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MEDIZIN: Aus der Redaktion

Der Check-up vor der Veröffentlichung: Nach der Begutachtung werden wissenschaftliche Texte noch redaktionell überarbeitet, um sie lesbarer und verständlicher zu gestalten.

The Check-up Before Publication

Dtsch Arztebl 2008; 105(51-52): 897-9; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0897

Mertens, Stephan

Bis zur Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit vergeht oft viel Zeit. Forschen, Schreiben und die Begutachtung des Manuskripts sind Stationen auf dem manchmal langen und steinigen Weg des Publizierens. Aber bevor der Artikel veröffentlicht wird, prüft der Redakteur ihn nochmals stilistisch auf Herz und Nieren. Aber was genau passiert bei der redaktionellen Überarbeitung? Und wird der Artikel dadurch tatsächlich lesbarer und präziser?

Evaluation redaktioneller Arbeit
Größere medizinische Fachzeitschriften veröffentlichen die begutachteten Artikel generell erst nach redaktioneller Bearbeitung, so auch das Deutsche Ärzteblatt. Hierunter versteht man die sprachliche Überarbeitung, das Anpassen an die Layout- und Stilregeln der Zeitschrift sowie die Korrektur von Interpunktion und Orthografie. Kürzere Sätze und der Gebrauch des Aktivs erleichtern das Verstehen. Tabellen und Grafiken sollen in einer einheitlichen Form erscheinen und auch ohne Lektüre des Textes verständlich und schnell erfassbar sein. Dies dient einem Zweck: Den Artikel lesbarer zu gestalten, um so den Transfer vom Wissenschaftler zum Leser zu verbessern – zum Nutzen des Patienten. Ob dies tatsächlich gelingt, überprüften einige wissenschaftliche Arbeiten, beispielsweise eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration. Wager und Middleton (1) identifizierten 18 Studien, die sich mit dem Effekt des Redigierens auseinandersetzten. Lediglich zwei Untersuchungen waren randomisiert und kontrolliert. Die anderen Studien verglichen entweder verschiedene Zeitschriften oder ein Journal vor und nach der Intervention. Die im Folgenden genannten Themen sind Gegenstand der Forschung:
- Verbessert das Redigieren den Text?
- Erhöhen Autorenhinweise die Qualität von Manuskripten?
- Sind die Zusammenfassungen präzise und ausführlich?
- Ist die Literatur fehlerfrei, und gibt das Zitat die getroffene Aussage adäquat wieder?

Redaktionelle Bearbeitung
Die von Wager und Middleton analysierten Studien sind sehr heterogen. Auch ist das Forschungsthema, die Lesbarkeit, schwer zu beurteilen. In acht von Wager und Middleton gesichteten Untersuchungen verbesserte sich durch die Intervention die Lesbarkeit. Allerdings wurden die Texte in den einzelnen Studien anhand unterschiedlicher, nicht validierter Kriterien beurteilt, weshalb sie miteinander nur ansatzweise vergleichbar sind. Häufig verwendete Messinstrumente für Lesbarkeit sind beispielsweise der Flesch-Score und der Gunning-Fox-Index (Kasten 1).

Entsprechend dieser Einteilungen und der anderen herangezogenen Kriterien, wie Praxistauglichkeit der vermittelten Informationen oder Unterschiede zwischen Haupttext und Zusammenfassung, verbessert die redaktionelle Arbeit die Lesbarkeit signifikant. In einigen Arbeiten erscheint dieser Effekt aber nur moderat; die Texte werden trotzdem noch als schwer verständlich kategorisiert.

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt eine Analyse von Artikeln, die im British Journal of Surgery veröffentlicht wurden. Die Lesbarkeit eingereichter und akzeptierter Manuskripte war gleich, was darauf hindeutet, dass sie sich durch die Begutachtung nicht verbessert hatten. Der Flesch-Score verbesserte sich aber von 20,5 auf 24 Punkte nach der redaktionellen Bearbeitung (p < 0,001). Die Redakteure kürzten die Texte um durchschnittlich 7,8 Prozent (3). Sie verminderten die Satzlänge, die Zahl der Sätze pro Absatz sowie die durchschnittliche Wortlänge signifikant.

Manuskripte von Autoren, deren Muttersprache nicht Englisch ist, waren besser lesbar als jene von Muttersprachlern (Flesch-Score: etwa 19 versus 22; p = 0,016) (3). Möglicherweise formulieren Muttersprachler komplexere Sätze und verwenden längere Wörter.

