POLITIK

Organspenden: Schweigen ist Silber, reden ist Gold

Dtsch Arztebl 2007; 104(18): A-1208 / B-1076 / C-1028

Blöß, Timo

Der Nationale Ethikrat will, dass alle Deutschen erklären, ob sie bereit sind, nach dem Tod ihre Organe zu spenden. Äußern sie sich nicht, soll das als Zustimmung gelten.

Der Befund ist einfach wie erschreckend: Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen an akutem „Organspende-Versagen“. Rund 12 000 Patienten stehen hierzulande auf den Wartelisten für ein neues Organ, in der Hoffnung, ihre Lebenszeit verlängern und ihre Lebensqualität verbessern zu können. Doch nur bei einem Bruchteil geht dieser Wunsch in Erfüllung, wie ein Blick ins vergangene Jahr zeigt: 2006 wurden lediglich 4 500 Organe gespendet. Das Absurde dabei ist: In Umfragen erklären sich rund zwei Drittel der Deutschen grundsätzlich bereit, ihre Organe nach dem Tod zur Verfügung zu stellen. Aber nur zwölf Prozent verfügen über einen dafür notwendigen Spenderausweis. Beim Nationalen Ethikrat (NER) erklärt man die Diskrepanz damit, dass sich kaum jemand mit dem Thema „Tod“ befassen wolle. Der NER hat deswegen einen Vorschlag gemacht, wie sich die Zahl der Organspenden vor diesem Hintergrund erhöhen ließe: Alle Bürger sollen erklären, ob sie bereit sind, ihre Organe im Todesfall zur Verfügung zu stellen. Nach dem Motto: „Schweigen ist Silber, reden ist Gold“ solle ein „Nichtäußern“ ebenfalls als Zustimmung gelten.
Gegen die Selbstbestimmung
Bisher gilt nach dem Transplantationsgesetz von 1997 die „erweiterte Zustimmungsregelung“. Verstorbene müssen danach zu Lebzeiten ausdrücklich einer Entnahme zugestimmt haben. Ist dies nicht der Fall, können die Angehörigen im Sinne des Verstorbenen entscheiden.
Die Hoffnung, dass diese Regelung zu mehr Spenden führen würde, habe sich nicht erfüllt, so die Vorsitzende des NER, Kristiane Weber-Hassemer. Darum solle der Staat – etwa beim Ausstellen der Gesundheitskarte oder des Führerscheins – alle Bürger zu einer Erklärung auffordern. Sollten die Befragten nicht widersprechen und auch die Angehörigen im Todesfall keine Einwände haben, wäre eine Transplantation erlaubt.
„Wir halten die Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts in diesem Fall für vertretbar“, sagt Prof. Dr. Jochen Taupitz, Mitglied des NER. Schließlich würden so Menschenleben gerettet. Anders sieht man das in der Politik. Im Bundestag reagieren die Fraktionen ablehnend auf den Vorstoß. Für die Grünen stellt dieser einen „Anschlag“ auf das Selbstbestimmungsrecht dar. Der Mensch dürfe „über den Tod hinaus nicht zum Objekt gemacht werden“, sagt der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Volker Kauder. Wer bei ethischen Fragen die Freiheit als oberstes Gebot der Menschenwürde zugrunde lege, müsse damit leben, „dass jemand sich ausdrücklich nicht entscheidet“. Ähnlich sieht das der ehemalige Vorsitzende der Bundestagsenquetekommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“, René Röspel (SPD). Seines Erachtens bedürfe es keiner Neuregelung. „Der Vollzug der bestehenden Regelung ist defizitär.“ Vielmehr müsse man die Einrichtung von Transplantationsbeauftragten in den Kliniken vorantreiben und die Menschen stärker vom Sinn der Organspende überzeugen. n
Timo Blöß

Die Stellungnahme des Ethikrats im Internet: www.aerzteblatt.de/plus1807
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