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SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Abusus

Dtsch Arztebl 2007; 104(13): [96] / [96] / [96]

Böhmeke, Thomas

Sie sind so willkommen wie ein Bänderriss beim Bungee-Jumping: die frechen Neffen. Diesmal überprüft der Jüngere den momentanen Tonus meiner ärztlichen Stimmungslage: „Onkel Thomas, ich habe in der Schule gelernt, dass Medikamente ziemlich kompliziert sind; wie kannst du denn dann was davon verstehen? Ich meine, hast du eigentlich eigene Erfahrung damit oder probierst du alles nur an deinen Patienten aus?!“ Ob dieser impertinenten Bemerkung eskaliert mein Blutdruck sofort über die doppelte Standardabweichung, daher sehe ich mich gezwungen, der Jugend eine Vorlesung über die Sozialisation des Arztberufes unter besonderer Berücksichtigung der speziellen Pharmakologie zu halten: Die ärztliche Ausbildung an sich befähigt im besonderen Ausmaß zum Umgang mit pharmakologisch aktiven Substanzen.
Bereits in den vorklinischen Semestern ist die Akquisition unendlicher Wissensmengen von A wie Anatomie bis Z wie Zytologie nur durch subtoxische Ingestion von 1,3,7-Trimethylxanthin möglich. Werden die akquirierten Datenmengen nach Ausfertigung von Testaten überflüssig, so ist es ratsam, überladene Speicherkapazitäten durch exogene Zufuhr von Ethanol zu eradizieren. Die unmittelbar daraus resultierenden Cephalgien könnten vorzugsweise mittels Acetylsalicylsäure supprimiert werden.
Da sich diese zyklisch ablaufenden Vorgänge über mindestens zwölf Semester erstrecken und sich demzufolge wiederholte Erschöpfungszustände einstellen, treten auch Selbsterfahrungen mit Amphetaminen auf; Letztere wurden schon 1937 von Studenten der Universität in Minnesota zwecks Permanentlernens eingesetzt.
Im Verlauf des Assistentenlebens wird versucht, die Störung der Tag-Nacht-Rhythmik infolge von Nacht- oder Schichtdiensten mittels exogener Zufuhr hoch dosierten Melatonins zu überlisten. Daraus resultierende Einschlafprobleme können mittels Benzodiazepinen gelöst werden. Muskelschmerzen aufgrund stundenlangen Verharrens in physiologisch ungünstigen Positionen aufgrund tagelangen Hakenhaltens während operativer Tätigkeiten werden erfolgreich mit nichtsteroidalen Antirheumatika therapiert. Daraus resultierende Magenprobleme können durch Histamin-Rezeptorenblocker, im Fall der Refraktärität durch Protonenpumpeninhibitoren in Schach gehalten werden.
Hat man nun seine klinische Karriere bis zum Niedergelassenendasein durchkämpft, so kann man die Bedrohung der Arbeitsfähigkeit durch sich automatisch einstellende sekundäre Depressionen aufgrund des allgegenwärtigen Bürokratiewahns durch Einsatz von selektiven Serotonin-Reuptake-Inhibitoren . . .
„Boh ey, Onkel Thomas, da bin ich aber beeindruckt, hast du das alles schon ausprobiert?“ ICH doch nicht! Ich bin rein und naturbelassen, nehme doch keine Medikamente! Ärzte bekommen schließlich weder Krankheiten noch Nebenwirkungen. „Also hast du das Zeug doch eingeworfen . . . igitt . . . du bist ja die reinste Giftmülldeponie!“
Diese furchtbaren Neffen, die machen mich immer ganz irre . . . ich krieg’ schon wieder Kopfschmerzen . . . schlimmer noch, Migräne . . . wo sind denn die Triptane . . . und mein Ibuprofen . . . und die Acetylsalicylsäure . . .

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener
Kardiologe in Gladbeck.
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