"Der Stammvater der Massai war ein gewisser Kidenoi, der in Donyo Egere (Mount Kenia) lebte; er
war behaart und hatte einen Schwanz. Vom Drang nach Entdeckungen erfüllt, verließ er seine Heimat und
wanderte nach Süden. Die Bewohner des Landes, die ihn eine Kalebasse schütteln sahen, waren vor
Bewunderung so hingerissen über die prächtige Vorstellung, daß sie ihm Frauen als Geschenke darbrachten.
Diese Frauen gebaren ihm Kinder, die eigenartigerweise nicht behaart waren und keinen Schwanz hatten - und
diese waren die Vorfahren der Massai." (Josef Thompson, Through Maasai Land, 1885)
Der Name Massai kommt von Maa, einer Sprache, die dieses Volk mit den nördlich des Mount Kenia lebenden
Samburu und dem kleinen Volk der Njemps gemeinsam hat. Die ursprüngliche Heimat der gemeinsamen
Vorfahren dieser Nomaden, der Niloten, war das nördliche Zentralafrika. Von dort zogen die Niloten mit ihren
Herden schließlich im 16. Jahrhundert über das heutige Äthiopien nach Süden. Gegen Ende des letzten
Jahrhunderts waren die Massai auf dem Höhepunkt ihrer Macht angelangt. Ihr Einflußbereich erstreckte sich in
dieser Zeit vom Norden Kenias bis weit nach Tansania über eine Entfernung von 1 100 km.
Mit den Europäern begann um die Jahrhundertwende allerdings der Niedergang der Massai. Durch den Bau
der Uganda-Bahn wurde die Region für europäische Siedler interessant. Weiterhin mußten sich die Massai der
europäischen Art beugen, Auseinandersetzungen zwischen feindlichen Gruppen und Stämmen mit Polizei,
Waffengewalt und Anordnung zu schlichten. Das Unglück wurde durch eine Rinderpest-Epidemie, die 1891
ausbrach, auf die Spitze getrieben. Etwa 90 Prozent der Rinderbestände wurden vernichtet, und viele Massai
starben während der anschließenden Hungersnot.
Das Vieh begründet auch heute noch das Nomadendasein; das Vieh - besonders Rinder, weniger Schafe und
Ziegen - bedeutet Macht und Reichtum. Ein Massai von bescheidenem Wohlstand besitzt vielleicht an die 50
Rinder. Ein reicher Mann, ein Arkasis, dagegen nennt vielleicht 1 000 und dazu viele Kinder sein eigen. Das
Vieh bedeutet aber natürlich auch Nahrung, zum Beispiel Milch als Dickmilch oder zu länger haltbarem Fett
verarbeitet. Milch, gemischt mit frischem, an der Hauptschlagader gezapftem Rinderblut, hilft zudem bei
Krankheit oder zur Wiederherstellung der Kräfte nach der Beschneidung.
Aufgaben von Mann und Frau
In der Massai-Gesellschaft gibt es eine klare Verteilung der Aufgaben zwischen Mann und Frau. Die Frauen
erziehen die Kinder, bauen die Hütten, holen Wasser und Brennholz und melken die Kühe. Sie führen den
Haushalt und bereiten die jungen Mädchen auf ihre kommenden Pflichten als Frau und Mutter vor. Die
erwachsenen Männer hingegen kümmern sich um den Bau der Umzäunungen, das Hüten der Tiere, um Suche
und Reinigung von Wasserstellen und den Schutz des Stammes.
