahrt, Übernachtung) und die Freistellung übernehmen die Kliniken.
Bei mehr als der Hälfte der Assistenzärzte wurden bei Stellenantritt keine Weiterbildungs- und Lernziele vereinbart. Weiterhin wird nach Aussagen von knapp der Hälfte der Befragten die inhaltliche und zeitliche Strukturierung nicht gemäß Weiterbildungsordnung gewährleistet. Zur Förderung der Motivation der Assistenzärztinnen und -ärzte und zur effizienten Steuerung der Weiterbildung ist die Vereinbarung von Zielen sehr bedeutsam.
Hier müssen ebenfalls Verbesserungen angestrebt werden. Bereits die Zielvereinbarungen bei Stellenantritt tragen zur inhaltlichen und zeitlichen Strukturierung bei. Darauf aufbauend sollten regelmäßige Evaluationsgespräche zwischen Weiterbildern und Ärzten in Weiterbildung stattfinden, die neben den Inhalten auch Perspektiven aufzeigen. Demzufolge gibt es hinsichtlich der Vereinbarungen von Zielen und den in den Weiterbildungsordnungen vorgeschriebenen Personalgesprächen Weiterbildungsbedarf sowohl bei den Assistenzärzten als auch bei deren Vorgesetzten.
Hier führt Helios in Zusammenarbeit mit Fachgruppen und Berufsverbänden „Logbücher“ ein. Das Logbuch gibt Auskunft über den aktuellen Stand der Weiterbildung. Neben Operationen, Prozeduren und diagnostischen Maßnahmen werden auch Kurse und Seminare dokumentiert. Es ist Grundlage des Personalentwicklungsgespräches und dient zur Vorlage im Rahmen der Facharztprüfung bei der Ärztekammer.
Exemplarisch für Deutschland
Auch wenn die Helios-Kliniken wahrscheinlich exemplarisch für die Weiterbildungssituation in Deutschland sind – in der Umfrage beteiligten sich Kliniken mit 100 bis 1 300 Betten –, können aufgrund der vorliegenden Ergebnisse noch keine generellen Aussagen über die Zufriedenheit der Assistenzärzte in Deutschland gemacht werden. Es wird interessant sein, die Ergebnisse einer deutschlandweiten Befragung durch die Bundesärztekammer beziehungsweise einen Teil der Landesärztekammern mit denjenigen aus der Schweiz zu vergleichen. Dies würde den beteiligten deutschen Kliniken neben einem internen auch ein internationales Benchmarking ermöglichen. Eine solche Untersuchung könnte ein wichtiges Element der Qualitätssicherung im Bereich der Weiterbildung bilden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2007; 104(5): A 243–6

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Parwis Fotuhi, MBA
Leiter Helios-Akademie
Friedrichstraße 136
10117 Berlin

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0507
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1.
Kaiser R, Kortmann A: „Mißbrauch“ von Bereitschaftsdienst zur Routinetätigkeit und Unzufriedenheit mit dem gewählten Beruf bei hessischen Krankenhausärzten, Hessisch Ärztebl 2002; 3: 128–31.
2.
Gethmann CF, Gerok W, Helmchen H, Henke K-D, Mittelstraß J, Schmidt-Aßmann E, Stock G, Taupitz J, Thiele F: Gesundheit nach Maß? Eine transdisziplinäre Studie zu den Grundlagen eines dauerhaften Gesundheitssystems. Berlin: Akademie Verlag 2004; 252.
3.
Siegrist M, Gutscher H, Giger M: Was haben Betriebskultur, Motivation und Fremdjahr mit der Weiterbildung zu tun? Schweizerische Ärztezeitung 2004; 85: 783–91.
4.
Siegrist M, Orlow P, Giger M: Weiterbildung aus der Sicht der Assistenzärzte: Die wichtigsten Resultate der Umfrage 2004 bei Assistenzärztinnen und -ärzten über die Weiterbildung. Schweizerische Ärztezeitung, 2005; 86: 412–23.
5.
Siegrist M, Orlow P, Giger M: Weiterbildung und Arbeitssituation aus Sicht der Assistenzärzte. Schweizerische Ärztezeitung 2006; 87: 379–86.

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