MEDIZIN: Editorial

Paradoxien des Gewichts

The Paradoxes of Body Weight

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 404; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0404

Hebebrand, Johannes

Zu dem Artikel „Gefühltes oder tatsächliches Übergewicht: Worunter leiden Jugendliche mehr?“ von Bärbel-Maria Kurth und Ute Ellert auf den
folgenden Seiten.
Die Arbeit aus dem Robert-Koch-Institut, die das Deutsche Ärzteblatt auf den folgenden Seiten veröffentlicht, enthält einige bemerkenswerte Resultate. Sie zeigt jedoch auch die ganze Komplexität des Themas Gewicht bei jungen Menschen. Einer der wichtigsten Befunde von Bärbel-Maria Kurth und Ute Ellert ist die Unzufriedenheit vieler 11- bis 17-Jähriger mit ihrem Körpergewicht, obwohl sie nach den gegenwärtig angewandten medizinischen Regeln gar nicht zu viel wiegen. Fast die Hälfte der normalgewichtigen Mädchen und etwa ein Viertel normalgewichtiger Jungen hält sich für zu dick. Hier zeigt sich eine enorme Diskrepanz zwischen dem ärztlichen Verständnis eines angemessenen Gewichts und der Selbstwahrnehmung Jugendlicher.

Kurth und Ellert problematisieren zu Recht die Benutzung der herangezogenen BMI-Perzentile zur Abgrenzung der Gewichtskategorien; diese Perzentile basieren auf älteren Datensätzen. Es erscheint trivial darauf hinzuweisen, dass das Körpergewicht individuell unterschiedlich ausfällt. Bei den heutigen Adipositas-fördernden Umweltbedingungen muss es eine erhebliche Anzahl an Personen geben, die über einem spezifischen, in früheren Erhebungen festgelegten Schwellenwert liegen. Die quantitativen Unterschiede kommen durch genetische Faktoren – die Varianz des BMI ist zu circa 50 bis 70 % genetisch bedingt – und Umweltfaktoren zustande (1). Die heutige Umwelt begünstigt sowohl eine zu hohe Energiezufuhr wie auch körperliche Inaktivität. Jedoch: Dass ein anderer Maßstab für Übergewicht zu gänzlich anderen Ergebnissen als den von Kurth und Ellert erhobenen geführt hätte, erscheint zumindest unwahrscheinlich.

Die gesellschaftliche Vorstellung davon, was ein erhöhtes Gewicht ist, orientiert sich aber ohnehin nur bedingt an medizinisch definierten Schwellenwerten von Übergewicht beziehungsweise Adipositas; auch denken Jugendliche wenig an die mit Übergewicht einhergehenden medizinischen Risiken. Es wäre daher interessant zu erfahren, ob die Mädchen und Jungen, die sich für zu dick halten, einen zwar noch normalen, aber höheren BMI aufweisen als diejenigen, die mit ihrem Gewicht zufrieden sind. Für Jugendliche zählt vor allem ihr ästhetisches Empfinden – hier meint „zu dick“ eigentlich „hässlich“. Wie die Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) zeigen, ist der Druck schlank sein zu sollen bei den jungen Menschen ausgeprägt. Offen ist, ob dieser empfundene Druck eine schlechtere Lebensqualität bedingt und/oder ob Jugendliche mit einer niedrigen Lebensqualität nicht häufiger sich auch zu dick fühlen.

