THEMEN DER ZEIT

Medizinverbrechen: Erinnern und beherzigen

Dtsch Arztebl 2008; 105(50): A-2698

Jachertz, Norbert

Zwei Busse der Tarnorganisation GEKRAT (Gemeinnützige Gesellschaft für Krankentransporte), die den Transport der „Euthanasie“-Opfer in die Tötungsanstalten durchführte. Fotos: ullstein bild
Eine an Überraschungen reiche Tagung in Gießen untersuchte, welche Folgerungen aus der NS-„Euthanasie“ nach 1945 gezogen wurden. Vor allem von der Ärzteschaft. Eine Bitte um Vergebung steht noch immer aus.

Zwölf Jahre gab es an der Universität Gießen den Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ein Teilprojekt, unter Leitung des Medizinhistorikers Volker Roelcke, galt „Vergegenwärtigungen der nationalsozialistischen ,Euthanasie‘“. Ende dieses Monats läuft der Sonderforschungsbereich aus. Zum guten Schluss richteten Roelcke und sein Team vom 12. bis 15. November eine Konferenz zum Umgang mit der NS-Euthanasie nach 1945 aus, besetzt mit namhaften Experten aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Israel, den Niederlanden und den USA.

„Euthanasie“ und Euthanasie
Ein Schwerpunkt der Tagung betraf Verhaltensweisen der Ärzteschaft.* Da gab es einige Überraschungen. So stellte sich alsbald heraus, dass der Begriff „Euthanasie“, der in Deutschland gerade auch in der Ärzteschaft negativ besetzt ist, in den Niederlanden, aber auch in Frankreich oder Israel emotionslos verwendet wird. Vehement setzten sich der Pädiater und Nephrologe Alfred Drukker (Jerusalem) wie auch der Historiker Harry Oosterhuis (Maastricht) dafür ein, den Begriff wertneutral zu gebrauchen. Was die Nazis als „Euthanasie“ bezeichnet hätten, sei keine Sterbehilfe, sondern blanker Mord gewesen, so Drukker.

Hinter dem Streit um Euthanasie mit oder ohne Anführungszeichen stecken auch unterschiedliche Haltungen zur Sterbehilfe. So scheint in den Niederlanden Euthanasie als Ausdruck bürgerlicher Freiheit verstanden zu werden. Ein Bezug zur „Euthanasie“ der Nazis wird nicht gesehen. In den Niederlanden sei es auch während der deutschen Besatzung in den psychiatrischen Anstalten nicht zum Krankenmord gekommen, versicherte Oosterhuis, der zusammen mit Marijke Gijswijt-Hofstra ein Standardwerk über die psychiatrische Versorgung zwischen 1850 und 2005 in den Niederlanden verfasst hat. Die Euthanasiedebatte, schon die der Vor-Nazizeit, sei zwar bekannt gewesen, doch habe sie sich wegen ausgeprägter religiöser Bindungen und enger sozialer und familiärer Netze nicht auswirken können – bis auf die jüdischen Patienten pychiatrischer Häuser! Diese wurden wie die anderen Juden in den Niederlanden ausgesondert und deportiert. Denn infolge des perfekten holländischen Meldesystems, das den Juden allgemein zum Verhängnis wurde, konnten diese Patienten identifiziert werden.

In Frankreich dagegen blieben die jüdischen Psychiatriepatienten verschont. Das Vichy-Regime erwies sich zwar im Abtransport der Juden in die Vernichtungslager als Komplize der Nazis, doch deren „Euthanasie“ machte es nicht mit. Anscheinend haben das die Nazis auch nicht verlangt, weder in Frankreich noch in den anderen besetzten Ländern im Westen. Darauf wies in Gießen Isabelle von Bueltzingsloewen (Université Lyon II) hin.