Beachtung von Autorenhinweisen
Hinweise für Autoren gibt es wohl für jedes Fachjournal, gelesen und befolgt werden sie aber nicht unbedingt. Dies entspricht auch unseren Erfahrungen in der Redaktion und ist das Ergebnis einer randomisierten Studie (4). Pitkin und Brangan hatten 250 zu revidierende Manuskripte randomisiert, bei denen Inkonsistenzen innerhalb der Zusammenfassung oder zwischen Zusammenfassung und dem Haupttext zu beheben waren. In der Interventionsgruppe erhielten die Verfasser spezifische Instruktionen zur genannten Problematik, wohingegen dies in der Vergleichsgruppe nicht erfolgte. In beiden Versuchsarmen wiesen etwa ein Viertel der Texte auch nach der Revision die monierten Fehler auf (5). Dies zeigt, dass die Autoren die redaktionellen Anmerkungen nicht berücksichtigt hatten.

Genauigkeit der Referenzierung
Insgesamt wurden in verschiedenen Studien mehr als 15 000 Zitate überprüft. Durchschnittlich haben 39 Prozent (von 4 bis 67 %) der Referenzen fehlerhafte bibliografische Angaben. In 20 % der Fälle (von 0 bis 44 %) stützte darüber hinaus die zitierte Quelle nicht die formulierte Aussage (1).

Informationsgehalt der Zusammenfassungen
Nach der Überschrift ist die Zusammenfassung der am häufigsten gelesene Text eines Fachartikels (6) und sollte deshalb sehr sorgfältig geschrieben und redigiert werden.

Besonders schnell erfassbar scheinen strukturierte Zusammenfassungen zu sein. Diese Darstellungsform haben die Annals of Internal Medicine bereits im Jahr 1987 entwickelt (7, 8). Ziel war es, dem Leser eine einheitliche Struktur zu präsentieren, anhand derer man die wichtigsten Informationen schnell erfassen kann. Die Lesbarkeit und Verständlichkeit strukturierter Zusammenfassungen haben auch Wager und Middleton in ihrem Cochrane Review untersucht (1). In sechs von sieben Studien stellte sich diese Präsentationsform als überlegen dar und wird heute von den meisten Fachzeitschriften genutzt. Aus diesem Grund publiziert das Deutsche Ärzteblatt ebenfalls strukturierte Zusammenfassungen. Dies gilt auch für Übersichtsarbeiten, denn auch hier erlaubt eine strukturierte Zusammenfassung eine rasche inhaltliche Orientierung.

Pitkin hat in einer Studie untersucht, ob die in Zusammenfassungen getroffenen Aussagen mit denen im Haupttext übereinstimmen. Obwohl dies eine inhaltliche, der Begutachtung zugehörige Aufgabe ist, bearbeiten einige renommierte Zeitschriften diese Texte auch redaktionell. Pitkin verglich die allgemeinmedizinischen Journale British Medical Journal, Lancet, JAMA, New England Journal of Medicine, Annals of Internal Medicine und Canadian Medical Association Journal. In 39 Prozent der Abstracts wies Pitkin Fehler nach (5). Allerdings gab es deutliche Unterschiede zwischen den untersuchten Zeitschriften (Fehlerquote: 18 bis 68 Prozent). Diese Ergebnisse motivierten JAMA, eine hausinterne Revision der Abstracts anhand eines festgelegten Kriterienkatalogs vorzunehmen (6). Eine Evaluation zeigte, dass diese erfolgreich war. Inkonsistenzen zwischen Zusammenfassung und Haupttext hinsichtlich abweichender Daten oder der Nennung wichtiger Ergebnisse und ungerechtfertigter Schlussfolgerungen konnte die Redaktion des JAMA in der Folge signifikant vermindern (8).

Wager und Middleton kommen in ihrer Cochrane-Arbeit zu dem Schluss, dass die Begutachtung und die redaktionelle Arbeit Publikationen verbessert (1). Die Lesbarkeit wird durch die Redakteure gesteigert, wenngleich diese Texte meistens nicht die Lesbarkeit von anspruchsvolleren Zeitungsartikeln erreichen. Eine gründliche redaktionelle Arbeit kann die Qualität der Zusammenfassungen und die der Referenzen verbessern. Ob Autorenhinweise sich positiv auswirken, kann nicht eindeutig beantwortet werden.

Procedere beim Deutschen Ärzteblatt
Die vorgestellten Studien sprechen dafür, dass die intensive Bearbeitung der akzeptierten Manuskripte die Lesbarkeit verbessert. Hiervon ist auch die Redaktion des Deutschen Ärzteblatts überzeugt. Die Artikel werden vor der Veröffentlichung intensiv bearbeitet. Stichprobenartig haben wir die Zahl der Korrekturen pro Manuskript erfasst (n = 20). In einem etwa sechsseitigen Artikel mit 2 300 Wörtern werden durchschnittlich 293 (SD ± 74,7) Änderungen vorgenommen. Somit wird etwa jedes zehnte Wort verändert. Die meisten Modifikationen betreffen den Satzbau: kürzere Sätze, Aktiv statt Passiv, Verbal- statt Nominalstil und Klärung von möglicherweise missverständlichen Passagen. Tabellen und Grafiken sollten in einer einheitlichen Form und von sich aus verständlich erscheinen. Hinzu kommen Korrektur von Interpunktion und Orthografie sowie Anpassung an den Hausstil, beispielsweise die Schreibweise von Zahlen in Verbindung mit Maßangaben. Gelegentlich treten beim Redigieren aber auch noch Fehler zutage, die bei der Begutachtung nicht aufgefallen sind.

Die redigierte Fassung autorisiert der Autor vor der Veröffentlichung. Vor der Publikation gestalten die Layouter die Seiten, und der Artikel wird nochmals Korrektur gelesen. Erst dann erscheint der Artikel.

Nicht allen Autoren ist es geläufig, dass nach dem Abschluss des Begutachtungsverfahrens der Text noch geändert wird. Dies ist auf die Gesamtzahl der Fachzeitschriften betrachtet auch eher die Ausnahme. Vielen, besonders kleineren Journalen fehlen für eine redaktionelle Bearbeitung die Ressourcen. Einige Verfasser sind manchmal besorgt, ob durch das Editieren Aussagen möglicherweise verfälscht werden. Aus diesem Grund erhält der Autor vor Drucklegung die Satzfahne zur Korrektur. Selbstverständlich wird nur die vom Autor autorisierte Fassung veröffentlicht. Bei 10 zufällig ausgewählten Artikeln mit jeweils etwa 2 300 Wörtern wurden durchschnittlich 64,1 Korrekturen (SD ± 54,5) von Autorenseite vorgenommen, die allermeisten bezogen sich dabei nicht auf die während der Bearbeitung vorgenommenen Änderungen. Nach unserer Erfahrung ist die überwiegende Zahl der Autoren mit der redaktionellen Bearbeitung sehr zufrieden.

Interessenkonflikt
Der Autor ist Redakteur in der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblatts und redigiert Manuskripte, die hier erscheinen.

Anschrift des Verfassers
Dr. sc. nat. Stephan Mertens
Redakteur der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion

The Check-up Before Publication
Dtsch Arztebl 2008; 105(5152): 897–9
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0897

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Wager E, Middleton P: Technical editing of research reports in biomedical journals (Cochrane review). In: The Cochrane Library 2008; issue 1 MEDLINE
2.
Müllner M, Waechter F, Schroter S, Squire B: How should abridged scientific articles be presented in journals? A survey of readers and authors. CMAJ 2005; 172: 203–5. MEDLINE
3.
Hayden JD: Readability in the British Journal of Surgery. Br J Surg 2008; 95: 119–24. MEDLINE
4.
Pitkin RM, Branagan MA: Can the accuracy of abstracts be improved by providing specific instructions? A randomized controlled trial. JAMA 1998; 280: 267–9. MEDLINE
5.
Pitkin RM, Branagan MA, Burmeister LF: Accuracy of data in abstracts of published research articles. JAMA 1999; 281: 1110–1. MEDLINE
6.
Winkler MA: The need for concrete improvement in abstract quality. JAMA 1999; 281: 1129–30. MEDLINE
7.
Ad hoc working group for critical appraisal of the medical literature: A proposal for more informative abstracts of clinical articles. Ann Intern Med 1987; 106: 598–604. MEDLINE
8.
Huth EJ: Structured abstracts for papers reporting clinical trials. Ann Intern Med 1987; 106: 626–7. MEDLINE
9.
Pitkin RM, Branagan MA, Burmeister LF: Effectiveness of a journal intervention to improve abstract quality. JAMA 2000; 283: 481. MEDLINE

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