MEDIZINREPORT

Handy und Gehirntumor: Einzelne Ergebnisse werden aus dem Zusammenhang gerissen

Dtsch Arztebl 2007; 104(9): A-536 / B-472 / C-458

Blettner, Maria; Schüz, Joachim

Handys senden und empfangen mit einer Leistung von maximal zwei Watt im D-Netz und einem Watt im E-Netz. Zwei Watt sind die gesetzlich erlaubte Obergrenze, moderne Geräte liegen meist darunter. Das Signal wird nicht gleichmäßig geschickt, sondern „gepulst“ mit 217 Hertz.
Foto: mauritius images
Epidemiologische Studien zur Nutzung von Mobiltelefonen und dem Risiko, an einem Gehirntumor zu erkranken, werden häufig nur in Teilen veröffentlicht.

Kürzlich sind mehrere Veröffentlichungen aus großen epidemiologischen Studien zur Frage erschienen, ob die Nutzung eines Mobiltelefons (Handys) mit einem erhöhten Risiko für Gehirntumoren assoziiert ist. Aufgrund des großen Medienechos mit teilweise widersprüchlichen Schlussfolgerungen erscheint ein Zwischenfazit angebracht, zumal eine Interpretation der Ergebnisse nur unter sorgfältiger Abwägung der Stärken und Schwächen der einzelnen Studientypen möglich ist.
Wie bekannt ist, wird von der´International Agency for Research on Cancer (IARC) eine Fall-Kontrollstudie durchgeführt (1). Für diese Interphone-Studie, die in 13 Ländern nach einem einheitlichen Protokoll durchgeführt wird, konnten zwischen den Jahren 2000 und 2002 etwa 7 000 neu an einem Gehirntumor erkrankte Personen rekrutiert werden. Die Ergebnisse dieser internationalen Studie sind noch nicht veröffentlicht. Derzeit werden aber von den einzelnen Ländern nationale oder teilweise auch über mehrere Länder hinweg gepoolte Daten veröffentlicht (210).
Die Interphone-Studie schließt Gliome, Meningeome und Akustikusneurinome (AN) ein. Die Tumorentitäten werden immer getrennt ausgewertet – manchmal gemeinsam und manchmal getrennt publiziert. Außerdem wurde in 2006 eine große Kohortenstudie aus Dänemark veröffentlicht (11). Nachfolgend werden Inhalt und methodische Probleme dargestellt.
Die Kohortenstudie: Im Dezember 2006 erschienen die Ergebnisse einer dänischen Kohortenstudie (11), bei der die gesamte dänische Bevölkerung, älter als 18 Jahre, unterteilt wurde in: eine Gruppe, die erstmals zwischen 1982 (Einführung der Mobiltelefone in Dänemark) und 1995 einen Handyvertrag in ihrem Namen abschloss, und eine Gruppe, die später als 1995 oder nie einen Handyvertrag in ihrem Namen abschloss.
Die beiden Gruppen wurden bis Ende 2002 auf das Auftreten von Krebserkrankungen beobachtet, wobei in den Gehirntumor-Inzidenzraten kein Unterschied ermittelt wurde (relatives Risiko 0,97). Unter den langjährigen Handyvertragsnehmern (zehn Jahre oder mehr) waren sogar weniger Gehirntumorfälle aufgetreten als erwartet.
Die Stärke der Studie ist die Betrachtung der gesamten Bevölkerung über einen Zeitraum von 21 Jahren. Die Unterteilung in die beiden Gruppen erfolgt auf Basis objektiver Daten und einer Erhebung vor Ausbruch der Erkrankung. Die Schwäche der Studie ist die grobe Einteilung der Handynutzer auf Basis des Vertragsstatus: So werden Vertragsnehmer, die das Handy nicht selbst nutzen, und Nutzer, die nicht in ihrem Namen den Vertrag abgeschlossen haben (Firmenhandys), den falschen Gruppen zugeordnet. Zudem liegen Informationen zur Häufigkeit der Nutzung und der bevorzugten Kopfseite nicht vor, sodass das Design zwar zur Aufspürung großer Risiken, aber nicht seltener Risiken in Untergruppen geeignet ist.
