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Supplement: Reisemagazin

DIE MASSAI: Ein Volk sucht seine Zukunft

Dtsch Arztebl 1997; 94(10): [4]

Bischoff, Angelika

"Der Stammvater der Massai war ein gewisser Kidenoi, der in Donyo Egere (Mount Kenia) lebte; er war behaart und hatte einen Schwanz. Vom Drang nach Entdeckungen erfüllt, verließ er seine Heimat und wanderte nach Süden. Die Bewohner des Landes, die ihn eine Kalebasse schütteln sahen, waren vor Bewunderung so hingerissen über die prächtige Vorstellung, daß sie ihm Frauen als Geschenke darbrachten. Diese Frauen gebaren ihm Kinder, die eigenartigerweise nicht behaart waren und keinen Schwanz hatten - und diese waren die Vorfahren der Massai." (Josef Thompson, Through Maasai Land, 1885)


Der Name Massai kommt von Maa, einer Sprache, die dieses Volk mit den nördlich des Mount Kenia lebenden Samburu und dem kleinen Volk der Njemps gemeinsam hat. Die ursprüngliche Heimat der gemeinsamen Vorfahren dieser Nomaden, der Niloten, war das nördliche Zentralafrika. Von dort zogen die Niloten mit ihren Herden schließlich im 16. Jahrhundert über das heutige Äthiopien nach Süden. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts waren die Massai auf dem Höhepunkt ihrer Macht angelangt. Ihr Einflußbereich erstreckte sich in dieser Zeit vom Norden Kenias bis weit nach Tansania über eine Entfernung von 1 100 km. Mit den Europäern begann um die Jahrhundertwende allerdings der Niedergang der Massai. Durch den Bau der Uganda-Bahn wurde die Region für europäische Siedler interessant. Weiterhin mußten sich die Massai der europäischen Art beugen, Auseinandersetzungen zwischen feindlichen Gruppen und Stämmen mit Polizei, Waffengewalt und Anordnung zu schlichten. Das Unglück wurde durch eine Rinderpest-Epidemie, die 1891 ausbrach, auf die Spitze getrieben. Etwa 90 Prozent der Rinderbestände wurden vernichtet, und viele Massai starben während der anschließenden Hungersnot.
Das Vieh begründet auch heute noch das Nomadendasein; das Vieh - besonders Rinder, weniger Schafe und Ziegen - bedeutet Macht und Reichtum. Ein Massai von bescheidenem Wohlstand besitzt vielleicht an die 50 Rinder. Ein reicher Mann, ein Arkasis, dagegen nennt vielleicht 1 000 und dazu viele Kinder sein eigen. Das Vieh bedeutet aber natürlich auch Nahrung, zum Beispiel Milch als Dickmilch oder zu länger haltbarem Fett verarbeitet. Milch, gemischt mit frischem, an der Hauptschlagader gezapftem Rinderblut, hilft zudem bei Krankheit oder zur Wiederherstellung der Kräfte nach der Beschneidung.


Aufgaben von Mann und Frau
In der Massai-Gesellschaft gibt es eine klare Verteilung der Aufgaben zwischen Mann und Frau. Die Frauen erziehen die Kinder, bauen die Hütten, holen Wasser und Brennholz und melken die Kühe. Sie führen den Haushalt und bereiten die jungen Mädchen auf ihre kommenden Pflichten als Frau und Mutter vor. Die erwachsenen Männer hingegen kümmern sich um den Bau der Umzäunungen, das Hüten der Tiere, um Suche und Reinigung von Wasserstellen und den Schutz des Stammes.
Frauen müssen dabei ebenso körperlich hart wie die Männer arbeiten - vor allem, wenn sie das Haus für die Familie bauen. Zuerst werden auf dem markierten Grundriß starke Äste im Boden vergraben. Am oberen Ende werden kleinere Äste befestigt, die dann miteinander verflochten das Dach entstehen lassen. Mit Gras und einer Schicht Kuhfladen bedeckt, ergibt sich das aus einem Raum bestehende Haus. Alle Häuser eines Kraals sind kreisförmig angeordnet und von einer Umzäunung aus dichtem Dornengestrüpp umgeben, die nachts vor wilden Tieren schützt. Ist der Zeitpunkt gekommen, daß das Vieh nicht mehr ausreichend Futter findet, beladen die Frauen die Esel mit dem gesamten Hausrat, Töpfen, Fellen, Kalebassen, und die in der Siedlung zusammenlebenden Familien ziehen in ein neues Gebiet. Die Boma, das Haus, wird beim Weiterziehen zurückgelassen.
Das Leben eines Massai spielt sich auch heute noch weitgehend nach festen Regeln innerhalb von Altersgruppen - Jugend (Inkera) - die Krieger (Ilmoran) - die Älteren (Ilpaiyani) - ab. Farbenprächtige und nach genau festgelegten Riten ablaufende Festlichkeiten markieren den Wechsel von einer Altersgruppe in die andere.
Die jungen Krieger tragen die typische Haartracht sowie rote, mit Ocker gefärbte Togen, ihre Körper fallen durch eine aufwendige Bemalung auf. Perlenschmuck an den Ohren, um den Hals und um die Gelenke, dazu ein Schild aus Büffelhaut und ein langer Speer runden das Bild ab. Sie gehören nun zu den Ilmoran und haben die schönste Zeit ihres Lebens erreicht. Sie sind stolze, mutige junge Männer, die keinen Löwen und keinen Feind fürchten und dies auch auf der Jagd oder auf Viehraubzügen beweisen. Die Krieger der Massai sind eine verschworene Gemeinschaft. Nach strengen Regeln leben sie in eigenen Lagern, den Manyattas, zusammen und üben sich in Wachsamkeit, Stolz und Wettbewerb unter ihresgleichen.
Aber auch diese schöne Zeit geht zu Ende. Mit Eunoto, einer weiteren wichtigen Zeremonie, geht der Krieger in den Älterenstand über. Der bewegendste Augenblick ist das Scheren der langen, geflochtenen, mit Wasser und Milch eingeschmierten Haare durch die eigene Mutter. Damit gehört er nun zu der Altersgruppe der Ilpaiyani, der Dorfältesten, es kommt der Zeitpunkt des Mitberatens und Mitregierens.
Endgültig zu dem Stand der Älteren gehört ein Massai nach der Olngesherr-Zeremonie. Diese Männer sind die Weisen, die Heilkundigen, Ratgeber und Richter der Gemeinschaft. Sie sind stolze Wächter über Gesetze und geistige Werte. Die Älteren erwarten Gehorsam und Respekt von seiten der Jungen. Andernfalls drohen Strafen, die mit der Bezahlung von Honigbier oder einer jungen Kuh geahndet werden.


