BRIEFE
Kommentar: Wertentscheidungen
Dtsch Arztebl 2008; 105(4): A-163 / B-148 / C-148


. . . Erstens: Wer kapiert hat, dass Geld im Gesundheitswesen nur begrenzt zur Verfügung steht, muss sagen, was gemeinschaftlich finanziert werden soll, und was nicht. Solche Prioritätensetzungen sind immer Wertentscheidungen, und sie sind immer schwierig. Wer sie verweigert, bewirkt implizit, dass der einzelne Arzt am Bett entscheiden muss, ob er seinem Patienten Ressourcen auf Kosten Dritter zugänglich machen darf oder nicht. Ich kenne keine gerechtigkeitsfernere Art des Entscheidens. Zweitens: Der behauptete Gegensatz zwischen Priorisierung und Gerechtigkeit ist keiner. Nicht nur, dass Mittel (Priorisierung) mit Zweck (Gerechtigkeit) verglichen wird. Schlimmer: Gerade ohne eine transparente, nachvollziehbare und mit Begründungen versehene allgemeine Entscheidung über Ressourcenallokation kann es keine Gerechtigkeit geben. Drittens: Gerade als Onkologe weiß ich um die Fragwürdigkeit von QUALYs. Nur: Das spricht nicht gegen Priorisierung. Viel eher ist es ein Appell an eine Bringpflicht der Versorgungsforschung Richtung Politik: Wir müssen als Profession viel besser den Wert unseres Tuns in verschiedensten Feldern (die aber letztlich um Bezahlbarkeit konkurrieren) in einer einheitlichen nicht monetären Währung darstellbar machen. Politisch liegt in Deutschland der Knackpunkt ganz woanders: Die Parteien lavieren sich aus der Verantwortung und implementieren eine Entscheidungsstruktur, die Priorisierungen durch demokratisch nicht legitimierte Gremien (G-BA, IQWiG) vornehmen lässt . . .
Dr. med. Mathias Bertram, Pinneberger Straße 25, 22457 Hamburg
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