POLITIK

2. Ärzteblatt-Wortwechsel: Junge Ärzte wollen planen können

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): A-1879 / B-1659 / C-1595

Hibbeler, Birgit

Fotos: Georg J. Lopata
Immer mehr Ärztinnen und Ärzte wandern ins Ausland ab. Eine strukturierte Weiterbildung und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben könnten das verhindern, lautet das Fazit des Ärzteblatt-Wortwechsels in Berlin.

Als Dr. med. Frank Rissel vor sechs Jahren seine Koffer packte und nach Schweden auswanderte, war Ärztemangel in Deutschland noch kein Thema. Im Gegenteil: Rissel hatte große Schwierigkeiten, eine geeignete Assistentenstelle in der Chirurgie zu finden, die er für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner dringend brauchte. Grund genug, Berlin zu verlassen und ins Ausland zu gehen. Bereut hat er diese Entscheidung nie. Denn im südschwedischen Norrköping hat er geregelte Arbeitszeiten und Zeit für sein Privatleben. Überstunden werden bezahlt. „Außerdem habe ich gesehen, wie gut die Ausbildung in Schweden ist. Ich hatte eine ganz strukturierte Weiterbildung“, berichtete Rissel bei der Podiumsdiskussion „Deutschland ohne Ärzte?“ Mitte Juni in Berlin, die in der Reihe Ärzteblatt-Wortwechsel stattfand. In Schweden hat jeder Weiterbildungsassistent einen Mentor. Was ein Arzt an Forschung und Lehre zu leisten hat, ist im Arbeitsvertrag genau festgelegt. Eine Rückkehr nach Deutschland? Die komme für den Allgemeinarzt überhaupt nicht infrage, wie er auf Nachfrage der Moderatorin, DÄ-Redakteurin Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann, versicherte. In Schweden sei er rundum zufrieden.
Wie Rissel haben etwa 12 000 Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen Jahren Deutschland verlassen. Viele kommen nie zurück. Denn in Skandinavien, Großbritannien und in der Schweiz ist das Realität, was hierzulande vielfach ein frommer Wunsch bleibt: Leben und Arbeiten ist zumindest einigermaßen planbar. „Die meisten Ärzte wollen ihre Arbeit machen, davon anständig leben und planen können“, sagte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes (MB) und Vizepräsident der Bundesärztekammer. Montgomery sieht die Arbeitgeber in der Pflicht, endlich bessere Rahmenbedingungen für die ärztliche Tätigkeit zu schaffen. Die Krankenhäuser müssten endlich die Mitarbeiter als ihr wichtigstes Gut begreifen.
Mobilität darf keine Einbahnstraße bleiben
Im Prinzip sei nichts dagegen einzuwenden, wenn deutsche Ärzte im Ausland arbeiteten. Der europäische Arbeitsmarkt biete große Chancen. Daran bestehe für den MB-Chef kein Zweifel. Doch er sieht ein großes Problem: „Die Deutschen arbeiten gerne im Ausland, aber die Ärzte aus anderen Ländern nicht bei uns.“ Die Gründe dafür seien vielfältig, betonte Montgomery: „Wir haben eine Trias von Problemen: Vergütung, Arbeitszeit und Hierarchien im Krankenhaus. Da müssen wir ansetzen.“
Die Mobilität auf dem internationalen Arbeitsmarkt wird für Deutschland immer mehr zur Einbahnstraße. Was also ist zu tun? „Wir können nicht die Attraktivität des Auslands mindern. Wir müssen die Attraktivität des Arztberufs in Deutschland steigern“, forderte Maurice Dantes von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Während die große Mehrheit der Mediziner im Studium noch hoch motiviert sei, werde der Berufseinstieg für viele zum Dämpfer. Unbezahlte Überstunden, ungeregelte Arbeitszeiten und eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielten dabei eine wichtige Rolle. Ebenso sei die Hierarchie in deutschen Krankenhäusern für die jungen Ärzte abschreckend. Viele wanderten dann ernüchtert ins Ausland, aber auch in alternative Berufsfelder ab.
Die Fehler, die heute im stationären Bereich gemacht würden, hätten weitreichende Auswirkungen, ergänzte Montgomery. Denn der Nachwuchs fehle später in den Praxen.
Diese Entwicklung im niedergelassenen Bereich ist bereits heute deutlich spürbar. Sowohl bei den Haus- als auch bei den Fachärzten sei eine Überalterung festzustellen. Das berichtete Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Schon jetzt sei mancherorts die Flächenversorgung schwierig, aber sogar im „Speckgürtel“ um Berlin gebe es freie Kassenarztsitze. Insofern biete die Überalterung der Ärzteschaft dem Nachwuchs große Chancen. „Wer bereit ist, sich an unattraktiven Standorten niederzulassen, dem wird heute ein roter Teppich ausgerollt und der hat auch gute Verdienstmöglichkeiten“, sagte der KBV-Chef.
