THEMEN DER ZEIT

Das Porträt: Karl-Heinz Bomberg, Arzt und Liedermacher – Singen zum Überleben

PP 6, Ausgabe Juni 2007, Seite 265

Bühring, Petra

Bombergs Protestlieder verloren nach der Wende ihren Grund. Heute singt er Chansons. Foto: privat
Die Geschehnisse aus DDR-Zeiten haben immer noch Einfluss – auf seine Arbeit als Psychoanalytiker und auf seine Kunst.

Das Liedermachen und die Arbeit als Psychoanalytiker befruchten sich gegenseitig. Während er in der Analyse dem Patienten zuhört, wird ihm bei seinen Auftritten zugehört. „Das tut gut, um aufzutanken, Bestätigung und Spiegelung zu erfahren“, sagt Dr. med. Karl-Heinz Bomberg mit leicht sächselnder Klangfärbung. Nachdenklich spricht er und fokussiert dabei meist einen Punkt auf dem Boden, die Hände gefaltet. Heute tritt der 51-Jährige nur noch etwa 15-mal im Jahr auf. Bei den Lindauer Psychotherapiewochen beispielsweise in einer Kirche, so wie früher in der DDR, als er mit seinen kritischen Liedern mehr als 50-mal jährlich vor friedensbewegten ostdeutschen Kirchengemeinden spielte. Es waren „Überlebenssongs, um mit der Realität klarzukommen“, sagt Bomberg. Seine Kritik am real existierenden Sozialismus musste er loswerden – mit allen Konsequenzen.
Etwas trieb ihn an
Der Psychoanalytiker ist kein eitler Mensch. Eher bescheiden wirkt er in seinem anthrazitfarbenen Hemd, oft gewaschen schon, dazu eine graue Hose und Birkenstocksandalen. Er braucht nicht viel Raum, das kleine Arbeitszimmer im Erdgeschoss seines Hauses reicht aus. Für Therapiegruppen steht ein großes Zimmer zur Verfügung. Trotz aller Bescheidenheit, etwas trieb ihn 1984 an, ein Band mit seinen Liedern an jemanden zu geben, der Kontakt zu jemandem aus dem Westen hatte, und zwar zum Bayerischen Rundfunk. „Ein Stück Narzissmus“ sagt Bomberg im Rückblick. Offiziell war ihm im Auftrag der Staatssicherheit zwei Jahre zuvor Spielverbot auferlegt und der „operative Vorgang ,Sänger‘“ angelegt worden. Doch er spielte in Kirchen weiter, „das war eine Art Subkultur“, sagt er, gewohnt daran, die DDR-Welt für Westdeutsche zu erklären. „Viele regimekritische Liedermacher und Schriftsteller fanden dort eine Öffentlichkeit“, fügt er hinzu und listet ein wenig wehmütig eine Reihe berühmter Namen auf. Die Bekannte, der das Band übergeben wurde, war dummerweise IM, inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ wurde er verhaftet, während der Arbeit auf der chirurgischen Station einer Klinik, wo er als Facharzt für Anästhesie tätig war. Er untersuchte gerade einen Patienten, als er in die „Kaderabteilung“ (Personalabteilung) gerufen wurde – daran erinnert er sich sehr detailliert. Der Personalleiterin war die Verhaftung peinlich, und Bomberg weiß bis heute nicht, warum – „weil er so jemand war“ oder weil sie ihn ausliefern musste. Die Atmosphäre des Misstrauens und der Denunzierung wird spürbar.
