THEMEN DER ZEIT

Klimaveränderung: Globale Erwärmung birgt lokale Gesundheitsrisiken

Dtsch Arztebl 2007; 104(7): A-402 / B-353 / C-341

Hibbeler, Birgit

Heuschnupfen in der Adventszeit, deutlicher Anstieg der FSME-Fälle: Die milden Temperaturen hinterlassen ihre Spuren. Sogar die Ausbreitung von Tropenkrankheiten wird befürchtet.

Die Botschaft ist eindeutig. Deutlich wie nie zuvor hat der Klimarat der Vereinten Nationen (UN) in seinem Weltklimabericht vor den Folgen des Treibhauseffektes gewarnt. Bis zum Jahr 2100 wird nach dem heute wahrscheinlichsten Szenario die Temperatur im globalen Mittel um 1,8 bis vier Grad ansteigen – allerdings nur, wenn die Kohlendioxid-Emissionen nicht weiter steigen als erwartet. Sonst könnte das Thermometer im Schnitt sogar sechs Grad mehr anzeigen. In wenigen Jahrzehnten wird das Nordpolarmeer voraussichtlich im Sommer eisfrei sein. Dürreperioden und Wirbelstürme und ein dramatischer Anstieg des Meeresspiegels – die UN-Prognosen entsprechen einem Horror-Szenario. Während im ersten Klimareport 1990 der „anthropogene Treibhauseffekt“ noch wesentlich zurückhaltender bewertet wurde, haben die Experten nun keinen Zweifel mehr: Die Schuld an dem Klimawandel trägt der Mensch.
Für Deutschland ergeben sich durch die globale Erwärmung mehrere Konsequenzen. Die Sommer werden trockener, die Winter milder und niederschlagsreicher. Der steigende Meeresspiegel kann für Inseln und Küstenstädte zur Bedrohung werden. Auch eine Zunahme von Stürmen und Überschwemmungen ist prognostiziert. „Allerdings ist das zum Teil noch Forschungsgegenstand“, sagt Dr. Annette Kirk vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg.
Foto: dpa
Hitzeperioden werden häufiger: Ausgetrocknetes Rheinufer in Düsseldorf im Sommer 2003. Foto: dpa
Extreme Wettersituationen sind mit gesundheitlichen Risiken verknüpft. Hohe Temperaturen beispielsweise belasten das Herz-Kreislauf-System und können nicht zuletzt für ältere Menschen und Kinder zur Gefahr werden, wenn diese nicht ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Im „Hitzesommer“ 2003 fielen mehrere Tausend Menschen den hohen Temperaturen zum Opfer, besonders in Südeuropa. Eine Zunahme solcher Hitzeperioden wird im Rahmen der globalen Erwärmung auch für Deutschland erwartet. „Bei einer schlechten Vorbereitung kann das zu einem Risiko werden“, sagt Dr. rer. nat. Klaus Bucher, Medizin-Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD). Daher hat der DWD einen „Hitzewarndienst“ ins Leben gerufen. Vergleichbar mit Sturmwarnungen sollen Meldungen über Funk und Fernsehen publik gemacht werden. Die Warnungen richten sich aber nicht nur an die Öffentlichkeit, sondern auch an die zuständigen Institutionen der Bundesländer. Insbesondere Krankenhäuser und Pflegeheime sollen künftig rechtzeitig Maßnahmen einleiten.
Höhere Temperaturen sind für Allergiker zwar nicht lebensbedrohlich, können aber zur Plage werden. Im vergangenen Jahr brachte die milde Herbstwitterung die Pflanzenwelt durcheinander. Bereits Mitte Dezember warnte der DWD in seiner Pollenflugvorhersage vor Hasel- und Erlenpollen. Es ist also durchaus denkbar, dass sich die Leidenszeit der Allergiker dauerhaft aufs Jahr gesehen verlängert, wenn milde Winter zur Regel werden. Außerdem, prognostiziert Bucher, müsse man damit rechnen, dass sich Neophyten, also Pflanzen, die sich neu in Deutschland angesiedelt haben, weiter ausbreiten. Dabei denkt er vor allem an die Ambrosia-Pflanze. Das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) stammt ursprünglich aus Nordamerika und hat sich mittlerweile in vielen europäischen Ländern, unter anderem in der Schweiz, Italien, Frankreich und Ungarn massiv ausgebreitet. Auch in Deutschland ist es auf dem Vormarsch. Die Ambrosia-Pollen sowie der Hautkontakt mit der Pflanze können heftige Allergien auslösen. In einer Schweizer Broschüre heißt es: „Blühende Ambrosia nur mit Feinstaubmaske und Handschuhen ausreißen.“