Die Fall-Kontrollstudie (Interphone): Bisher liegen aus der Interphone-Studie neun einzelne Publikationen vor (Tabelle 1), die das Hirntumorrisiko und die Nutzung von Mobiltelefonen beschreiben. Drei Publikationen – jeweils eine aus Dänemark (2), Schweden (3) und Deutschland (4) – berichten Ergebnisse für Gliome und Meningeome in jeweils einem Aufsatz; eine Publikation aus England berichtet nur Ergebnisse für Gliome (5).
Die skandinavischen Länder (Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen) und England haben zusammen eine weitere Publikation speziell zu den Gliomen verfasst (6). Diese Studie schließt auch Daten ein, die vorher schon in einer anderen Publikation dargestellt wurden: Gliome aus Schweden, England und Dänemark.
Publikationen für Akustikusneurinome liegen aus Schweden, Dänemark und Japan vor (7, 8, 9). Auch für diese Tumorentität gibt es eine gemeinsame Auswertung der skandinavischen Länder und England (10). Alle anderen Länder der Interphone-Studie (Frankreich, Italien, Israel, Kanada, Australien, Neuseeland) haben noch keine nationalen Daten veröffentlicht. 1
Sowohl die dänische (2) als auch die schwedische Studie (3) zeigten keinen Zusammenhang zwischen Handynutzung und dem Gliom- oder Meningeomrisiko, auch nicht unter Langzeitnutzern; auch die englische Studie (5) fand kein erhöhtes Gliomrisiko (Tabelle 2). Die deutsche Studie (4) zeigte keine Erhöhung des Risikos – weder für Gliome noch für Meningeome. Lediglich bei Gliomen wurde ein statistisch nicht signifikant erhöhtes relatives Risiko von 2,2 beobachtet, und zwar bei zwölf Personen mit mehr als zehnjähriger regelmäßiger Handynutzung (drei Prozent aller Patienten).
Die englisch-skandinavische gemeinsame Auswertung der Daten von Gliompatienten (6) zeigte ein erniedrigtes Risiko für Handybenutzer, an Gliomen zu erkranken. Das gilt auch für Personen mit häufiger oder langer Nutzung (kategorisiert nach Jahren, Anzahl der Gespräche oder Stunden).
Das erhöhte Risiko, das in Deutschland beobachtet wurde, konnte in der englisch-skandinavischen Studie nicht bestätigt werden: Das relative Risiko war 0,94 für 143 Langzeitnutzer unter den Gliompatienten (6). Ein statistisch signifikanter Zusammenhang mit einem Risiko von 1,39 wurde für die Gruppe derjenigen ermittelt, die länger als zehn Jahre mit dem Handy telefonierten und das Handy vorwiegend an die Kopfseite hielten, wo später der Tumor auftrat.
Dies betraf 77 Fälle, also wiederum weniger als fünf Prozent aller befragten Teilnehmer. Obwohl dieses Ergebnis zwar noch am ehesten biologisch plausibel wäre, ist es auch wiederum nur eine von vielen Untergruppenauswertungen. Da keine Risikoerhöhung auftrat, besteht die Befürchtung, dass Patienten teils nur subjektiv das Empfinden haben könnten, die später betroffene Kopfseite häufiger für Telefonate genutzt zu haben.
Die Stärke von Interphone ist ihr großer Studienumfang und die detaillierte Erhebung von Nutzungscharakteristika; die Schwäche ist ihre (ebenfalls) interviewbasierte Erhebung. In der dänischen Studie zeigten einige der Gliompatienten Schwächen beim Gedächtnistest (2). In der deutschen Studie gaben mehrere der Langzeitnutzer an, Mobiltelefonnetze zu nutzen, die damals noch nicht in Betrieb waren (4). In der englischen (5) Studie zeigte sich, dass Tumoren zwar auch häufiger an der Kopfseite auftraten, an die das Handy gehalten wurde, in gleichem Maße aber weniger Tumoren auf der der Nutzung gegenüberliegenden Kopfseite (7). Dies wäre biologisch nicht plausibel. Durch diese Schwächen wird zusätzliche statistische Unsicherheit in die Studienergebnisse getragen.