In einer Gesellschaft, in der Menschen mit Adipositas einer erheblichen Stigmatisierung ausgesetzt sind und in der das Äußere eine so große Rolle spielt, ist es geradezu erstaunlich, dass immerhin 40,4 % der 11- bis 17- Jährigen der Meinung sind, sie hätten „genau das richtige Gewicht“. Erstaunlich ist auch, dass Jugendliche, die tatsächlich adipös sind, eine nur geringfügig erniedrigte Lebensqualität angeben. Dabei haben drei von fünf Mädchen und drei von zehn Jungen mit Adipositas in den Worten von Kurth und Ellert ein Problembewusstsein für ihr Übergewicht. Problembewusstsein gilt als eine Voraussetzung für Verhaltensänderungen und es ist uns Ärzten insbesondere dann willkommen, wenn es um Gesundheitsrisiken geht. Allerdings können die Patienten unsere Ratschläge zum Abnehmen leider kaum langfristig umsetzen: Ein Jahr nach Beginn eines Gewichtsreduktionsprogramms liegt das Körpergewicht eines Erwachsenen – sofern er seine Studienteilnahme nicht abgebrochen hat – durchschnittlich 7 kg niedriger, nach zwei Jahren noch 3 kg (2); nach 5 Jahren lässt sich kaum ein Effekt mehr nachweisen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen wird kontrovers diskutiert, inwieweit Gewichtsreduktionsprogramme das Problem nicht noch weiter verschlimmern beziehungsweise gar die Mortalität erhöhen (3, 4, 59). Gerade bei Jugendlichen finden sich Hinweise auf eine überschießende Gewichtszunahme beziehungsweise eine Verschlechterung des Essverhaltens als Folge kurzfristig erfolgreicher Gewichtsabnahmen.

Pharmakologische Behandlungen der Adipositas führen im Durchschnitt zu Gewichtsabnahmen, die um 3 bis 5 kg höher als unter Einnahme von Placebo ausfallen (2). Dies gilt jedoch nur so lange, wie die entsprechende Substanz eingenommen wird. Durch die Einnahme der gegenwärtig zugelassenen „Abnehmpillen“ ist jedoch keine Lösung des Adipositasproblems erkennbar; dies gilt erst recht für Jugendliche. Lediglich chirurgische Interventionen führen zu deutlichen und dauerhaften Gewichtsabnahmen (2). Solche Eingriffe sind allerdings nur auf den Personenkreis mit extremer Adipositas (= 40 kg/m²) beziehungsweise mit Grad-II-Adipositas (= 35 kg/m²) und entsprechenden Folgestörungen beschränkt; Jugendliche werden nur selten operiert. Wir können nur hoffen, in Zukunft stark übergewichtigen Menschen jeder Altersgruppe besser helfen zu können.

Vor diesem Hintergrund kann man aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht den interessanten Befund von Kurth und Ellert auch gegen den Strich bürsten: Was nützt den Jugendlichen gegenwärtig ihr Problembewusstsein? Ihre Lebensqualität könnte sich dank dieser Einsicht verschlechtern. Jugendliche, die beständig versuchen, ihr Gewicht zu reduzieren, haben auch andere Probleme: Sie neigen vermehrt zu depressiven Verstimmungen, Suizidgedanken, Alkohol- und Drogenkonsum (5). Manchmal scheint nicht nur die Gleichsetzung von Schlankheit und Schönheit übertrieben, sondern auch die von Normalgewicht und Gesundheit beziehungsweise die von Übergewicht und Krankheit. So betrachtet kann man sich für die übergewichtigen Kinder und Jugendlichen eigentlich nur freuen, wenn sie nicht auch noch psychisch unter ihrem Übergewicht leiden.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 21. 4. 2008, revidierte Fassung angenommen: 24. 4. 2008

Prof. Dr. med. Johannes Hebebrand
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
des Kindes- und Jugendalters
Rheinische Kliniken Essen
an der Universität Duisburg-Essen
Virchowstraße 174
45147 Essen
E-Mail: johannes.hebebrand@uni-due.de

The Paradoxes of Body Weight

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 404–5
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0404

