POLITIK

Studie: Ärzte mögen ihren Beruf – sind aber frustriert

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): A-2311 / B-1976 / C-1924

Rabbata, Samir

Die meisten niedergelassenen Ärzte schätzen die Versorgung der Patienten gut ein. In den nächsten Jahren könnte sich die Lage aber dramatisch verschlechtern.

Auf den ersten Blick passen die Zahlen nicht zueinander: 69 Prozent der niedergelassenen Ärzte sind über ihre Arbeitsbedingungen so frustriert, dass sie schon einmal daran gedacht haben auszuwandern. Doch wenn sie die Wahl hätten, würden ebenfalls 69 Prozent der Ärzte ihren Beruf wieder ergreifen. Dies ergab eine Befragung im Auftrag des NAV-Virchow-Bunds und des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Das Meinungsforschungsinstitut TNS-Healthcare befragte hierfür 500 Hausärzte und 300 niedergelassene Fachärzte zu ihrer Einschätzung des deutschen Gesundheitssystems.

Die Therapiefreiheit sei nicht mehr gewährleistet
Was zunächst paradox klingt, spiegelt die Stimmungslage der Ärztinnen und Ärzte wider: Sie mögen die Arbeit mit den Patienten. Das entschädigt sie für manchen Frust, den ihnen Budgets und Bürokratie bescheren. Dennoch: Fast ein Drittel würde den Arztberuf heute nicht mehr ergreifen. Vor allem wegen des Budgetsdrucks, der Ausgabenbeschränkungen und Regressandrohungen fühlen sich viele Ärzte in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. So sind fast drei Viertel (73 Prozent) der Meinung, dass die Therapiefreiheit nicht mehr gewährleistet sei. Nach Einschätzung der Befragten wird sich die Situation sogar noch verschärfen. Während immerhin 74 Prozent der Ärzte die gegenwärtige Versorgungslage trotzdem als gut bewerten, glaubt nur ein Viertel, dass dies auch noch in zehn Jahren der Fall sein werde.

Doch schon jetzt würden Innovationen immer seltener bei den Patienten ankommen. Dies betrifft nach Meinung der Befragten vor allem gesetzlich Versicherte mit den Indikationen Depression und Demenz. Die Mediziner wünschen sich mehrheitlich mehr Einfluss bei Entscheidungen über die Verordnungsfähigkeit von Medikamenten. Nur 26 Prozent glauben, sie selbst hätten dabei den größten Einfluss. Mehr als zwei Drittel sehen sich durch den Gemeinsamen Bundesausschuss fremdbestimmt. Fast 80 Prozent meinen, die Krankenkassen hätten bei Entscheidungen über die Verordnungsfähigkeit von neuen Arzneimitteln das letzte Wort.

„Bürokratie und unausgegorene gesundheitspolitische Vorstellungen der Politik schränken die Therapiefreiheit immer weiter ein und verschlechtern die Versorgungsqualität. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich immer weniger Kolleginnen und Kollegen für die Niederlassung als Vertragsarzt entscheiden“, kommentierte der Vorsitzende des NAV-Virchow-Bunds, Dr. med. Klaus Bittmann, die Ergebnisse derUntersuchung.

Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des VFA, warnte davor, den Ärzten die Verantwortung für Rationierung aufzudrücken: „Wir können nicht länger am Postulat einer gesetzlichen Versicherung, die allen alles bezahlt, festhalten.“ Dadurch würden Ärzte zu verdeckten Sachbearbeitern der Krankenkasse. „Nach dem Willen der Politik sollen die Ärzte das System möglichst ohne viel Aufhebens lebensfähig rationieren. Wir können aber nicht länger ordnungspolitische Feigheit zulasten der Ärzte praktizieren“, sagte Yzer.
Samir Rabbata
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