66 Artikel im Heft, Seite 32 von 66

BRIEFE

Stammzellforschung: Ein anderes ethisches Problem

Dtsch Arztebl 2008; 105(11): A-577 / B-513 / C-500

Denker, Hans-Werner

. . . In der öffentlichen Debatte über die ethischen Probleme der Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen (hESZ) ist seit Jahren zwar dem Problem des Embryonenverbrauchs eine zentrale Bedeutung beigemessen worden, aber dies ist nicht das einzige Problem, das es hier gibt. Wie sich jetzt zeigt, ist es noch nicht einmal das ernsteste und schwierigste der Probleme, die diese Forschung aufwirft. Ich habe seit Jahren, seit Beginn der Stammzelldebatte, darauf hingewiesen, dass die Potenzialität, die die Stammzellen gegenüber anderen Zellen auszeichnet, Probleme eigener Art aufwirft, und habe darüber auch des Öfteren (u. a. im DÄ und kürzlich im Journal of Medical Ethics) veröffentlicht . . . Mein Hauptargument und die zentrale Besorgnis, die sich daran knüpft, ist, dass hESZ aufgrund ihrer besonderen Differenzierungspotenz („Pluripotenz“ oder, wie ich als Alternativterminus vorgeschlagen habe, Omnipotenz) totipotenten Zellen früher Embryonen so nahe stehen, dass man aus ihnen relativ leicht und mit guter Erfolgsquote lebensfähige Individuen klonen kann, und zwar mit dem Verfahren der tetraploiden Komplementierung. Das ist nach heutigem Kenntnisstand nur mit frühembryonalen Zellen (Blastomeren) und eben ESZ möglich. Dies wird in vielen Labors weltweit bei der Maus exerziert, und kein einschlägig tätiger Forscher zweifelt daran, dass es auch mit menschlichen ESZ erfolgreich durchführbar wäre. Dass dies Implikationen für einen Informed Consent (bei der Embryonenspende und dem anschließenden Einsatz der hESZ) und für Patentierungsfragen hat, haben wir in unseren Veröffentlichungen schon hervorgehoben. Und nun kommt im Hinblick auf Ihren Artikel der Clou: Diese Überlegungen und diese Bedenken greifen natürlich in vollem Umfang auch für die durch Reprogrammierung aus somatischen Zellen (Fibroblasten) erzeugten pluripotenten/omnipotenten Zellen! Dass auch diese „biologischen Artefakte“ (um einen Terminus des US-amerikanischen President’s Council on Bioethics zu benutzen) ein direktes Klonen von lebensfähigen Individuen per tetraploider Komplementierung möglich machen, ist bereits von der Jaenisch-Gruppe an der Maus gezeigt worden (Wernig, M. et al.: Nature 448, 318–24, 2007). Dieses ethische Problem ist also durch Beschreiten des Alternativwegs zur Erzeugung von ESZ-ähnlichen Zellen nicht beseitigt worden; vielmehr wird es eine viel größere Dimension einnehmen, sobald die angestrebten verbesserten Verfahren der Reprogrammierung (die u. a. das Tumorrisiko eliminieren sollen) entwickelt worden sind und zu einer breiten Anwendung dieser Technologie geführt haben werden. Man bedenke nur, dass es ja doch schon etwas Tiefgreifendes für den Zellspender bedeuten muss, dass aus seinen Zellen nach der Reprogrammierung zumindest theoretisch (nach Kryokonservierung auch noch nach seinem Tod) ihm genetisch in wesentlichen Merkmalen gleiche Individuen geklont werden könnten, sollte das zu irgendeinem Zeitpunkt irgendwer intendieren. Ich bin überzeugt, dass es an der Zeit ist, die mit der Potenzialität der embryonalen Stammzellen zusammenhängenden ethischen Bedenken nun endlich ernsthaft in die Erörterungen einzubeziehen. Hier liegt die wahre Dimension der ethischen Herausforderungen, vor die uns die Forschung an pluripotenten/omnipotenten Stammzellen stellt!
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Hans-Werner Denker, Lürsweg 20, 45239 Essen
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