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BÜCHER

Jugendliche Sexualstraftäter

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 529

Wolff-Dietz, Ingrid

Jugendliche Sexualstraftäter: Literaturaufarbeitung – mit Einschränkungen

Jugendliche Sexualstraftäter sind immer dann ein Thema in der öffentlichen Diskussion, wenn wieder einmal ein Kind grausam sexuelle Gewalt durch einen Minderjährigen erlitt. Derartige Medienkampagnen sind naturgemäß weniger von fachlicher Information als vielmehr von gefühlsgeleiteten, reflexartig reproduzierten Überzeugungen bestimmt. Eine Monografie, die sich zum Ziel gesetzt hat, die vorhandene Literatur über jugendliche Sexualstraftäter aufzuarbeiten und zusammenfassend darzustellen, ist daher als wichtiger Baustein zu einer Versachlichung der Diskussion zu begrüßen.
Die Autorin hat in großer Breite die einschlägige Literatur auch aus teilweise entlegenen Quellen zusammengestellt. Allerdings fehlt leider eine Reihe wichtiger vor allem deutschsprachiger Arbeiten aus neuerer Zeit. Fast die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit der Bedeutung der Bindungstheorie für die Entwicklung jugendlicher Sexualstraftäter, weitere Kapitel sind unter anderem der Persönlichkeit, den Zusammenhängen zwischen Opfererleben und späterer Täterschaft, weiteren ätiologischen Faktoren sowie der Therapie und Prävention gewidmet.
Das Buch geht aus einer psychologischen Diplomarbeit hervor, die allerdings dringend einer gründlichen und fachkundigen Überarbeitung bedurft hätte. Positiv zu vermerken ist, dass durchgängig auf die Komplexität der Problematik hingewiesen und einfachen Patentrezepten eine Absage erteilt wird. Leider ist die Darstellung jedoch oft wenig strukturiert, Wiederholungen sind häufig. Verschiedentlich werden aus sehr allgemeinen Befunden, beispielsweise im Zusammenhang mit der Bindungstheorie, weitreichende Schlussfolgerungen, die durch die Arbeiten nicht belegt sind.
Ein gravierender Mangel ist darin zu sehen, dass die Autorin zutreffend verschiedene Befunde zu Entwicklung, Persönlichkeit und familiärem Umfeld von Straftätern darstellt, aber nicht erkennbar wird, welche Befunde spezifische Unterschiede zu anderen Tätern markieren. Auch wird die Tatsache, dass es sich um ein extrem heterogenes Kollektiv handelt, zwar erwähnt, aber nicht berücksichtigt. Die zitierten Studien werden meist nur hinsichtlich ihrer Ergebnisse referiert, fast nie jedoch so vermittelt, dass sich der Leser ein Bild von Auswahlkriterien, Probandenzahl, Einschränkungen machen oder gar die Methodik nachvollziehen kann. So entsteht der Eindruck, dass manche der Publikationen eher als Zitatenquelle benutzt, anstatt in ihren Kernaspekten in den entsprechenden Kapiteln dargestellt und diskutiert zu werden.
Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht akzeptabel ist die Tendenz der Autorin, am Ende von Abschnitten ihre persönliche Meinung kundzutun, die öfters nicht ganz durch die Literatur abgesichert erscheint und aufgrund der fehlenden klinischen Erfahrung zum Teil theoretisierend und bemüht wirkt. Eine klinisch brauchbare deutschsprachige Monografie zum Thema bleibt also weiterhin leider ein Desiderat. Michael Günter

Ingrid Wolff-Dietz: Jugendliche Sexualstraftäter. Pabst Science Publishers, Lengerich u. a., 2007, 268 Seiten, 20 Euro
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