MEDIZINREPORT

Kommentar: Wissenschaftler und Medien – Ein „Maulkorb“ ist keine Lösung

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1596 / B-1376 / C-1344

Zylka-Menhorn, Vera

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte das Forschungszentrum Jülich die Ergebnisse der weltweit umfassendsten Befragung zur Beziehung zwischen Wissenschaftlern und den Medien. Danach beschreiben mehr als die Hälfte der 1 350 befragten Forscher aus den fünf größten Wissenschaftsnationen ihre Kontakte zu Journalisten als überwiegend gut. Vier von zehn fanden die öffentliche Berichterstattung sogar karriereförderlich (Science 2008; 321: 204 ff.). „Aufräumen sollte man auch mit dem Vorurteil, dass sich deutsche Forscher generell schwerer mit dem Journalismus tun und weniger motiviert sind, öffentlich über ihre Forschung zu berichten, als ihre Kollegen aus den USA“, sagt Studienleiter Prof. Hans Peter Peters.

Allerdings habe die Befragung auch eine andere Erkenntnis ergeben: Die Forscher fürchten, dass sie die Kontrolle über ihr Wissen verlieren. Für diese These lieferte Prof. Hans Schöler (Münster), einer der renommiertesten deutschen Stammzellforscher, ein aktuelles Beispiel. Wie er auf dem Berliner Weltkongress für Genetik kundtat, will er künftig auf Konferenzen nur noch dann über nicht publizierte Ergebnisse berichten, wenn die anwesenden Journalisten vorab eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen.

Die Einführung eines „non-disclosure“ für Journalisten käme einem Verbot der unabhängigen Berichterstattung gleich. Hintergrund ist die Angst von Forschern, ihre Ergebnisse nicht mehr in renommierten Fachmagazinen veröffentlichen zu können, wenn sie zuvor in Massenmedien thematisiert wurden. Denn Fachblätter wie „Nature“ und „Science“ haben nicht nur hohe Ansprüche an den Stellenwert der Entdeckungen, sondern auch an die Exklusivität der Berichterstattung. Da sich die Begutachtungsverfahren (Peer Review) jedoch über Monate hinziehen, fühlen sich viele Wissenschaftler in dem – für die Forschung so wichtigen – Austausch von neuen Erkenntnissen behindert.

Nun ist ein „Maulkorb“ für Wissenschaftsjournalisten sicher keine Lösung für dieses Dilemma – schon gar nicht in einem demokratischen Staat und in Forschungsgebieten, die überwiegend mit Steuergeldern finanziert werden. Vielmehr sollte der „Eklat“ auf dem Berliner Kongress ein willkommener Anlass sein, öffentlich darüber zu diskutieren, ob der herkömmliche Veröffentlichungsmodus angesichts des technischen Fortschritts noch zeitgemäß für die heutige Medienlandschaft ist. Seit Jahren fordern die großen Forschungsorganisationen, das Internet konsequenter sowohl zur wissenschaftlichen Kommunikation als auch zur Veröffentlichung zu nutzen. Dies schließt eine Onlinebegutachtung („open peer review“) ebenso ein wie das „Prinzip des offenen Zugangs“ (open access publishing), wonach der Autor allen Nutzern ein freies Recht auf den Zugang zu seinen Daten einräumt.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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