Zwischenfazit: Die Ergebnisse der dänischen Kohortenstudie (11) und die bisher veröffentlichten Daten der Interphone-Studie (210) stehen im Einklang. Für eine Handynutzung von unter zehn Jahren ist von keiner Risikoerhöhung auszugehen. Für eine Handynutzung von mehr als zehn Jahren gibt es bisher mehr Indizien gegen als für einen Risikoanstieg. Weitere Einsichten sind nach Abschluss der 13-Länder-Auswertung zu erwarten.
Die Gruppe der Langzeitnutzer ist weiter auf das Auftreten von Risiken zu beobachten. Sie stellt sowohl in der Interphone-Studie als auch der dänischen Kohortenstudie nur einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung dar, stellt aus heutiger Sicht aber in wenigen Jahren die Mehrheit der Bevölkerung.
Selbstkritisch muss noch angemerkt werden, dass die Interphone-Studie zwar gemeinsam geplant wurde, dass aber für jedes Land ein Druck besteht, Ergebnisse zu publizieren, teilweise auch mehrfach (schwedische, englische und dänische Daten einzeln und zusammen), beziehungsweise in sehr kleinen Einheiten (jeweils eine Publikation für Gliome und später noch eine für Meningeome). Das trägt sicherlich zur Verwirrung bei und fördert, dass einzelne Ergebnisse aus dem Zusammenhang gerissen werden. Prof. Dr. rer. nat. Maria Blettner 1
Dr. rer. physiol. Joachim Schüz 2

1 Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, Universität Mainz, Deutschland
2 Institute of Cancer Epidemiology, Danish Cancer Society, Kopenhagen, Dänemark
1.
Cardis E, Kilkenny M: International case-control study of adult brain, head and neck tumours: results of the feasibility study. Radiat Protect Dosimetry 1999; 83: 179–83.
2.
Christensen HC, Schüz J, Kosteljanetz M, Poulsen HS, Boice JD Jr, McLaughlin JK, Johansen C: Cellular telephones and risk for brain tumors: a population-based, incident case-control study. Neurology 2005; 64: 1189–95. MEDLINE
3.
Lönn S, Ahlbom A, Hall P, Feychting M; Swedish Interphone Study Group: Long-term mobile phone use and brain tumor risk. Am J Epidemiol 2005; 161: 526–35. MEDLINE
4.
Schüz J, Böhler E, Berg G, Schlehofer B, Hettinger I, Schlaefer K, Kunna-Grass K, Wahrendorf J, Blettner M: Cellular phones, cordless phones, and the risk of glioma and meningioma (Interphone study group, Germany). Am J Epidemiol 2006; 163: 512–20. MEDLINE
5.
Hepworth SJ, Schoemaker MJ, Muir KR, Swerdlow AJ, van Tongeren MJ, McKinney PA: Mobile phone use and risk of glioma in adults: case-control study. BMJ 2006; 332: 883–7. MEDLINE
6.
Lahkola A, Auvinen A, Raitanen J, Schoemaker MJ, Christensen HC, Feychting M, Johansen C, Klaeboe L, Lonn S, Swerdlow AJ, Tynes T, Salminen T: Mobile phone use and risk of glioma in 5 North European countries. Int J Cancer 2007; [Epub ahead of print]. MEDLINE
7.
Christensen HC, Schüz J, Kosteljanetz M, Poulsen HS, Thomsen J, Johansen C: Cellular telephone use and risk of acoustic neuroma. Am J Epidemiol 2004;159: 277–83. MEDLINE
8.
Lönn S, Ahlbom A, Hall P, Feychting M: Mobile Phone Use and the Risk of Acoustic Neuroma. Epidemiology 2004, 15: 653–9. MEDLINE
9.
Takebayashi T, Akiba S, Kikuchi Y, Taki M, Wake K, Watanabe S, Yamaguchi N: Mobile phone use and acoustic neuroma risk in Japan. Occup Environ Med 2006; 63: 802–7. MEDLINE
10.
Schoemaker MJ, Swerdlow AJ, Ahlbom A, Auvinen A, Blaasaas KG, Cardis E, Christensen HC, Feychting M, Hepworth SJ, Johansen C, Klaeboe L, Lönn S, McKinney PA, Muir K, Raitanen J, Salminen T, Thomsen J, Tynes T: Mobile phone use and risk of acoustic neuroma: results of the Interphone case-control study in five North European countries. Br J Cancer 2005; 93: 842–8. MEDLINE
11.
Schüz J, Jacobsen R, Olsen JH, Boice JD Jr, McLaughlin JK, Johansen C: Cellular telephone use and cancer risk: update of a nationwide Danish cohort. J Natl Cancer Inst 2006; 98: 1707–13. MEDLINE
1. Cardis E, Kilkenny M: International case-control study of adult brain, head and neck tumours: results of the feasibility study. Radiat Protect Dosimetry 1999; 83: 179–83.
2. Christensen HC, Schüz J, Kosteljanetz M, Poulsen HS, Boice JD Jr, McLaughlin JK, Johansen C: Cellular telephones and risk for brain tumors: a population-based, incident case-control study. Neurology 2005; 64: 1189–95. MEDLINE
3. Lönn S, Ahlbom A, Hall P, Feychting M; Swedish Interphone Study Group: Long-term mobile phone use and brain tumor risk. Am J Epidemiol 2005; 161: 526–35. MEDLINE
4. Schüz J, Böhler E, Berg G, Schlehofer B, Hettinger I, Schlaefer K, Kunna-Grass K, Wahrendorf J, Blettner M: Cellular phones, cordless phones, and the risk of glioma and meningioma (Interphone study group, Germany). Am J Epidemiol 2006; 163: 512–20. MEDLINE
5. Hepworth SJ, Schoemaker MJ, Muir KR, Swerdlow AJ, van Tongeren MJ, McKinney PA: Mobile phone use and risk of glioma in adults: case-control study. BMJ 2006; 332: 883–7. MEDLINE
6. Lahkola A, Auvinen A, Raitanen J, Schoemaker MJ, Christensen HC, Feychting M, Johansen C, Klaeboe L, Lonn S, Swerdlow AJ, Tynes T, Salminen T: Mobile phone use and risk of glioma in 5 North European countries. Int J Cancer 2007; [Epub ahead of print]. MEDLINE
7. Christensen HC, Schüz J, Kosteljanetz M, Poulsen HS, Thomsen J, Johansen C: Cellular telephone use and risk of acoustic neuroma. Am J Epidemiol 2004;159: 277–83. MEDLINE
8. Lönn S, Ahlbom A, Hall P, Feychting M: Mobile Phone Use and the Risk of Acoustic Neuroma. Epidemiology 2004, 15: 653–9. MEDLINE
9. Takebayashi T, Akiba S, Kikuchi Y, Taki M, Wake K, Watanabe S, Yamaguchi N: Mobile phone use and acoustic neuroma risk in Japan. Occup Environ Med 2006; 63: 802–7. MEDLINE
10. Schoemaker MJ, Swerdlow AJ, Ahlbom A, Auvinen A, Blaasaas KG, Cardis E, Christensen HC, Feychting M, Hepworth SJ, Johansen C, Klaeboe L, Lönn S, McKinney PA, Muir K, Raitanen J, Salminen T, Thomsen J, Tynes T: Mobile phone use and risk of acoustic neuroma: results of the Interphone case-control study in five North European countries. Br J Cancer 2005; 93: 842–8. MEDLINE
11. Schüz J, Jacobsen R, Olsen JH, Boice JD Jr, McLaughlin JK, Johansen C: Cellular telephone use and cancer risk: update of a nationwide Danish cohort. J Natl Cancer Inst 2006; 98: 1707–13. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige