MEDIEN
Pädiatrie: Neue Ebene des Verständnisses
Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2392 / B-2036 / C-1983


Leonhard Döderlein:
Infantile Zerebralparese.
Diagnostik,
konservative und operative
Therapie. Steinkopff,
Heidelberg
2007, 400 Seiten,
Hardcover, 99,95 Euro
Eine Zerebralparese ist definiert als eine Störung der motorischen Bewegungsabläufe, Funktionen und der Haltung, die neurologisch charakterisiert ist als Spastik, Dyskinesie oder Ataxie. Zusätzlich gefordert werden das Fehlen einer Progredienz des zugrunde liegenden Prozesses und die Entstehung vor dem Ende der Neonatalperiode. Häufig assoziiert – aber nicht obligat – sind zusätzliche Störungen wie Lernbehinderung, geistige Behinderung, Sehstörung und Epilepsie.
Die Zerebralparese ist die gefürchtete Folgeerkrankung der perinatalen Asphyxie. Die Epidemiologie sagt bereits viel über die Genese des Krankheitsbildes aus. Bei Reifgeborenen beziehungsweise Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht von mehr als 2 500 Gramm tritt eine Zerebralparese mit der Häufigkeit von circa eins zu tausend auf. Bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1 500 Gramm ist sie 50- bis 80-mal häufiger. Bis heute handelt es sich um eine ursächlich nicht therapierbare, chronische, lebenslang bestehende, für die Familie oft tragisch verlaufende Erkrankung.
Die symptomatische Therapie besteht aus einem multimodalen, interdisziplinären Ansatz. Wie bei vielen derartigen Krankheitsbildern sind die angewandten therapeutischen Konzepte zum Teil wissenschaftlich belegt, zum Teil steht die wissenschaftliche Absicherung aber auch noch aus. In den letzten Jahren konnten jedoch erhebliche Fortschritte in der Behandlung von Kindern mit Zerebralparese erzielt werden. Man kennt inzwischen den Verlauf der motorischen Entwicklungsfähigkeit der Betroffenen und die Möglichkeiten etwa der Einflussnahme auf Gehfähigkeit so gut, dass man gezielt mit therapeutischen Ansätzen, wie zum Beispiel Physiotherapie, Botulinumtoxin, Hilfsmittelversorgung, in der Lage ist, die Prognose der motorischen Entwicklung deutlich zu verbessern.
Ein Grundstein der Therapie bleibt hierbei die orthopädische Behandlung. In dem Buch geht der Autor darüber jedoch hinaus und zeichnet ein umfassendes Bild der gesamten Erkrankung und ihrer Therapie. Er beginnt mit der Historie, beschreibt Pathophysiologie, Klassifikation und pathoanatomische Grundlagen. Er gibt eine Synopsis über verfügbare konservative Therapieverfahren, zeigt deren Grenzen auf und berichtet über die Möglichkeiten der operativen Behandlung. Der Autor versucht an vielen Stellen, den Evidenzgrad der dargestellten Empfehlungen zu benennen. Er gibt für die konservativen Disziplinen eine gut verständliche Erklärung der durchgeführten operativen Eingriffe anhand von anatomischem Schema und Zeichnungen, die vielen der konservativen Therapeuten die Möglichkeit geben wird, eine neue Ebene des Verständnisses für diese Eingriffe zu erreichen. Der Operateur lernt im Gegenzug den heutigen Stellenwert der konservativen Therapieverfahren in seiner Gesamtheit kennen.
Man kann das Buch als gut geschriebene, leicht lesbare „Pflichtlektüre“ für alle beteiligten Berufsgruppen empfehlen. Bernd A. Neubauer
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