Die Ambrosia-Pollen sowie der Hautkontakt mit der Pflanze können heftige Allergien auslösen. Foto: ddp
Milde Temperaturen haben nicht nur einen Einfluss auf Pflanzen, sondern auch auf die Tierwelt. Von Relevanz für die Gesundheitsversorgung ist dabei die Zunahme von Krankheitsüberträgern. Dazu zählen unter anderem Zecken. Sie haben eindeutig von den milden Wintern der vergangenen Jahre profitiert. In der Folge nahm die Häufigkeit der Frühsommer-Meningo-enzephalitis (FSME) stark zu. Die Zahl der in Deutschland gemeldeten FSME-Fälle stieg nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) im vergangenen Jahr auf 541 (2004: 274). Auch bei der Borreliose verzeichnet das RKI eine Tendenz nach oben.
Ursache dafür dürfte eine Zunahme an Zecken sein, aber auch die Tatsache, dass sich die Menschen im Sommer 2006 wegen des schönen Wetters vermehrt draußen aufgehalten haben. Ein weiterer Grund ist jedoch, dass die Durchseuchung bei den Zecken deutlich zugenommen hat. Zu diesem Schluss kam bereits 2003 eine Studie des Instituts für Medizinische Parasitologie der Universität Bonn, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Ausbreitung von Krankheitserregern über tierische Vektoren beschäftigt und im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt wurde. Für FSME gilt: Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Impfung für alle Personen in Risikogebieten, die zeckenexponiert sind. Diese Gebiete liegen vornehmlich in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen. Die Zecken sind in der Bonner Studie nur ein Aspekt. Steigende Temperaturen könnten der Ausbreitung weiterer Vektoren in Deutschland Vorschub leisten. Dabei spielen auch Krankheiten eine Rolle, die zurzeit eher in südlicheren Regionen der Erde vorkommen, wie Leishmaniose, Dengue-Fieber und Malaria.
„Risiko Tropenkrankheiten“ differenziert betrachten
Die Leishmaniose ist hauptsächlich in tropischen Ländern, aber auch in Südeuropa verbreitet. Nach Deutschland werden die parasitären Erreger bislang sporadisch durch infizierte Hunde oder Menschen importiert. Überträgerin ist die Sandmücke (Phlebotomus). Der Studie des Bonner Instituts für Medizinische Parasitologie zufolge gelang Ende der Neunzigerjahre der Erstnachweis von Sandmücken der Art Phlebotomus mascitii in Baden-Württemberg. Dieser müsse als Vektor der viszeralen Leishmaniose angesehen werden. Allerdings sei die Mücke wohl zuvor nicht nachgewiesen worden, weil niemand danach gesucht habe, räumt Prof. Dr. Walter A. Maier ein, unter dessen Leitung die Untersuchung entstand. Darüber hinaus sei allerdings die Spezies Phlebotomus perniciosus in Rheinland-Pfalz gefunden worden. „Dies ist noch ein Einzelbefund, dürfte aber eine Folge der Erwärmung der vergangenen Jahre sein“, erklärt Maier.
Bereits in Europa nachgewiesen: Die Tigermücke (Aedes albopticus) ist eine potenzielle Überträgerin des Dengue-Fiebers. Foto: CDC/James Gathany
Das Dengue-Fieber wird durch ein Flavivirus verursacht. Vektor sind Stechmücken der Gattung Aedes. Seit Ende der Siebzigerjahre ist die ursprünglich in Asien beheimatete Tigermücke (Aedes albopticus) unter anderem in Italien nachgewiesen worden. „Wesentliche Voraussetzungen für das Auftreten neuer Infektionskrankheiten sind gegeben“, meinen die Autoren der Bonner Studie. Sie beklagen, dass die Verbreitung der Vektoren nicht systematisch erfasst wird. „Es fehlt an Unterstützung durch Bundes- und Landesbehörden“, kritisiert Maier. „Wegen des allgemeinen Sparzwanges will und kann man offenbar erst dann reagieren, wenn es konkrete Erkrankungsfälle gegeben hat.“ Nach Veröffentlichung des Weltklimaberichtes forderte unterdessen Andreas Troge, Chef des Umweltbundesamtes, den Infektionsschutz zu verstärken und bisher in Deutschland noch nicht auftretende Krankheiten zu beobachten. Überträger von tödlichen Infektionskrankheiten hätten durch die milden Winter auch nördlich der Alpen bessere Überlebensbedingungen, sagte Troge.