Die Historikerin legte nach zehn Jahren akribischer Recherchen im vorigen Jahr eine Untersuchung („L´Hécatombe de Fous“) über die Hungertoten französischer psychiatrischer Anstalten unter dem Vichy-Regime vor, die in Frankreich für Aufsehen und bei den Psychiatern für Erleichterung sorgte. Sie habe nämlich nachweisen können, berichtete von Bueltzingsloewen in Gießen, dass die 45 000 Hungertoten, die die Anstaltsstatistiken auswiesen, nicht Opfer von „Euthanasie“ gewesen seien. Der steile Anstieg der Todeszahlen ab Mitte 1940 sei vielmehr auf die allgemeine Nahrungsknappheit im Vichy-Frankreich zurückzuführen. Im normalen Alltag habe man sich gegenseitig helfen können, doch die von ihren Familien vielfach abgeschobenen Psychiatriepatienten hätten solche zusätzlichen Versorgungsmöglichkeiten nicht gehabt. Immerhin hätte die Vichy-Regierung auf Drängen der Anstaltspsychiater 1942 die Rationen erhöht.

Der Ordre tat sich schwer
Die Anklagen und Urteile des Nürnberger Ärzteprozesses wegen „Euthanasie“ und Experimenten an Menschen (1947) wurden in Frankreich zwiespältig aufgenommen. Darauf deutet ein Vergleich der Berichterstattung zweier führender ärztlicher Zeitschriften, „La Presse Médicale“ und „Le Concours Médical“, hin, über die der Medizinhistoriker Etienne Lepicard (Gießen/Jerusalem) berichtete. Während „La Presse“, die sich vorwiegend an Ärzte in Universitätskliniken richtet, 1946/47 häufig und ausführlich berichtete (und über die Motive rätselte, die Ärzte zu Helfershelfern der Vernichtung machten), schwieg sich „Le Concours“, bis auf eine Ausnahme, aus. Zielgruppe des „Concours“ waren die niedergelassenen (Haus-)Ärzte. Lepicard vermutete, die unterschiedliche Behandlung des Themas habe an den Zielgruppen gelegen.

1950 sprach sich die Académie Nationale de Médecine, eine renommierte wissenschaftliche Vereinigung, gegen Ethikkurse in der Medizinerausbildung aus – mit der verblüffenden Begründung, die Leute könnten sonst denken, man habe etwas aus der Naziperiode zu verbergen. Die Académie plädierte stattdessen dafür, die Frage zunächst auf internationaler Ebene zu behandeln.

Die Ärzteschaft tat sich mit der Vergangenheit schwer, so auch die Ärztekammer (L´Ordre des Médecins) mit ihrer Rolle bei der Ausschaltung jüdischer Ärzte. Diesen Ordre hatte die Vichy-Regierung 1940 als Standesorganisation der Ärzte gegründet. Der Ordre habe zwar die anitisemitische Politik nicht selbst gemacht, in Einzelfällen auch Ärzte im Beruf zu halten versucht, die Vichy-Politik aber umgesetzt und damit die Berufsethik „unheilbar kopromittiert“, resümierte in Gießen Donna Evleth (Paris). Die Erinnerung daran wurde lange verdrängt. Als der Ordre 1995 sein 50-jähriges Jubiläum beging, rekurrierte er auf die Wiedergründung 1945 und ließ Vichy außen vor. Noch 1997 erlebte der Präsident des Ordre, Bernard Glorion, einen „Feuersturm der Kritik“ (Evleth), weil er die Rolle der Ärzteschaft bei der Ausschaltung jüdischer Ärzte bedauerte. Erst 2007 nahm der neue Präsident des Ordre, Michel Legmann, die Entschuldigung wieder auf. Legmann ist Jude und sieht seine Wahl an die Spitze des Ordre als Beginn einer neuen Ära, die mit Glorions Entschuldigung 1997 begonnen habe.

Während in Deutschland die beschämende Haltung der Ärzteschaft gegenüber ihren jüdischen Kollegen inzwischen auch offiziell eingestanden wird, fehlen bislang vergleichbare Entschuldigungen gegenüber den Opfern von Euthanasie und Menschenversuchen. Anlässlich des Gießener Kongresses wies der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, darauf hin, dass die deutsche Ärzteschaft (erst) seit Mitte der 90er-Jahre öffentlich bekannt habe, dass Ärzte nationalsozialistische Verbrechen aktiv unterstützt hätten. Die übergroße Mehrheit der Ärzte habe geschwiegen oder sei einverstanden gewesen. Die Erkenntnis, dass Ärzte sich aktiv am systematischen Krankenmord beteiligt hätten, sei nicht erträglich. Die Ärzteschaft habe sich jedoch in den vergangenen Jahren intensiv mit den Verbrechen, die von Ärzten verübt worden seien, auseinandergesetzt. Gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt erklärte Hoppe zudem, weitere Schritte seien angezeigt (siehe Interview).

Denkmal der grauen Busse – das Betonmonument von Andreas Kritz und Horst Hoheisel erinnert in Berlin an die „Euthanasie“-Opfer.
Am Beispiel der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und dem „Fall Catel“ zeichnete der Medizinhistoriker Sascha Topp (Gießen) das Auf und Ab der Aufarbeitung einer belastetenVergangenheit nach. Werner Catel war als Gutachter des „Reichsausschusses“ mitverantwortlich für die „Kindereuthanasie“. 1949 und 1960 wurde er von dem Kinderarzt Rudolf Degkwitz angezeigt, die Verfahren wurden beide Male eingestellt, Catel konnte sogar 1954 Chef der Kieler Universitätskinderklinik werden. Der Vorstand der Fachgesellschaft für Kinderheilkunde gab zwar 1961 eine dürre Erklärung ab, „dass für ihn die Vernichtung auch sogenannten lebensunwerten Lebens in keinem Fall mit dem Berufsethos vereinbar ist“, ein Schuldanerkenntnis aber unterblieb. Es soll, so war in Gießen zu hören, 2010 kommen. Immerhin hat die Gesellschaft 1998 bei ihren vertriebenen jüdischen Kollegen Abbitte geleistet, vorangegangen war ein wissenschaftliches Projekt unter Leitung von Eduard Seidler (Freiburg).

In Gießen wurde angemerkt, dass die Anstöße, sich mit Medizinverbrechen der Nazizeit auseinanderzusetzen, durchweg von außen gekommen seien, so im Fall der Kinderärzte von dem seit 1948 in den USA arbeitenden Degkwitz.

Recherchen zu Sewering
Auch im „Fall Sewering“ spielen äußere Anstöße eine Rolle. Hans-Joachim Sewering, von 1973 bis 1978 Präsident der Bundesärztekammer, stand 1993 zur Wahl als Präsident des Weltärztebunds an, unbeschadet der frühen Mitgliedschaften in der NSDAP und der SS. Auch waren seit 1978 Vorwürfe in der Welt, Sewering habe als Konsiliararzt der Pflegeanstalt Schönbrunn bei Dachau 1943 eine junge Frau, Babette F., in die Psychiatrie München-Haar überwiesen, wo sie ein Opfer des dort praktizierten Krankenmords geworden sei.

Auf der Gießener Tagung zeichnete William Seidelman nach, wie es zum Protest gegen die anstehende Berufung zum Weltärztebund-Präsidenten und schließlich zu Sewerings Rückzug kam. Seidelman, ein kanadischer Arzt, der heute in Israel lebt, hatte wesentlichen Anteil daran, dass der Fall publik wurde. In Gießen verwahrte er sich gegen den Vorwurf, ein jüdisches Netzwerk habe Sewering zu Fall gebracht. In der Tat hatte Sewering den jüdischen Weltkongress als treibende Kraft bezeichnet, die Bundesärztekammer hatte diese Lesart übernommen und von einer Kampagne gesprochen. Folgt man Seidelmans Erläuterungen über den Hergang, dann waren zwar jüdische Ärzte an den Protesten beteiligt, aber nicht mehrheitlich. Entscheidend sei vielmehr gewesen, so Seidelman, dass Sewering wegen seiner Mitgliedschaften in Partei und SS sowie der Verwicklung in den Fall Babette F. für den Weltärztebund nicht tragbar gewesen sei.

Sewering hat stets darauf beharrt, sich an Babette F. nicht zu erinnern und nicht gewusst zu haben, dass in Haar Patienten umgebracht wurden. Zur Aufklärung könnten Akten aus dem Archiv des Bezirks Oberbayern beitragen. Schon 2006 hatte der Journalist Markus Krischer in seinem Buch „Kinderhaus“ darauf aufmerksam gemacht. Über die Aktenfunde berichtete in Gießen der Medizinhistoriker und Psychiater Gerrit Hohendorf (Gießen/TU München). Er sprach von insgesamt neun nachweislichen, individuell abgefassten Überweisungen Sewerings, Babette F. eingeschlossen. Fünf dieser Patienten seien in Haar zu Tode gekommen.

Als Lehrstück scheint „Vergangenheit“ heute sehr gefragt zu sein. So forderte Hoppe, man müsse sie „gegenwärtig“ machen, damit Lehren aus ihr gezogen werden könnten. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychologie und Nervenheilkunde hält es für notwendig, historische Aufarbeitung und Erinnerung dem Berufsnachwuchs nahezubringen. Der Bioethiker Warren T. Reich (Georgetown University, Washington) trat dafür ein, den Ärzten als Lehre aus der Vergangenheit zu vermitteln, wie vordringlich die persönliche Zuwendung (care) zum Patienten ist. Er hält die in der NS-Zeit systematisch betriebene Abkehr von der individuellen Fürsorge für den Patienten hin zur Vorsorge zum Nutzen der Allgemeinheit („Du bist nichts, Dein Volk ist Alles“) für die tiefere Ursache des Abgleitens in die Unmenschlichkeit.

Von der Anklage zur Analyse
Lehren aus den Nazimedizinverbrechen seien in Israel in die ärztliche Ausbildung integriert worden, allerdings erst seit den 90er-Jahren, einhergehend mit neuen Forschungen, berichtete die Historikerin Rakefet Zalashi (Department Hebrew and Judaic der New York University). Zuvor hätten sich nur vereinzelt Ärzte, oft Holocaust-Überlebende, mit „Euthanasie“, Menschenversuchen oder dem Verhungern in Konzentrationslager beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien israelische Ärzte zunächst daran interessiert gewesen, dass schuldige Ärzte vor Gericht kamen und deutsche Ärzte erst dann wieder am wissenschaftlichen Austausch teilnehmen konnten, wenn sie die von Ärzten begangenen Untaten eingestanden hätten.

Die (wissenschaftliche) Beschäftigung mit der NS-Zeit wandelt sich mit der Zeit. Volker Roelcke unterschied drei Phasen: In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts seien die Jahre von 1933 bis 1945 als abgeschlossene Periode behandelt worden. In den 70er-Jahren sei die geschichtliche Kontinuität, in die auch die NS-Zeit eingebettet sei, betont worden. Heute stehe die lokale Ausprägung, in der sich Kontinuität, äußere Zwänge oder persönliche Bezüge widerspiegelten, im Fokus. Roelcke nennt dies das lokalisierende-kontextuale Paradigma.

Die Gießener Tagung lässt zudem eine neue Qualität der wissenschaftlichen Auseinandersetzung erkennen – weg von der Anklage hin zu Aufarbeitung und Analyse, um Fehlentwicklungen zu erkennen und Menschheitskatastrophen zu verhindern.
Norbert Jachertz

*Darauf konzentriert sich der Bericht und vernachlässigt Themen wie Wiedergutmachung, Rolle der Justiz oder Formen des Gedenkens.
Zum Projekt: www.uni-giessen.de/erinnerungskulturen/home/teilprojekte.html
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