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POLITIK

Medizinische Forschung: Europa droht ins Hintertreffen zu geraten

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A-314 / B-284 / C-280

Friedrich, Thomas A.

Die USA investieren doppelt so viel in die biomedizinische Forschung wie die Europäische Union.

Der Befund ist eindeutig: Die Medizinforschung in der Europäischen Union (EU) kränkelt. Bei den wissenschaftlichen Publikationen, der Forschungsförderung und in der biomedizinischen Grundlagenforschung hinkt sie deutlich hinter den USA hinterher. Außerdem behindert die mangelnde Qualität der medizinischen Infrastruktur in Europas Kliniken die medizinische Versorgung in den alternden Gesellschaften. Das geht aus dem Weißbuch des Europäischen Medizinforschungsrats (EMRC) hervor, dem 75 medizinische Gesellschaften aus 29 Staaten angehören.

„Europas Medizinforschung ist nicht gut genug, die medizinische Versorgung ist zu teuer und unsere Pharmaindustrie in der Welt nicht wettbewerbsfähig“, lautet der Befund von Prof. Liselotte Hojgaard. Die EMRC-Vorsitzende aus Kopenhagen will dem Patienten Europa mit einer Intensivkur wieder auf die Beine helfen.

Exzellenzkriterien als Maßstab
Prof. Jürgen Schölmerich, einer der 14 Autoren des Weißbuchs „Künftige Strategie für die Medizinforschung in Europa“ und Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft legt den Finger in die Wunde: „Unter den rund 2 000 Universitäten in Europa gibt es nur wenige, die in der biomedizinischen Forschung mit den besten US-Universitäten mithalten können.“ Es bestehe ein dringender Bedarf, Europas beste Forschungsuniversitäten zu stärken, um sie in die Lage zu versetzen, unter dem Gesichtspunkt von Exzellenzkriterien eine kritische Masse zu bilden.

Die universitäre Medizinforschung und medizinischen Forschungszentren bildeten in Europa das Rückgrat der Gesundheitsversorgung. Die Lehre und die klinische Forschung seien die Eckpfeiler der biomedizinischen Forschung. Entsprechend könne die Gesundheitsversorgung nur so gut sein, wie eine leistungsfähige Medizinforschung dies sicherstelle, heißt es im Weißbuch.

Die Anamnese im 50-seitigen Report zum „aktuellen Status und zur Zukunftsstrategie der Medizinforschung in Europa“ ist schonungslos und offen: Die USA investierten im Vergleich zu den 15 EU-Staaten vor der Osterweiterung mehr als doppelt so viel in die biomedizinische Forschung. So betrug die öffentliche Förderung der Biomedizin im Jahr 2003 in den USA – gemessen am Bruttosozialprodukt – rund 0,4 Prozent, während die EU-15 im selben Jahr auf 0,17 Prozent kam.

Legt man die Bevölkerungszahl und die Aufwendungen pro Kopf zugrunde, schneidet Europa noch schlechter ab. Hier investieren die USA dreimal so viel wie die EU. Bei wissenschaftlichen Publikationen sieht es kaum besser aus. Zwar stieg die Zahl der Veröffentlichungen – auf 10 000 Einwohner gerechnet – in der EU-15 von 1996 bis 2003 von 3,2 auf 3,9, doch lagen die US-Werte im selben Zeitraum bei 4,4 beziehungsweise 4,9. Bei den Zitierungen der Forschungsergebnisse sieht das Verhältnis für Europa etwas besser aus. Während die USA die Hälfte der biomedizinischen Zitierungen für sich beanspruchen können, kommt die EU immerhin auf 40 Prozent. „Um wieder Nummer eins zu werden, müssen wir unsere Gesundheitssysteme von Grund auf verbessern, die klinische Forschung und Behandlung stärken und die pharmakologische und die medizinische Industrie deutlich voranbringen“, betont Hojgaard. Die Förderung in der EU müsse sich an „best practice“ orientieren, Forschungsgelder allein an Exzellenzkriterien festgemacht werden und die Zusammenarbeit der topmedizinischen Zentren verbessert werden.

Mehr Geld für die Biomedizin
Die Herausforderungen für die europäischen Gesundheitssysteme angesichts alternder Gesellschaften, des sich abzeichnenden Klimawandels, des durch Globalisierung zunehmenden Migrationsdrucks und der damit einhergehenden neuen Krankheiten seien gewaltig. Die Zusammenarbeit von Spitzenzentren und eine intensivere Förderung biomedizinischer und klinischer Forschung seien wichtiger denn je. Die EU-Forschungseinrichtungen hätten mit dem neu gegründeten Europäischen Forschungsrat und der EU-Kommission die Chance, künftig erfolgreicher zusammenzuarbeiten. So müssten EU-Richtlinien, die die Forschung behinderten, entbürokratisiert werden. Den Wissenschaftlern müsse eine größtmögliche Mobilität und Chancengleichheit eingeräumt werden. „Kernstück muss aber eine Verdopplung der öffentlichen biomedizinischen Förderung innerhalb der nächsten zehn Jahre sein“, fordert Hojgaard.

EU-Forschungskommissar Janez Potocnik kündigte seine Unterstützung an. Unter anderem will er eine Initiative zum Schutz geistigen Eigentums auf den Weg bringen und der Biomedizin im 7. EU-Forschungsrahmenprogramm (2007 bis 2013) eine Priorität einräumen.
Thomas A. Friedrich
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