Es ist schwierig, die tatsächliche Bedrohung durch Tropenkrankheiten einzuschätzen, denn die Verbreitung vektorassoziierter Erkrankungen ist ein komplexes Geschehen: Der Überträger muss vorhanden sein, vielfach ist eine Mindesttemperatur erforderlich, damit sich die Pathogene im Vektor entwickeln können, und schließlich muss es auch infizierte Wirte geben. Eine wichtige Rolle spielen aber auch sozioökonomische Faktoren. „Die Temperatur ist aus unserer Sicht nicht der entscheidende Faktor“, sagt Dr. Barbara Ebert vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Diese Annahme wird unter anderem dadurch untermauert, dass die Vertreibung der Malaria aus Europa nicht auf einen Temperaturabfall zurückzuführen ist, sondern in erster Linie auf die Änderung landwirtschaftlicher Praktiken. Dazu zählen die räumliche Trennung von Mensch und Tier, die Trockenlegung von Sumpfgebieten und der Einsatz von DDT. Nicht zuletzt die gute Gesundheitsversorgung hat dazu geführt, dass zwar potenzielle Malariavektoren in Europa vorhanden sind, aber die Erreger in infizierten Wirten fehlen. So kommt die Infektionskette nicht mehr in Gang. Durch eine globale Erwärmung könnte sich das Problem Malaria eher in Ländern verschärfen, in denen das Wechselfieber bereits heute häufig vorkommt. „Zum Beispiel in Kenia ist eine Ausbreitung der Malaria ins Hochland denkbar“, schätzt Ebert.
Teile Deutschlands waren bis in die Fünfzigerjahre Malaria-Gebiete, in denen einheimische Anophelesmücken die Krankheit auf Menschen übertrugen. Durch eine Erwärmung könnten sich die Ausbreitungsmöglichkeiten weiterer Anopheles-Arten verbessern. Aus Sicht des RKI sind im Hinblick auf die Klimaveränderung die Meldedaten für Infektionskrankheiten bislang unauffällig. Das Institut hat unterdessen eine Studie durchgeführt, in der die mögliche Verbreitung des West-Nil-Virus untersucht wird. Das West-Nil-Fieber, das sich in den USA auffällig ausgebreitet hat, wird von einem Flavivirus verursacht, dessen Reservoir Vögel sind. Übertragen wird es durch Stechmücken (zum Beispiel Culex pipiens). Die Infektion beim Menschen führt in seltenen Fällen zu Meningitis und Enzephalitis. Die Ergebnisse der RKI-Studie sind noch nicht veröffentlicht, das Institut hat aber bereits vorab bekannt gegeben, es gebe „keine alarmierenden Befunde“.
Einfacher herzustellen ist der Zusammenhang bei Krankheitserregern, deren Übertragung ohne Vektor verläuft. Im Sommer 2006 wurden bei Badegästen an der Ostsee Wundinfektionen durch das Bakterium Vibrio vulnificus diagnostiziert. „Wahrscheinlich waren diese Bakterien schon immer in der Ostsee, aber erst durch hohe Wassertemperaturen über 20 Grad werden sie aktiv und können für den Menschen gefährlich werden“, sagt Regine Szewzyk vom Umweltbundesamt. Solche Wundinfektionen seien bereits in heißen Sommern in den Neunzigerjahren vorgekommen. Auch eine Übertragung etwa durch den Verzehr von Muscheln sei denkbar, der dann zu Durchfall und Erbrechen führen könne.
„Klima-Schock – Killer-Keime kommen zu uns“ titelte jüngst die „Bild am Sonntag“. Eine solche Formulierung ist zweifelsohne übertrieben, allerdings wird die globale Erwärmung nicht ohne Einfluss auf die Gesundheit in Deutschland bleiben. Panik ist nicht angebracht, aber der UN-Klimabericht ist vielleicht ein „heilsamer Schock“ für Industrie, Politik und jeden Einzelnen, um das eigene Verhalten zum Klimaschutz zu überdenken.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Zwei Studien zum Thema Klimawandel und Infektionskrankheiten:
www.aerzteblatt.de/plus0707
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