Frauen müssen dabei ebenso körperlich hart wie die Männer arbeiten - vor allem, wenn sie das Haus für die
Familie bauen. Zuerst werden auf dem markierten Grundriß starke Äste im Boden vergraben. Am oberen Ende
werden kleinere Äste befestigt, die dann miteinander verflochten das Dach entstehen lassen. Mit Gras und
einer Schicht Kuhfladen bedeckt, ergibt sich das aus einem Raum bestehende Haus. Alle Häuser eines Kraals
sind kreisförmig angeordnet und von einer Umzäunung aus dichtem Dornengestrüpp umgeben, die nachts vor
wilden Tieren schützt. Ist der Zeitpunkt gekommen, daß das Vieh nicht mehr ausreichend Futter findet,
beladen die Frauen die Esel mit dem gesamten Hausrat, Töpfen, Fellen, Kalebassen, und die in der Siedlung
zusammenlebenden Familien ziehen in ein neues Gebiet. Die Boma, das Haus, wird beim Weiterziehen
zurückgelassen.
Das Leben eines Massai spielt sich auch heute noch weitgehend nach festen Regeln innerhalb von
Altersgruppen - Jugend (Inkera) - die Krieger (Ilmoran) - die Älteren (Ilpaiyani) - ab. Farbenprächtige und
nach genau festgelegten Riten ablaufende Festlichkeiten markieren den Wechsel von einer Altersgruppe in die
andere.
Die jungen Krieger tragen die typische Haartracht sowie rote, mit Ocker gefärbte Togen, ihre Körper fallen
durch eine aufwendige Bemalung auf. Perlenschmuck an den Ohren, um den Hals und um die Gelenke, dazu
ein Schild aus Büffelhaut und ein langer Speer runden das Bild ab. Sie gehören nun zu den Ilmoran und haben
die schönste Zeit ihres Lebens erreicht. Sie sind stolze, mutige junge Männer, die keinen Löwen und keinen
Feind fürchten und dies auch auf der Jagd oder auf Viehraubzügen beweisen. Die Krieger der Massai sind eine
verschworene Gemeinschaft. Nach strengen Regeln leben sie in eigenen Lagern, den Manyattas, zusammen
und üben sich in Wachsamkeit, Stolz und Wettbewerb unter ihresgleichen.
Aber auch diese schöne Zeit geht zu Ende. Mit Eunoto, einer weiteren wichtigen Zeremonie, geht der Krieger
in den Älterenstand über. Der bewegendste Augenblick ist das Scheren der langen, geflochtenen, mit Wasser
und Milch eingeschmierten Haare durch die eigene Mutter. Damit gehört er nun zu der Altersgruppe der
Ilpaiyani, der Dorfältesten, es kommt der Zeitpunkt des Mitberatens und Mitregierens.
Endgültig zu dem Stand der Älteren gehört ein Massai nach der Olngesherr-Zeremonie. Diese Männer sind die
Weisen, die Heilkundigen, Ratgeber und Richter der Gemeinschaft. Sie sind stolze Wächter über Gesetze und
geistige Werte. Die Älteren erwarten Gehorsam und Respekt von seiten der Jungen. Andernfalls drohen
Strafen, die mit der Bezahlung von Honigbier oder einer jungen Kuh geahndet werden.
Die Massai sind keine "Wilden"
Wirkten in der Vergangenheit die Massai nach außen häufig als ein sehr kriegerisches Volk, als "Wilde", so
waren und sind sie jedoch in Wirklichkeit sehr viel zivilisierter als manche Demokratie von heute. Das Wohl
der Gemeinschaft war oberstes Ziel, nicht die Durchsetzung der Interessen eines einzelnen. Entscheidungen
werden gefällt auf Grund der Erfahrungen, des Wissens des Älterenstandes. Die Massai haben keinen
eigentlichen Führer außer dem Laibon, der als geistiger Führer, als Wahrsager, Heilkundiger, als Experte für
Rituale fungiert; er dient der ganzen Gemeinschaft, aber im besonderen den Kriegern, als Ratgeber.
Die Massai wissen, daß ihre traditionelle Lebensweise in einem modernen Staat wie Kenia ohne Anpassung an
die neue Zeit nicht überleben kann. Aber auch der Staat, auch der Tourismus muß ihnen eine Chance geben.