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Hebebrand J, Sommerlad C, Geller F, Görg T, Hinney A: The genetics of obesity: practical implications. Int J Obes Relat Metab Disord 2001 May; 25 Suppl 1: S10–8. MEDLINE
2.
Douketis JD, Macie C, Thabane L, Williamson DF: Systematic review of long-term weight loss studies in obese adults: clinical significance and applicability to clinical practice. Int J Obes 2005; 29: 1153–67. MEDLINE
3.
Field AE, Austin SB, Taylor CB, Malspeis S, Rosner B, Rockett HR, Gillman MW, Colditz GA: Relation between dieting and weight change among preadolescents and adolescents. Pediatrics 2003 Oct; 112: 900–6. MEDLINE
4.
Gregg EW, Gerzoff RB, Thompson TJ, Williamson DF: Intentional weight loss and death in overweight and obese U.S. adults 35 years of age and older. Ann Intern Med 2003 Mar 4; 138: 383–9. MEDLINE
5.
Neumark-Sztainer D, Hannan PJ: Weight-related behaviors among adolescent girls and boys: results from a national survey. Arch Pediatr Adolesc Med 2000 Jun; 154: 569–77. MEDLINE
6.
Neumark-Sztainer D, Wall M, Guo J, Story M, Haines J, Eisenberg M: Obesity, disordered eating, and eating disorders in a longitudinal study of adolescents: how do dieters fare 5 years later? J Am Diet Assoc 2006 Apr; 106: 559–68. MEDLINE
7.
Neumark-Sztainer D, Wall M, Haines J, Story M, Eisenberg ME: Why does dieting predict weight gain in adolescents? Findings from project EAT-II: a 5-year longitudinal study. J Am Diet Assoc 2007 Mar; 107: 448–55. MEDLINE
8.
Stice E, Cameron RP, Killen JD, Hayward C, Taylor CB: Naturalistic weight-reduction efforts prospectively predict growth in relative weight and onset of obesity among female adolescents. J Consult Clin Psychol 1999 Dec; 67: 967–74. MEDLINE
9.
Sørensen TI, Rissanen A, Korkeila M, Kaprio J: Intention to lose weight, weight changes, and 18-y mortality in overweight individuals without co-morbidities. PLoS Med 2005 Jun; 2:e171. MEDLINE
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Rheinische Kliniken Essen an der Universität Duisburg-Essen: Prof. Dr. med. Hebebrand
1. Hebebrand J, Sommerlad C, Geller F, Görg T, Hinney A: The genetics of obesity: practical implications. Int J Obes Relat Metab Disord 2001 May; 25 Suppl 1: S10–8. MEDLINE
2. Douketis JD, Macie C, Thabane L, Williamson DF: Systematic review of long-term weight loss studies in obese adults: clinical significance and applicability to clinical practice. Int J Obes 2005; 29: 1153–67. MEDLINE
3. Field AE, Austin SB, Taylor CB, Malspeis S, Rosner B, Rockett HR, Gillman MW, Colditz GA: Relation between dieting and weight change among preadolescents and adolescents. Pediatrics 2003 Oct; 112: 900–6. MEDLINE
4. Gregg EW, Gerzoff RB, Thompson TJ, Williamson DF: Intentional weight loss and death in overweight and obese U.S. adults 35 years of age and older. Ann Intern Med 2003 Mar 4; 138: 383–9. MEDLINE
5. Neumark-Sztainer D, Hannan PJ: Weight-related behaviors among adolescent girls and boys: results from a national survey. Arch Pediatr Adolesc Med 2000 Jun; 154: 569–77. MEDLINE
6. Neumark-Sztainer D, Wall M, Guo J, Story M, Haines J, Eisenberg M: Obesity, disordered eating, and eating disorders in a longitudinal study of adolescents: how do dieters fare 5 years later? J Am Diet Assoc 2006 Apr; 106: 559–68. MEDLINE
7. Neumark-Sztainer D, Wall M, Haines J, Story M, Eisenberg ME: Why does dieting predict weight gain in adolescents? Findings from project EAT-II: a 5-year longitudinal study. J Am Diet Assoc 2007 Mar; 107: 448–55. MEDLINE
8. Stice E, Cameron RP, Killen JD, Hayward C, Taylor CB: Naturalistic weight-reduction efforts prospectively predict growth in relative weight and onset of obesity among female adolescents. J Consult Clin Psychol 1999 Dec; 67: 967–74. MEDLINE
9. Sørensen TI, Rissanen A, Korkeila M, Kaprio J: Intention to lose weight, weight changes, and 18-y mortality in overweight individuals without co-morbidities. PLoS Med 2005 Jun; 2:e171. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige