POLITIK

Schul- und Komplementärmedizin: Miteinander statt nebeneinander

Dtsch Arztebl 2007; 104(46): A-3148 / B-2770 / C-2672

Spielberg, Petra

Mehr als 150 Millionen Europäer schwören auf alternative Heilmethoden. In der staatlichen Gesundheitsversorgung spielt die „sanfte“ Medizin jedoch noch immer eine untergeordnete Rolle.

Komplementäre und alternative Heilmethoden (CAM) werden bei den Deutschen immer beliebter. Griff 1970 gerade einmal ein Drittel der Bevölkerung auf unkonventionelle Behandlungsverfahren und Produkte zurück, tun dies mittlerweile knapp 60 Prozent.
Beliebt sind CAM vor allem bei Rücken- oder Kopfschmerzen, Erkältungen, Magen- und Darmbeschwerden sowie Allergien. Zahlreiche Patienten suchen aber auch bei Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder rheumatischen Erkrankungen Heil in der „sanften“ Medizin.
Dialog für Pluralismus n der Medizin
Entsprechend hoch sind die Umsätze, die Anbieter von CAM machen. Rund neun Milliarden Euro geben die Deutschen pro Jahr für nicht schulmedizinsche Verfahren aus. Fünf Milliarden Euro davon zahlen die Patienten aus eigener Tasche. Vier Milliarden Euro erstatten die Krankenkassen. 40 000 Ärzte bieten entsprechende Therapien an. „Viele Patienten müssen sich häufig zwischen konventionellen Behandlungen und CAM entscheiden“, so Professor Stefan Willich von der Berliner Charité auf einem internationalen Forum in Brüssel. Bei dem Treffen diskutierten 125 Gesundheitsexperten aus 15 Ländern darüber, wie sich das Zusammenwirken von Schulmedizin und CAM in Europa fördern lässt.
Denn komplementär- und alternativmedizinische Richtungen kämpfen nicht nur in Deutschland um Anerkennung. Fast überall in der Europäischen Union (EU) werden CAM mangels wissenschaftlicher Beweise nicht ausreichend ernst genommen. Die Folge: Nur in wenigen EU-Ländern sind alternative und ergänzende Heilmethoden Teil der staatlichen Gesundheitsversorgung.
„Medizin ist jedoch mehr als nur eine reine Naturwissenschaft“, machte der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, in Brüssel deutlich. Die strikte Trennung zwischen Schulmedizin und CAM aufzuheben, ist daher das Ziel eines von Willich und Hoppe initiierten europäischen „Dialogs für Pluralismus in der Medizin“.
Immerhin vertrauen inzwischen weit über 150 Millionen Europäer komplementären und alternativmedizinischen Richtungen. Beliebt sind vor allem Akupunktur, Naturheilkunde, Homöopathie und Chiropraktik. EU-weit bieten rund 150 000 Ärzte entsprechende Verfahren an. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern hinsichtlich der Integration der Verfahren in die schulmedizinische Praxis.
Als Vorbild gilt Italien. In der Toskana beispielsweise gelten Akupunktur, Pflanzenheilkunde, Homöopathie und die sogenannte manuelle Medizin als anerkannte Heilverfahren, die wissenschaftlichen Prüfungen ausreichend standhielten, so Dr. Elio Rossi, Berater des toskanischen Gesundheitsministeriums. Sie sind somit Teil der regionalen Gesundheitsversorgung.
Hiervon sind die skandinavischen Länder noch weit entfernt. Zwar befürworten beispielsweise rund 70 Prozent der schwedischen Bevölkerung CAM. Auch verfügt das Land über die bislang einzige anthroposophische Klinik in ganz Skandinavien. Dennoch sind CAM in Schweden nicht als staatliche Gesundheitsleistungen anerkannt. Ähnlich sieht es in Großbritannien aus. Auch der staatliche britische Gesundheitsdienst (NHS) setzt nach wie vor vornehmlich auf konventionelle medizinische Heilmethoden. „Viele Ärzte, die alternative Heilmethoden anbieten, sind zudem offiziell überhaupt nicht registriert“, so der Medizinische Direktor des Royal London Homoeopathic Hospital (RLHH), Dr. Peter Fisher.
Das RLHH ist jedoch zugleich der Beweis, dass sich der NHS allmählich den unterschiedlichen medizinischen Richtungen öffnet. So behandeln die Ärzte des RLHH Krankheitsbilder wie Allergien, Krebs, das chronische Müdigkeitssyndrom, rheumatologische Beschwerden und Depressionen mit einer Kombination aus schulmedizinischen und ergänzenden Verfahren. Zahlreiche Betten sind dabei NHS-Patienten vorbehalten. Insgesamt jedoch müssen britische Patienten CAM immer noch überwiegend aus eigener Tasche bezahlen.
Qualitätsmanagement gefordert
Auch in Frankreich decken die gesetzlichen Versicherungen nur gut ein Drittel aller CAM-Verschreibungen ab. Gleichwohl sind homöopathische und naturheilkundliche Diagnose- und Therapieverfahren sowie die Akupunktur bereits fester Bestandteil der Medizinerausbildung.
Den Schlüssel für eine flächendeckende Integration von Schulmedizin und CAM sieht Dr. Claudia Witt vom Berliner Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitswirtschaft in einem umfassenden Qualitätsmanagement. Nur so könne sichergestellt werden, dass Patienten überall in der EU auf ein breites Angebot an gesicherten und effektiven Versorgungsmöglichkeiten zugreifen können.
Petra Spielberg
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