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MEDIEN

Verführerische Leichen – verbotener Verfall. „Körperwelten“ als gesellschaftliches Schlüsselereignis. Perspektiven Politischer Psychologie

Dtsch Arztebl 2007; 104(38): A-2574 / B-2273 / C-2205

Fonseca, Liselotte Hermes da; Kliche, Thomas

Plastinationsverfahren: Kritisch bis ablehnend

Der von zwei Hamburger Psychologen herausgegebene Band befasst sich in 18 von Sozial- und Kulturwissenschaftlern, Historikern, Theologen, Psychologen, Politologen, Ethnologen, Literatur- und Kommunikationswissenschaftlern verfassten Beiträgen mit der seit 1997 um den Globus reisenden Ausstellung „Körperwelten“ des Heidelberger Anatomen Gunther von Hagens. Die durchweg kritisch bis ablehnend eingestellten Autoren gehen den wissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Implikationen des Plastinationsverfahrens nach und analysieren die hierbei maßgeblichen gesellschaftlichen Einflüsse. So (re)konstruieren sie im Zusammenhang mit der „Bewirtschaftung der Leichen“ Definitionsverschiebungen von Leben, Tod, Körper, Seele, Person, Individualität und Menschenwürde. Sie verweisen darauf, dass die Inszenierungen der „Körperwelten“ auf existenzielle Gefühle, Erfahrungen und Hoffnungen zugriffen und neue – nach Meinung mehrerer Autoren offenbar illegitime – Interpretationsräume eröffneten.
Es verwundert etwas, dass ausgerechnet einige der von sozialkonstruktivistischen Ansätzen aus den 70er- und 80er-Jahren geprägten Verfasser gleichwohl eher konventionelle, nicht relativistische Moralvorstellungen artikulieren, die sie aber ihrerseits weder selbstkritisch reflektieren noch gar ethisch begründen. Die aus Leichen hergestellten Plastinate erscheinen in diesem Buch kaum noch als anatomische Bildungsobjekte, sondern vielmehr als am Fließband produzierte, (ver)käufliche Konsumartikel eines „globalen Privatkonzerns“.
Für die – in einigen Texten regelrecht sinnentstellend zitierten – Befürworter wie für die intellektuellen Gegner der Ausstellung „Körperwelten“ ist der Band gleichwohl lesenswert, dokumentiert er doch eindrucksvoll jenen breiten wissenschaftlichen Diskurs, der sich seit 1997 rund um die Arbeit des in vielfacher Hinsicht provozierenden Gunther von Hagens entwickelt hat. Selten sind Natur- und Kulturwissenschaften während der letzten Jahre international in einen so intensiven und fruchtbaren Dialog geraten wie gerade durch die öffentliche Präsentation der plastinierten Leichen. Axel W. Bauer

Liselotte Hermes da Fonseca, Thomas Kliche (Hrsg.): Verführerische Leichen – verbotener Verfall. „Körperwelten“ als gesellschaftliches Schlüsselereignis. Perspektiven Politischer Psychologie, Bd. 1. Pabst Science Publishers, Lengerich u. a., 2006, 448 Seiten, kartoniert,
30 Euro
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