Die Massai sind keine "Wilden"
Wirkten in der Vergangenheit die Massai nach außen häufig als ein sehr kriegerisches Volk, als "Wilde", so waren und sind sie jedoch in Wirklichkeit sehr viel zivilisierter als manche Demokratie von heute. Das Wohl der Gemeinschaft war oberstes Ziel, nicht die Durchsetzung der Interessen eines einzelnen. Entscheidungen werden gefällt auf Grund der Erfahrungen, des Wissens des Älterenstandes. Die Massai haben keinen eigentlichen Führer außer dem Laibon, der als geistiger Führer, als Wahrsager, Heilkundiger, als Experte für Rituale fungiert; er dient der ganzen Gemeinschaft, aber im besonderen den Kriegern, als Ratgeber.
Die Massai wissen, daß ihre traditionelle Lebensweise in einem modernen Staat wie Kenia ohne Anpassung an die neue Zeit nicht überleben kann. Aber auch der Staat, auch der Tourismus muß ihnen eine Chance geben. Die großen Camps und Lodges in den Nationalparks, mit denen der Staat gutes Geld verdient, bedeuten für die Massai bisher meist nur verschmutztes Wasser, Abfallberge und nur ein geringes zusätzliches Einkommen durch den Verkauf selbstgemachten Schmucks.


Positive Ansätze
Aber es gibt auch positive Ansätze von Tourismusprojekten, die diese Problematik erkannt haben und belegen, daß es möglich ist, die Massai mit einzubeziehen. Ein Beispiel ist das Sekenani Camp, am Rande der Masai Mara und damit außerhalb des staatlichen Hoheitsgebietes des Nationalparks im Landeigentum der Massai gelegen. Dieses Camp der Luxusklasse wird geführt von einem Engländer und einem Franzosen, die an die Massai eine jährliche Pacht und für jeden Übernachtungsgast eine Gebühr bezahlen. Gemeinsam mit 26 Massai entscheiden sie über die Geschicke des Camps und über Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten. Zwischen 60 und 70 Massai finden so in ihrer faszinierenden Heimat einen Arbeitsplatz und lernen damit auch die Spielregeln der modernen Welt. Dem Touristen aber ergibt sich im Kontakt mit diesen Menschen die Möglichkeit, einen kleinen Einblick in eine langsam vergehende Welt zu gewinnen.
Dr. med. Angelika Bischoff


Das Sekenani-Camp wird geführt auf der Basis eines Zehn-Jahres-Vertrages, den der Engländer Nicholas Wood und der Franzose Jean-Marie Gabin - beide leben schon lange in Kenia - mit einer Gruppe von Massai-Familien abgeschlossen haben. Die Konditionen werden jedes Jahr neu vereinbart, so daß weder die beiden Pächter noch die Massai als Eigentümer etwa von Währungsschwankungen oder Angeboten großer Hotels überboten werden können.
Aus den Einnahmen des Camps oder mit überschüssigem Material wird eine kleine Schule der Massai unterstützt, die von Besuchern des Camps auch besichtigt werden kann. Zur Zeit wird geplant, mit Hilfe der Wohnmöglichkeiten im Camp für die Massai in der Umgebung eine ärztliche, zahnärztliche und tierärztliche Versorgung zu organisieren. Besonderer Wert wird auf die Umweltverträglichkeit des Camps gelegt. Elektrizität gibt es nicht. Die 15 Zelte und die Wege werden mit Petroleumlampen beleuchtet. Jedes Zelt hat seinen eigenen Abwassertank. Der gesamte Abfall wird sortiert: Papier wird für die Warmwassererzeugung verbrannt, organische Abfälle werden an die Ziegen verfüttert, Restmüll wird zur offiziellen Deponie der Stadt Narok gefahren.
Der Brennholzverbrauch ist drastisch reduziert worden. Heizgeräte für Duschen und Badewannen sind auf Gas umgestellt, das traditionelle große Lagerfeuer wurde abgeschafft. Zusammen mit der Schule wird ein Wald angepflanzt, der nach sieben Jahren das erste Brennholz liefern wird. Auf diese Weise sollen die Kinder mit den Themen Dünger, Kompost, Bodenverbesserung vertraut werden.
Das ansonsten anspruchsvoll ausgestattete Camp liegt an einem Bacheinschnitt und ist völlig offen, so daß nachts Tiere zum Trinken kommen können. Bei Dunkelheit werden die Gäste daher von einem Askari begleitet, einem Massai mit Speer. Die Massai führen auch bei Wanderungen in der näheren Umgebung; außerdem werden Safaris in kleinsten Gruppen angeboten.
Informationen: Martin Bischoff, Ruffiniallee 27, 82152 Planegg, Tel 0 89/8 59 66 31, Fax 85 12 25

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