THEMEN DER ZEIT

Non-Heart-Beating-Donors: „Herztote“ Organspender

Dtsch Arztebl 2008; 105(16): A-832 / B-724 / C-712

Siegmund-Schultze, Nicola; Zylka-Menhorn, Vera

Dem deutschen Transplantationsgesetz (TPG) zufolge dürfen Herztoten nur dann Organe entnommen werden, wenn der Hirntod eindeutig festgestellt worden ist oder wenn seit dem Herzstillstand mindestens drei Stunden vergangen sind. Um den chronischen Mangel von Spenderorganen einzudämmen, empfehlen einige Transplantionsmediziner, den Zeitpunkt der Organentnahme deutlich vorzuverlegen – so wie es in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Spanien, Belgien und den USA bereits möglich ist.

Dort kann mit der Organentnahme zehn Minuten nach den Nulllinien-EKG begonnen werden, ohne dass vorab der Hirntod festgestellt worden sein muss. Nach den Vorgaben des „Maastricht-Protokolls“ von 1995 (benannt nach dem Uniklinikum der niederländischen Stadt, wo seit den 80er-Jahren Spenderprogramme mit Herztoten laufen) klassifiziert man diese „Organspender ohne schlagende Herzen“ (Non-Heart-Beating-Donors, NHBD) wie folgt:
- Herzstillstand bei Ankunft in der Klinik (I)
- Spender nach erfolgloser Reanimation (II)
- Spender, bei denen der Herzstillstand erwartet wird nach Unterbrechung lebenserhaltender Maßnahmen (III)
- Herzstillstand bei Hirnstamm-Tod (IV) sowie
- Herzstillstand bei einem stationären Patienten (V).
Als Spender nach Herzstillstand kämen zum Beispiel infrage: Menschen im Koma, nach Schlaganfall oder Herzinfarkt, Querschnittsgelähmte und Unfallopfer. Auch Schwerkranke, deren Tod zwar nicht unmittelbar bevorsteht, die ihre Lebensqualität aber nicht mehr akzeptabel finden, könnten als NHBD in Betracht kommen. Voraussetzung für die planmäßige Organspende ist, dass der Betroffene oder seine Angehörigen dem Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen ausdrücklich zustimmen. Ist dies der Fall, kann der Herzstillstand provoziert werden.
Die Organvermittlungszentrale Eurotransplantat hatte schon 1998 mitgeteilt, dass der Herzstillstand für zehn Minuten ein „Äquivalent zum Hirntod“ sei. Die Bundesärztekammer ist anderer Meinung. Kriterien für einen Therapieabbruch (einschließlich Reanimation) ließen sich nicht standardisieren. Dass der Herzstillstand nicht als sicheres Todeszeichen gelten könne, belege jede auch nur vorübergehend erfolgreiche Reanimation, heißt es in einem Beschluss des 110. Deutschen Ärztetages 2007.

In den USA müssen dagegen seit Kurzem alle Kliniken, denen grundsätzlich die entsprechenden Ressourcen für die Rekrutierung von NHBD zur Verfügung stehen, dafür sorgen, dass sie bestimmte Standards für diese Form der Organspende einhalten (NEJM 2007; 357/3: 209). Möchte sich eine Klinik nicht an der Organspende nach Herzstillstand beteiligen, muss sie aktiv widersprechen und die Gründe dafür erklären.

In den USA stammen acht Prozent der postmortalen Organspenden von NHBD; in der Schweiz liegt der Anteil bei elf Prozent. Nach Schätzungen ließe sich dadurch die Zahl der Transplantationen um 25 bis 42 Prozent erhöhen. Die Organe von NHBD nehmen ihre Funktion zwar oft verzögert auf, funktionieren im Langzeitverlauf aber ähnlich gut wie Organe von Hirntoten.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn/Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
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EEBO
am Freitag, 31. Oktober 2014, 12:11

Nichts verwechselt

Schaut man sich den Artikel genau an (und googelt das Maastricht-Protokoll), wird rasch klar, daß alles korrekt beschrieben ist: 10 Minuten Herstillstand (Nullinien-Elektorkardiogramm) sind das entscheidende Kriterium. Das Elektroencephalogramm bzw, die Hirntodfeststellung spielen in diesem Zusammenhang eben überhaupt keine Rolle.
Joachim Felix Hornung
am Dienstag, 28. Oktober 2014, 23:00

Horror NHDB

Stimmt denn der Satz in dem Zeitungsartikel: "Dort kann mit der Organentnahme zehn Minuten nach den Nulllinien-EKG begonnen werden." ? Es wird ja immer wieder geglaubt, dass Hirntod = Nulllinien-EEG sei, was aber ganz grob nicht stimmt. Ausserdem ist "Herztod" eben genau NICHT der Hirntod. Die Autorinnen Siegmund-Schultze, Nicola und Zylka-Menhorn, Vera haben da wohl was durcheinander geworfen.

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