

"Ich will Wale!" Mit diesem Verlangen stehe ich durchaus nicht allein. Auch andere Besucher des
südafrikanischen Küstenstädtchens Hermanus bestürmen die freundliche Dame im Informatsbüro: "Wo können
wir Wale sehen?" Auch der "Whale-Crier" läßt sich nicht ausmachen, jener professionelle Ausrufer, der
Besuchern der Stadt den jeweiligen Standort der Meeresriesen bekanntgibt. Allerdings nur während der
Monate September und Okober, wenn sowohl Wale wie Touristen an diesem Ende der Welt in größeren
Mengen auftreten. "Vielleicht morgen", tröstet mich der Aufseher im Museum, "heute ist die See zu rauh. Das
mögen die Wale nicht." Doch selbst wenn morgen der Ozean glatt wie ein Spiegel wäre, ich bin dann schon
nicht mehr in Hermanus.
Statt dessen sitze ich am nächsten Tag auf der Terrasse von Grootbos, einer Farm 39 km südöstlich von
Hermanus, die sich ihrer Vielfalt einheimischer Pflanzen, der endemischen Fynbos vor allem, rühmt. Beim
herrlichen Ausblick auf die Walker Bay kommt die Enttäuschung über die vergebliche Wal-Ausschau wieder
hoch: "Ich habe noch keinen einzigen Wal gesehen!" Michael Lutzeyer, der Besitzer der Farm, lächelt
nachsichtig. "Da unten springt gerade einer!" Und wirklich, keine 20 Meter vom Strand entfernt treibt einer
der so sehnlichst herbeigewünschten Riesen mit augenscheinlicher Lebensfreude morgendlichen Frühsport.
Elektrisiert springe ich auf. "Das hat keine Eile!", beruhigt mich Michael. "Du wirst noch mehr Wale sehen,
als du dir erträumt hast."
Der Mann weiß, wovon er redet. Am Fuß des Hügels, an dem die 124 Hektar große Farm liegt, döst das
Dörfchen De Kelders geruhsam vor sich hin. Hier gibt’s keinen "Whale-Crier", nicht mal ein Informationsbüro
- aber dafür jede Menge Wale. Fünf, zehn (in den Monaten September und Oktober können es oft noch mehr
sein) der von der Ausrottung bedrohten Säuger dümpeln im Wasser vor der schroffen Felsküste. Hat man
Glück, so hat sich einer von ihnen seinen Standort direkt unterhalb der Felsen gesucht, zum Greifen nah. Nah
genug auf jeden Fall, um die für diese Walart typischen hellen Hautwülste am Kopf genau erkennen zu können
- und den Gesang der Wale hören zu können (live, versteht sich). Es braucht aber immer ein bißchen Geduld,
um zu beobachten, wie ein Gigant in drei bis fünf mächtigen Sprüngen sein erkleckliches Gewicht
hochschnellt, wie er mit der Schwanzflosse schlägt und prustend ausatmet. Manchmal rollt er nur gemächlich
im Wasser umher und scheint dem Beobachter mit der Brustflosse zuzuwinken. Eine ungemein freundliche
Geste für eine Tierart, die wegen ihrer reichen Ausbeute an Tran bis auf geschätzte 4 000 bis 6 000 Exemplare
menschlichem Jagdeifer zum Opfer fiel. Erst ein internationales Schutzabkommen im Jahre 1935 machte dem
Abschlachten ein Ende.
Und sie bleiben treu! An der zum De Hoop Nature Reserve gehörenden Küstenregion kann ich auf einen Blick
gleich ein Dutzend der seltenen Meeresbewohner ausmachen - nicht greifbar nah, aber in herrlicher Ruhe im
tiefen Blau des Indischen Ozeans treibend.
Auch wenn gerade keine Wal-Akrobatik angesagt ist, bleibt der Anblick grandios. Zumal die Szenerie der
weiten, weißen Sanddünen und die stille Abgeschiedenheit der Landschaft den Eindruck verstärken. Die Wale
sind denn auch beileibe nicht die einzige Attraktion, die die Tour zum gut 100 km von Grootbos entfernten
Reservat rechtfertigen. 86 Säugetierarten, darunter das seltene Cape Mountain Zebra und der hübsch
gezeichnete Bontebok, 260 Vogelarten, zu denen sich im saisonalen Turnus eine große Anzahl von Zugvögeln
gesellt, eine Kolonie seltener Kap-Geier, Amphibien und Reptilien bevölkern den 36 000 Hektar großen Park,
dessen landschaftliches Bild weitgehend geprägt wird von der wechselnden Blütenpracht von 1 500 Spezies der
Fynbos, der endemischen Kap-Vegetation.