Die Stasi brachte ihn nach Pankow ins Untersuchungsgefängnis Kissingenstraße. „Eine schmerzhafte Erfahrung, die auch etwas Schamhaftes hat“, sagt der Psychoanalytiker. „Man kann schlecht darüber berichten“, fügt er stockend hinzu. Vorwürfe habe er sich gemacht, sich selbst und auch seine Familie nicht genügend geschützt zu haben, zu weit gegangen zu sein. Er wusste nicht, wie lange er eingesperrt sein würde. Eine Zeit, die seine Ehefrau Brunhild und seine beiden damals kleinen Kinder Hagen und Luise auch finanziell nur mithilfe von Freunden überstanden. Die Klinik stellte die Gehaltszahlungen ein. „Der DDR-Fürsorgestaat war an dieser Stelle abstinent“, meint er sarkastisch. Seine Frau habe sich dann „behutsam gewehrt“ und Unterstützung bei befreundeten Kirchenleuten und prominenten Freunden gefunden. Nach drei Monaten wird Bomberg freigelassen, verurteilt zwar, aber die Haftstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt.
Fünf Jahre später fiel die Mauer. War er froh? Wer ein uneingeschränktes Ja erwartet, wird enttäuscht. „Die Wende habe ich begrüßt, wenngleich es auch Nachteile gab“, sagt Bomberg. „Ich hatte als Liedermacher bei Weitem nicht mehr die Bedeutung.“ Er musste sich neu positionieren, Protestlieder verloren ihren Grund. Begrüßt hat er die lang vermisste „Kommunikations- und Reisefreiheit“ – und weidlich genutzt: Reisen in Europa, nach Neuseeland, China und Peru hat er mit seiner Frau unternommen. Vieles steht noch auf dem Programm.
Positiv beurteilt Bomberg auch die Aufwertung des Arztberufs nach der Wende: „Es war viel mehr möglich.“ 1992 schloss er die Weiterbildung zum Facharzt für Psychotherapie ab, den man in der DDR nur als zweiten Facharzt machen konnte. Ein Jahr später lässt er sich in eigener Praxis im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg nieder. „Das war auf jeden Fall ein Gewinn.“ Bomberg beginnt eine psychoanalytische Ausbildung, weil er noch mehr wissen will über Beziehungen, steuernde Fantasien und über die Wirkung des Unbewussten. Seit mehreren Jahren arbeitet er als Dozent, Lehrtherapeut und seit 2006 auch als stellvertretender Vorsitzender an einem Berliner psychoanalytischen Institut. Das sei ihm wichtig, die sozialen Kontakte dort, aber „man muss seine Energien gut dosieren“, damit es nicht zu viel werde.
Herantasten an das Trauma
Gelegentlich hat der Psychoanalytiker mit Patienten zu tun, die auch Opfer politischer Verfolgung geworden sind. Viele sind es nicht, und Bomberg vermutet, dass die meisten Betroffenen hoffen, über die politische Anerkennung des Erlittenen rehabilitiert zu werden – Therapie steht erst an zweiter Stelle. Die meisten kommen auch zunächst wegen einer Depression oder einer Angsterkrankung, bis man sich in der Therapie an die Traumatisierung herantastet. Ist er für ehemalige Stasi-Opfer der bessere Therapeut aufgrund seiner Erfahrungen? Zunächst einmal brauche es Kompetenz, Wissen um das, was in der DDR ge-schah, sagt Bomberg. „Das kann man sich auch aneignen.“ Wichtig sei aber vor allem der emotionale Abstand zu dem Selbsterlebten. „Man muss sich prüfen, durch Supervision und Selbsterfahrung.“ Bei ihm sei der emotionale Abstand gewachsen, sagt er vorsichtig.
Heute singt Karl-Heinz Bomberg mit seiner spröden Stimme in erster Linie poetische Chansons, thematisiert „Zwischenmenschliches“. Er wünscht sich, dass das Politische in seiner Kunst wieder mehr Raum einnehme, hat den alten Traum nach „mehr Toleranz und aufrechtem Gang“ noch nicht aufgegeben. Wie es weitergeht, sagt er im „Neualten Lied“: „Springe durch Hecken und reiße mich wund. Will nicht verstecken die Stimme, den Mund. Gehe, umgreife die Früchte am Baum. Welke und reife am Wirklichkeitstraum.“
Petra Bühring
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