Ganz neue Möglichkeiten eröffnen sich Köhler zufolge mit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VändG). Die Arbeit im niedergelassenen Bereich werde flexibler und damit attraktiver – gerade auch für junge Mediziner. Ärzte könnten künftig beispielsweise gleichzeitig in einer Praxis und im Krankenhaus arbeiten und einfacher als Angestellte in Praxen tätig sein. Gleichwohl räumte Köhler ein, die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) müssten die Beratung von Niederlassungswilligen verbessern. „Da haben wir noch Defizite“, erklärte Köhler.
Selbstkritische Töne schlug der KBV-Vorstandsvorsitzende auch bezüglich der ärztlichen Selbstverwaltung an. Nicht nur bei den Kassenärzten, sondern auch bei den Mandatsträgern in Kammern und KVen stelle er eine Überalterung fest. Manche Funktionäre könnten die Schwierigkeiten junger Kollegen gar nicht nachvollziehen. Mehr junge Ärztinnen und Ärzte müssten für eine Mitarbeit in Entscheidungsgremien gewonnen werden.
Ohne Ärztinnen geht es nicht
v.l. Maurice Dantes, Frank Rissel, Andreas Köhler, Marion Kiechle-Bahat, Frank Ulrich Montgomery
Wer über Ärztemangel redet, muss vor allem die Medizinerinnen im Blick haben. Immerhin sind mittlerweile mehr als die Hälfte der Berufsanfänger weiblich. Gerade Ärztinnen fällt die Karriere jedoch nach wie vor nicht einfach so zu. Umso wichtiger sei es, dass Frauen ihre berufliche Laufbahn genau planen, wie Prof. Dr. med. Marion Kiechle-Bahat, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, erläuterte. „Wer als Bewerber oder Bewerberin einen festen Plan von seinem Berufsweg hat, ist fast schon engagiert“, sagte die Ordinaria. Kiechle-Bahat plädierte außerdem dafür, Frauen stärker zu fördern, etwa mit Mentoring-Programmen.
Obwohl Umfragen zeigen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur ein „Frauenthema“ ist, sondern auch für Medizinstudenten und junge Ärzte eine Rolle spielt: Ein Kind ist in der Regel immer noch mit einem Karriereknick für die Frau verbunden. „Die meisten Krankenhäuser haben aber nach wie vor keine Kinderbetreuung“, kritisierte Kiechle-Bahat. Für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie seien darüber hinaus flexible Arbeitszeitmodelle unerlässlich. „Man muss alte Traditionen aufbrechen“, verlangte Dr. med. Esther Gaertner, Oberärztin in Teilzeit am Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Muss ein Arzt umso länger im Krankenhaus präsent sein, je mehr Verantwortung er trägt?
Diese Frage beantwortet die Gynäkologin mit einem eindeutigen Nein. Auch für männliche Kollegen sind ihrer Meinung nach flexible Beschäftigungsmodelle eine interessante Option, sie werden immer stärker genutzt. Dass Teilzeitarbeit auch im ambulanten Bereich attraktiv sei, verdeutlichte Dr. med. Margrit Lock. Sie hat sich mit zwei Kollegen in Berlin niedergelassen. Zu dritt teilten sie sich zwei Kassenarztsitze. Die Orthopädin arbeitet halbtags. Locks Tipp für junge Ärztinnen und Ärzte, die Familie und Beruf vereinbaren wollen: „Netzwerke bilden – beruflich und privat“.
Baustelle Weiterbildung
„Die Krankenhäuser müssen stärker auf die Frauen achten. Sie dürfen nicht 50 Prozent der Bewerber ignorieren“, sagte auch Arbeitsmarktexperte Dr. Wolfgang Martin. Eine weitere große Baustelle ist aber für ihn die ärztliche Weiterbildung. Die Nachfrage nach Fachärzten sei schon jetzt nicht zu decken. Die Krankenhäuser müssten deshalb im eigenen Interesse aktiv werden und in die Weiterbildung investieren, um junge Ärzte qualifiziert und strukturiert auszubilden. Die Möglichkeit, den Ärztemangel in Deutschland durch Zuzug, etwa osteuropäischer Mediziner, auszugleichen, hält er für begrenzt: „Das ist keine Möglichkeit, dem Ärztemangel Herr zu werden.“ Seine Prognose: „Der Nachwuchsmangel wird kein vorübergehendes Problem sein.“ Umso wichtiger ist es also, das schnell etwas passiert.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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