Doch allein der Weg hierher lohnt sich: afrikanische Weite, grün und sanft in den Monaten winterlicher
Regenfälle, erschlossen von guten Schotterstraßen, die immer auch Zeit lassen, landschaftliche Reize zu
genießen und die Straußenfamilie oder die Blauen Kraniche abseits der Straße wahrzunehmen.
Zeit sollte auch sein für einen Abstecher ans Cape Agulhas, den absolut südlichsten Punkt des afrikanischen
Kontinents. Auch wenn die von Felsnadeln gespickte Landzunge (Agulhas ist der portugiesische Begriff für
Nadeln) mit dem Kap der Guten Hoffnung weder in puncto Popularität noch in bezug auf spektakuläre
Landschaftsformationen mithalten kann: es ist doch der eigentliche Au-ßenposten in Richtung Antarktis und
der Treffpunkt des Atlantischen und Indischen Ozeans. Ein geographisches Highlight in der Stille des Abseits,
was nun auch wieder seinen speziellen Reiz hat.
Zurück in Grootbos inszeniert die Sonne einen ihrer ganz großen Abgänge. Der Himmel färbt sich in jeder nur
möglichen Rotschattierung, und im fernen Westen zeichnen sich die Erhebungen "des" Kaps ab, dessen
geglückte Umschiffung den Seeleuten über Jahrhunderte Anlaß zu guter Hoffnung schien - die sich nicht selten
an den Felsriffen entlang des östlichen Küstenverlaufs bis hin nach Agulhas als trügerisch erwies. Danger
Point, gute 10 km von Grootbos entfernt, erlangte als Schiffsfriedhof traurige Berühmtheit. Unvergessen blieb
bis heute der Untergang von HMS Birkenhead am 26. Februar 1852, bei dem 443 Menschen ihr Leben ließen.
Legendär auch die seemännische Mannhaftigkeit der Besatzung, der die Rettung der Frauen und Kinder zu
verdanken war - ein Stoff, aus dem Heldensagen gewoben werden.
Wie behaglich läßt sich von solchen vergangenen Katastrophen am Kaminfeuer auf der Farm erzählen, nach
dem Genuß eines köstlichen Snoek, im Gansbaai direkt vom Fischerboot erstanden, und bei einem Glas (meist
werden es mehrere!) südafrikanischen Weines. Auf Grootbos läßt sich eben gut erzählen und gut leben -
durchaus luxuriös, aber auch unprätentiös und vor allem naturnah. Nicht nur, daß alle Produkte, die auf den
Tisch kommen, selbst erzeugt werden, nicht nur, daß man die vielfältigen Fynbosarten und jahrhundertealte
Milkwoodbäume auf Spaziergängen, Ausritten zu Pferd oder Fahrten im Landrover kennenlernen kann, daß
man die Vielzahl der hier heimischen Vögel beobachten und belauschen kann, daß man, schon ins Kopfkissen
gekuschelt, die klare Weite des südlichen Sternenhimmels vor Augen hat, man "hat" schließlich auch Wale.
Elisabeth Petersen
Die Region Overberg bildet den südlichsten Zipfel Afrikas. Kapstadt liegt etwa 250 km vom Cape Agulhas
entfernt.
Reisezeit: ganzjährig (Tagestemperaturen im Südsommer: 12 bis 35 Grad, im Südwinter: 8 bis 28 Grad). Im
Südwinter ist gelegentlich mit Regenfällen zu rechnen.
Reservierungen: Grootbos Farm and Nature Reserve, P.O. Box 148, Gansbaai 7220, South Africa, Tel 0027/
28 34/4 03 81, oder aber durch Feria internationale Reisen, Frankfurter Ring 243, 80807 München, Tel 0 89/3
23 79-0, Fax 3 23 79-2 03 (-5 55).
Auskünfte: SATOUR South African Tourism
Board, An der Hauptwache 11, 60313 Frankfurt/M., Tel 0 69/92 91 29-0, Fax 28 09 50.
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