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Supplement: Reisemagazin

Reisen damals: Gürteltier, Seeteufel und Gänsebraten

Dtsch Arztebl 2008; 105(49): [10]

Schiller, Bernd

Festhalten an Traditionen: Bescherung in Afrika um 1910. Foto: picture alliance/akg-images
Mit der Sehnsucht im Herzen feierten Reisende und Forscher Weihnachten fernab.

Eben erst war das Fieber gefallen. Die Frauen, die von den Malariaanfällen besonders heftig geschüttelt worden waren, fühlen sich noch ziemlich schwach. Dennoch kehrt im Lager der deutschen Forschungsreisenden, tief im Urwald von Burma, mit der Hoffnung neue Geschäftigkeit ein: Weihnachten steht vor der Tür, 1939. „Man merkt es hauptsächlich daran, dass Anneliese seit einigen Tagen nur noch vom Backen spricht und unsere ganze Zeltwirtschaft seelisch und praktisch auf ein großes gastronomisches Vorhaben vorbereitet.“ Ein ganzes Kapitel widmet Gerd Heinrich in seinem Buch „In Burmas Bergwäldern“ dem Zauber der Heiligen Nacht im fernen Asien: „Wir treten ein in unsere enge, von 30 Kerzenflammen festlich erleuchtete Zelthütte.“ Vom Gabentisch ist die Rede, geschickt aus einem Feldbett hergerichtet, von bunten Tellern und vor allem: von sentimentalen Gedanken an die Heimat.

Zu allen Zeiten waren Reisende auch an Weihnachten auf Achse, allerdings nicht wie heute, um vor dem Trubel zu flüchten, sondern weil es sich so ergab. Heutzutage ist zur Weihnachtszeit auf deutschen Flughäfen mehr los als zu Beginn der großen Ferien. Die Großveranstalter setzen Dutzende zusätzlicher Flugzeuge ein. Hunderttausende treffen entweder den Nikolaus im sonnigen Süden oder, romantisch und schneesicher, das Christkind im Schlitten. Und manche schauen sich zur Abwechslung die Weihnachtsgeschichte in chinesischer Neonversion auf der Skyline von Hongkong an. Die Urlauber haben Heiligabend all inclusive gebucht: zum Beispiel mit „tropischem Salat von Seeteufel und Hummer und gefüll-ter Pute an Weintraubensauce“ in den feinen Hotels an Spaniens Küsten. In manchen österreichischen Wellnessoasen wird vor dem Gänsebraten eine Ganzkörpermassage angeboten. Aber bei vielen Festflüchtlingen, ob im Kaiserwinkl oder in der Karibik, stellt sich dennoch bald die Sehnsucht ein nach weihnachtlicher Gefühligkeit.

West trifft Ost: Knecht Ruprecht am Hof eines Maharadschas 1934
Das war früher bei Forschungsreisenden, Schriftstellern und adligen Globetrottern – andere Leute reisten damals nicht einfach so zum Spaß – ebenso. Ob als Gast eines Maharadschas im heißen Indien, ob bei Sven Hedin auf dem Dach der Welt, ob auf einem Expeditionsschiff im 19. Jahrhundert auf dem Oberlauf des Nils oder zur gleichen Zeit in den stickigen Basargassen Südostasiens, stets wird in den Reisebüchern die Sehnsucht nach den alten Liedern, nach der stillen heiligen Nacht betont.

Man hatte gerade die unglaublichsten Abenteuer bestanden, wie etwa der Tierforscher Alfred Brehm um 1860, als er zu den Quellen des Nils vordrang, aber dann, an Weihnachten, träumte man sich nach Hause: „Wir befanden uns im Innern Afrikas, unsere Gedanken waren daheim. Der Abend stimmte uns weich; wir beschlossen, ihn wie im Vaterlande zu feiern . . . ernst und ruhig begingen wir das Fest der Weihenacht.“ Alfred Brehm lagerte tief im Südsudan, „im Schatten einiger Mimosen“, teilte sich Schiffszwieback mit seinen Gefährten und freute sich, dass es aus festlichem Anlass wenigstens einen Becher Kaffee gab.

Dezember 1910: Der deutsche Kronprinz Wilhelm war in Indien unterwegs. Sein Hofberichterstatter Walter Heichen griff tief ins Sülzfass deutscher Seligkeit, um die Vorbereitungen zum Fest fern von Berlin zu schildern. Kurz vor Heiligabend war der Sohn des Kaisers noch auf der Spur des Tigers: „Während der Kronprinz dieser Jagd oblag, wurden in seiner Wohnung die Vorbereitungen zur Feier getroffen . . . Im herrlichen Park des Maharadschas war ein Weihnachtsbaum aufgestellt worden, und die Geschenke für die Kinder der eingeborenen Christen lagen darunter . . . ein überaus anmutiges Bild, als der greise Hindufürst . . . dem Kaisersohne als erster die weihnachtlichen Wünsche aussprach . . . und alles aufbot, ihm und seinen Begleitern über die Wehmut hinwegzuhelfen, die . . . ihre Gedanken zur Heimat hinüberfließen ließen, wo vielleicht die Flocken dicht und leise fielen . . .“

Ein hanseatischer Globetrotter, der Hamburger Kaufmannssohn Egon Kunhardt, sah das auf seiner „Reise um die Erde in 777 Tagen“, ebenfalls vor dem Ersten Weltkrieg unternommen, kaum nüchterner: „Sehnsucht nach der Heimat ist ein eigentümlicher Zug bei allen Deutschen, die in fernem Lande leben; um die Weihnachtszeit aber verdoppelt sich diese Empfindung.“ Und auch der junge Pfeffersack aus bestem Haus musste sich in der Ferne auf ungewohnte Genüsse einstellen: „In Tegucigalpa sollte ich zum ersten Male ein gebratenes Gürteltier auf der Mittagstafel erleben. Es wurde in seiner Naturrüstung gebraten, nachdem man diese in ihrer ganzen Länge aufgeschnitten hatte . . . Das Fleisch hatte einen milden, zarten Geschmack.“

Der Tannenbaum muss sein: die Kolonialtruppe in Deutsch-Südwestafrika im Jahr 1905. Fotos: Ullstein
Knapp hundert Prozent Luftfeuchtigkeit in den Regenwäldern Asiens. Blutegel und Fieberanfälle. Gewaltmärsche bei schneidender Kälte und scharfem Wind im tibetischen Hochland. Manchen Reisenden dröhnen die Ohren von den ewigen Stürmen. Andere, wie die Schriftstellerin Hannah Asch, die „eine glühende Sehnsucht“ in den 20er-Jahren in den Fernen Osten trieb, waren wochenlang auf hoher See in Sorge vor chinesischen Piraten. Auf den Kapitän mochte sie nicht setzen: „Mit seinen jämmerlichen Leuten . . . hätte er einem Angriff machtlos gegenübergestanden . . .“

Auf den Seglern und Dampfern jener frühen Reisezeit legten sich Seekrankheit und schwere Brecher über die Festtagsvorbereitungen. Aber Weihnachten bleibt Weihnachten. Da müssen, Malaria hin und Malaria her, Plätzchen gebacken und Päckchen gepackt werden. Und ein Tannenbaum muss sein, auch wenn es, zum Beispiel in Hinterindien, gar keine Tannen gibt. Man hat keinen Reiseleiter, der alles regelt, man muss sich zu behelfen wissen. So freut sich Hugo Adolf Bernatzik, seinerzeit ein berühmter Reisender, auf einer Expedition durch das alte Siam in den frühen 30er-Jahren: „Da endlich steht ein schlanker Jungbaum vor mir in zartgefiederten Blättern, wie die der Akazien. Er soll es sein!“

Auch Sven Hedin, der Schwede mit dem Hang zur Deutschtümelei, der oft genug eine Christnacht ohne Lametta auf dem Dach der Welt verbringen musste, beschrieb das Fest in der Ferne voller Sehnsucht: „Lager 287 (im Himalaya) war das Ödeste, dessen ich mich von allen meinen Reisen erinnere – das Sandmeer der Taklamakan-Wüste ausgenommen. Nachdem die Tagesarbeit getan war, zündete ich mir zwei Lichter an und stellte die Bilder meiner Eltern und Geschwister auf einer der Kisten auf, wie ich es schon so manchen Weihnachtsabend in Asien getan hatte. Halb neun ging der Mond prachtvoll auf. Im Zelt konnte ich das Quecksilber nicht dazu bringen, über minus 20 Grad Celsius zu steigen. Meine Hände wurden so klamm, dass ich kein Buch halten konnte, sondern zu Bett gehen musste . . . So vergaß ich das Weihnachtsfest mit all seinen teuren Erinnerungen . . .“

Vielfach aber wird das Heimweh an diesen Tagen auch verdrängt und ertränkt. Knapp schreibt James Cook, einer der Urväter der Entdeckungsreisenden, am 26. Dezember 1768 in sein Logbuch: „Da gestern Weihnachten gewesen war, waren die Leute nicht gerade übermäßig nüchtern.“ Bernd Schiller
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