Die großen Camps und Lodges in den Nationalparks, mit denen der Staat gutes Geld verdient, bedeuten für die
Massai bisher meist nur verschmutztes Wasser, Abfallberge und nur ein geringes zusätzliches Einkommen
durch den Verkauf selbstgemachten Schmucks.
Positive Ansätze
Aber es gibt auch positive Ansätze von Tourismusprojekten, die diese Problematik erkannt haben und belegen,
daß es möglich ist, die Massai mit einzubeziehen. Ein Beispiel ist das Sekenani Camp, am Rande der Masai
Mara und damit außerhalb des staatlichen Hoheitsgebietes des Nationalparks im Landeigentum der Massai
gelegen. Dieses Camp der Luxusklasse wird geführt von einem Engländer und einem Franzosen, die an die
Massai eine jährliche Pacht und für jeden Übernachtungsgast eine Gebühr bezahlen. Gemeinsam mit 26 Massai
entscheiden sie über die Geschicke des Camps und über Möglichkeiten, die negativen Auswirkungen auf die
Umwelt so gering wie möglich zu halten. Zwischen 60 und 70 Massai finden so in ihrer faszinierenden Heimat
einen Arbeitsplatz und lernen damit auch die Spielregeln der modernen Welt.
Dem Touristen aber ergibt sich im Kontakt mit diesen Menschen die Möglichkeit, einen kleinen Einblick in
eine langsam vergehende Welt zu gewinnen.
Dr. med. Angelika Bischoff
Das Sekenani-Camp wird geführt auf der Basis eines Zehn-Jahres-Vertrages, den der Engländer
Nicholas Wood und der Franzose Jean-Marie Gabin - beide leben schon lange in Kenia - mit einer Gruppe von
Massai-Familien abgeschlossen haben. Die Konditionen werden jedes Jahr neu vereinbart, so daß weder die
beiden Pächter noch die Massai als Eigentümer etwa von Währungsschwankungen oder Angeboten großer
Hotels überboten werden können.
Aus den Einnahmen des Camps oder mit überschüssigem Material wird eine kleine Schule der Massai
unterstützt, die von Besuchern des Camps auch besichtigt werden kann. Zur Zeit wird geplant, mit Hilfe der
Wohnmöglichkeiten im Camp für die Massai in der Umgebung eine ärztliche, zahnärztliche und tierärztliche
Versorgung zu organisieren.
Besonderer Wert wird auf die Umweltverträglichkeit des Camps gelegt. Elektrizität gibt es nicht. Die 15 Zelte
und die Wege werden mit Petroleumlampen beleuchtet. Jedes Zelt hat seinen eigenen Abwassertank. Der
gesamte Abfall wird sortiert: Papier wird für die Warmwassererzeugung verbrannt, organische Abfälle werden
an die Ziegen verfüttert, Restmüll wird zur offiziellen Deponie der Stadt Narok gefahren.
Der Brennholzverbrauch ist drastisch reduziert worden. Heizgeräte für Duschen und Badewannen sind auf Gas
umgestellt, das traditionelle große Lagerfeuer wurde abgeschafft. Zusammen mit der Schule wird ein Wald
angepflanzt, der nach sieben Jahren das erste Brennholz liefern wird. Auf diese Weise sollen die Kinder mit
den Themen Dünger, Kompost, Bodenverbesserung vertraut werden.
Das ansonsten anspruchsvoll ausgestattete Camp liegt an einem Bacheinschnitt und ist völlig offen, so daß
nachts Tiere zum Trinken kommen können. Bei Dunkelheit werden die Gäste daher von einem Askari
begleitet, einem Massai mit Speer. Die Massai führen auch bei Wanderungen in der näheren Umgebung;
außerdem werden Safaris in kleinsten Gruppen angeboten.
Informationen: Martin Bischoff, Ruffiniallee 27, 82152 Planegg, Tel 0 89/8 59 66 31, Fax 85 12 25
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