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MEDIZIN: Diskussion

Klinikpsychiatrie unter ökonomischem Druck: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2007; 104(11): A-730 / B-644 / C-620

Spießl, Hermann

Die Schlussfolgerung aus unserer Analyse der (kumulierten) Verweildauer und der Wiederaufnahmerate, dass eine weitere Verkürzung der Verweildauer pro Aufenthalt nicht sinnvoll sei, ergibt sich nicht nur aus der erhöhten Wiederaufnahmerate, sondern auch aus der Tatsache, dass psychiatrische Patienten in einem kränkeren Zustand als in den Vorjahren entlassen werden (müssen). Zudem haben wir auch festgestellt, dass Patienten in einem zunehmend kränkeren Zustand zur Aufnahme kommen, sodass die stationäre Aufnahme sicher in den letzten Jahren nicht weniger gerechtfertigt ist als früher.
Die Zuweisung erfolgt bei unserer Klientel zu circa 60 % durch niedergelassene Ärzte, circa 25 % der Aufnahmen erfolgen ohne ärztliche Einweisung auf Wunsch des Patienten (1). Der Grundsatz „Wenn ein Bett vorhanden ist, wird es auch gefüllt“ gilt somit nicht für die Klinikmitarbeiter, sondern weist auf eventuell weiterhin bestehende Defizite in der ambulanten und komplementären Versorgung hin.
Dass eine Versorgung mit weniger Betten möglich ist, zeigt – wie H. Schmidt-Endres richtigerweise bemerkt – der Blick über die Grenzen. Allerdings wurden gerade im „Vorreiterland“ England auch eine Reihe negativer Erfahrungen mit dem Bettenabbau gemacht. In diesem Zusammenhang sollte besonders die Arbeit von Munk-Jorgensen zu denken geben, die auf der Basis des Dänischen Psychiatrieregisters durch den Deinstitutionalisierungsprozess eine Zunahme der Suizide, der Zwangsmaßnahmen und der forensischen Patienten zeigte (2). Ein weiterer Bettenabbau in der Psychiatrie – über 50 % innerhalb von 30 Jahren – ist somit mit Vorsicht zu betreiben und muss von einem Ausbau der ambulanten Versorgung beziehungsweise einer besseren Vernetzung der ambulanten und stationären Behandlung begleitet sein.


PD Dr. med. Hermann Spießl
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie,
Psychosomatik und Psychotherapie
der Universität am Bezirksklinikum Regensburg
Universitätsstraße 84, 93053 Regensburg

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Spießl H, Hübner-Liebermann B, Cording C, Klein HE: Klinikmanagement und psychiatrische Basisdokumentation. Krankenhauspsychiatrie 2004; 15: 65–9.
2.
Munk-Jorgensen P: Has deinstutionalisation gone too far? Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 1999; 249: 136–43. MEDLINE

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