POLITIK

Palliativmedizin: Den Sterbewillen in einen Lebenswillen ändern

Dtsch Arztebl 2007; 104(48): A-3306 / B-2907 / C-2807

Klinkhammer, Gisela

In einem gemeinsamen Projekt versuchen Palliativmediziner, die Vorstellungen von Patienten zu Patientenverfügungen, Sterbewunsch und aktiver Sterbehilfe zu ermitteln.

In den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen zulässig. Wenige Kilometer weiter, in Aachen, müssen sich die Ärzte des dortigen Universitätsklinikums nicht selten mit der Frage auseinandersetzen: Warum ist im Nachbarland Sterbehilfe erlaubt und hier nicht? Vor allem Patienten mit terminalen Erkrankungen äußerten auch schon mal den Wunsch, „so nicht mehr länger weiterleben zu wollen“. Doch aktive Euthanasie ist im Versorgungsangebot der Palliativmedizin nicht vorgesehen.
Befragungen von Patienten
Was aber bleibt zu tun, wenn trotz palliativmedizinischer Behandlung der Wunsch nach aktiver Euthanasie hartnäckig aufrechterhalten bleibt? Obwohl diese Fälle selten seien, ließen sie die Ärzte an ihre Grenzen stoßen, berichtete Prof. Dr. med. Lukas Radbruch, Aachen. Warum Menschen letztendlich den Wunsch nach aktiver Euthanasie äußern, mit dieser Frage beschäftigt sich die Klinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums Aachen. Zahlreiche internationale Studien, aber auch eigene Vorarbeiten lassen Radbruch zufolge den Schluss zu, dass Patienten häufig dann aktive Sterbehilfe wünschen, wenn vorherige Versuche der Kommunikation nicht zu einer besseren Situation geführt hätten. Die Vorstellung von Patienten, für Angehörige oder Freunde eine Bürde darzustellen, sei ein weiterer Faktor. In manchen Fällen müsse, so Radbruch, auch davon ausgegangen werden, dass die Erkrankung die Patienten und deren soziales Umfeld stigmatisiere. Patienten mit einem ausgeprägten Wunsch nach aktiver Euthanasie hätten häufig auch von negativen Erfahrungen mit Ärzten berichtet.
Das Projekt, das in diesem Jahr startete, sieht Befragungen von Patienten vor, die den Wunsch äußern, zu sterben oder das Sterben zu beschleunigen. Die Interviews werden nicht nur in Aachen, sondern auch am Zentrum für Palliativmedizin der Universität Bonn und an der Klinik und Poliklinik der Universität zu Köln geführt. Sie sind Bestandteil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten gemeinsamen Projekts der drei Lehrstühle mit dem Thema „Vorstellungen von Palliativpatienten zu Patientenverfügungen, Sterbewunsch und zu aktiver Sterbehilfe“.
Während man in Aachen vorwiegend der Frage nachgeht, welche Motivationen zum Wunsch nach Sterbehilfe führen und welche alternativen Angebote bei Verweigerung der Sterbehilfe als hilfreich eingeschätzt werden, untersucht man in Köln, warum Menschen überhaupt sterben wollen, welche verschiedenen Intensitäten von Todeswunsch es gibt und wie sich die Einstellungen zum sich nahenden Ende voneinander unterscheiden. „Die Bandbreite ist da sehr groß. Sie reicht von der Akzeptanz bis zum Ruf nach aktiver Sterbehilfe“, sagte Prof. Dr. med. Raymond Voltz. Mithilfe von Interviews soll überprüft werden, ob ein in den USA entwickelter Fragebogen für terminal erkrankte Patienten geeignet ist, die Art und Schwere des Todeswunsches tatsächlich zu ermitteln. Dieses Verfahren kann möglicherweise dabei helfen, so Voltz, das Phänomen eines gesteigerten Todeswunsches besser zu verstehen. Erste Forschungsergebnisse hätten ergeben, dass der Wunsch nach vorzeitigem Tod eindeutig mit körperlichen Symptomen einhergeht, jedoch auch mit psychischen Symptomen, wie Ängstlichkeit oder Hoffnungslosigkeit, verbunden sei.
Patientenverfügungen
Doch eine weitere US-amerikanische Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich der Wunsch zu sterben innerhalb kürzester Zeit ändern kann. Und genau das sei auch das Problem beim Umgang mit Patientenverfügungen, sagte Prof. Dr. med. Eberhard Klaschik vom Zentrum für Palliativmedizin der Universität Bonn. Er geht deshalb im Rahmen des DFG-Projekts den Fragen nach, was Patienten mit ihren Patientenverfügungen ausdrücken wollen und ob diese von den behandelnden Ärzten richtig interpretiert werden.
Erste Studien in den USA hätten gezeigt, dass etwa ein Drittel aller Patienten, die eine Patientenverfügung ausgefüllt hätten, die Frage, ob sie ihrem Arzt doch eine Entscheidungsfreiheit einräumten, mit Ja beantworteten. Entsprechende wissenschaftlich evaluierte Erkenntnisse gebe es in Deutschland jedoch bisher nicht. Klaschik hält Patientenverfügungen für eine wesentliche Hilfe für den Arzt. Die Verbindlichkeit sollte jedoch seiner Ansicht nach nicht zu hoch angesetzt werden. Generell fordert der Bonner Palliativmediziner ein „neues Denken im Umgang mit schwerstkranken Patienten“. Auf diese Weise könne bei 70 bis 80 Prozent der Patienten der Sterbewille in einen Lebenswillen geändert werden. Klaschik verwies als Hilfe für den Arzt auf die seiner Ansicht nach „brillanten“ Grundsätze der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung.
Gisela Klinkhammer
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